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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-05-01 · Heft 18 (1.5.1908) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 18 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
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215 positiven und in sich geschlossenen Inhalt' hat, — ewig dauernd ist doch an ihm nicht der Inhalt, sondern nur die Methode, die selbsttätige Funktion des religiösen Subjekts, welche auf alle Gedanken und Kulthandlungen weniger Wert legt als auf das spontane Sich-Erfüllen mit dem Geiste des Universums und der Menschheit.. Ghktto-Lomödirn. Die Bekehrten. Von I. Zangwill.h fß"v saß aus seinem harten Stuhle in der weißgekalkten Werkstätte in Vowery, und während er das marktschreierische Porträt der Schauspielerin aus die Schachteln der „Hvonne Rupert-Zigarren" klebte, sann er — nachdem sich die erste Freude darüber gelegt, daß er nach wochenlangem vergeblichen Suchen und Hungern nun endlich Arbeit gefunden hatte — nun darüber nach, wie seltsam es sei, daß sein Schicksal ihn, wenn auch nur in entfernter Weise, nun doch wieder in Beziehung zu der Buhnenwelt gebracht hatte. Denn selben die Ghetto-Atmosphäre, in der Elkan Mandle sich bewegte, war der Ruhm Pvonne Ruperts, beides, als Pariser Stern und als Königin der amerikanischen Reklame, gedrungen? Von dem Augenblicke an, da sie den jüdischen Blumenhändler verklagt hatte, weil er ihr die hundertundels Blumensträuße nicht bezahlt hatte, die sie ihm während eines achttägigen Engagements am Vaudeville überlassen hatte, hatten die Zeitungen unausgesetzt kleine amüsante Geschichten über sie gebracht, die sie meist selbst verfaßt hatte, um Reklame für sich zu machen. Es war kaum eine Aehnlichkeit zwischen dem New Yorker Stern und der kleinen Schauspielerin in dem bescheidenen jüdischen Theater in London; nur die Glorie seidenweichen, goldenenHaares, die ihr Haupt umgab, erinnerte lebhaft an sie. Aber die gehörte eher dem Genus als dem Individuum an. Aber während er immer und immer wieder das Porträt der großen Wonne auf die Zigarrenkistchen klebte (er bekam 75 Cent für jedes Hundert) glaubte er doch immer mehr die Züge seiner geliebten Gittel. in dem bunten Bilde zu erkennen, bis zuletzt die ganze schmachvolle Vergangenheit aus ihrem Grabe vor ihm erstand. Er durchlebte in Gedanken sogar jenes Vorspiel seines späteren Schicksals, als er, der als wohltätig bekannte erste Schneider, der nur die feinste Arbeit aus S. Cohns Kleidergeschäst in Holloway zugewiesen erhielt, herauf gerufen wurde, um sich der hilflosen polnischen- Emigrantin anzunehmen. - . Da saß die entzückende kleine Teufelin mitten aus dinem Tische, der dem Heim eben erst zugewandt worden war. Sie war ein pikant aussehendes zierliches Geschöpschen von elf Jahren mit dunklen Augen und einer Fülle wie Gold schimmernden Haares. Der Lärm der durcheinander sprechenden und schreienden Eltern und Kinder schien keinen großen Eindruck auf sie zu machen. Verhältnismäßig zierlich gekleidet und mit großer Ruhe blickte sie aus die lärmende Gesellschaft herab. 0 Deutsch von Hans Heinz^ Ewers. Autorisierte Nebersetzung. Sie hatte etwas^den anderen Ueberlegenes, es schien, als sage sie : Macht nur alles untereinander aus. Wenn es hier Stühle gibt, werde ich mich daraus setzen und wenn der Tisch gedeckt ist, rücke ich schon daran; wenn die wohltätigen Menschenfreunde uns mit Feuer versorgen, werde ich es schüren." Ach,, er war zu jener Zeit ein Philantrop gewesen und Gott weiß es, wie fromm und gläubig er seine religiösen Pflichten erfüllt hatte! Warum nur hatte der Satan den fleißigen Mann, den Schatzmeister der „Pforte zur Gnade", der die beste Frau in der Welt und schöne Kinder hatte, in solche Versuchung geführt? Hatte er nicht Tag und Nacht gebetet, daß der Satan Mekatrig keine Gewalt über ihn bekommen möge? Hatte er es denn nicht wirklich gilt gemeint, als er das kleine Mädchen damals in seiner Werkstätte aufnahm? Erst als Gittel Goldstein im Alter von 16 Jahren endgültig dem großen Raume, in dem die Nähmaschinen schwirrten, beu Rücken wandte, um die lukrativere und ruhmreichere Stellimg der Heldin an Goldwaters Londoner jüdischem Theater anzunehmen, entdeckte er, wie unendlich teuer ihm das kapriziöse und kokette junge Mädchen geworden war. Ja, daß er nicht mehr ohne sie leben könne. O des Wahnsinns, des Wahnsinns! Er verließ Weib und' Kinder ihretwegen, machte seine Ersparnisse flüssig und floh mit der Geliebten nach Amerika. Ein Jahr lang reichte das mitgenommene Geld zu einem verschwenderischen, üppigen Leben in New Wrk, dann aber, nachdem seine Mittel völlig erschöpft waren, verschwand Gittel plötzlich. Und nun nach sieben schrecklichen Jahren, in denen er in völlige Apathie versuilken war und in denen die Notwendigkeit, seinen Unterhalt zu verdienen, der einzige Sporn zum Leben gewesen, war er so heruntergekommen, daß er froh war, vorübergehend die Arbeit einer Frau verrichten zu dürfen und 75 Cents für die Aufmachung von 100 Zigarrenkistchen zu verdienen. Bittere Tränen der Scham stiegen in seinen Augen auf, wenn sein Blick über die freudlose Umgebung siel, auf die schäbigen Männer und die reizlosen Frauen mit ihren roten Kleistertöpsen und das Gemisch unfertiger und gemalter Kasten, das lange, mit Bindfadenknüueln besetzte Regal. Heiße Tränen tropften aus die Bilder Wonne Ruperts. II. Wie er da saß und klebte und klebte nnb ihr gemaltes Gesicht mit seinen kleistrigen Fingern liebkoste, beschäftigten sich seine Gedanken immer und immer wieder mit der „französisch-amerikanischen Sängerin und Tänzerin". Er sah ihr Bild fast den ganzen Tag vor sich mit den kurzen Unterbrechungen, die notwendig waren, um die Rückseite und Seitenwände der Kasten auszuputzen. Aber Wonnes Bild befand sich zweimal an jedem Karton — einmal groß auf der Innenseite und einmal klein aus der Außenseite, mit einem gummierten Schlußband, das zugeklebt wurde, sobald die Zigarren erst eingepackt waren. Er erinnerte sich alles dessen, was er über sie gelesen — ihrer Klostererziehung, infolge deren sie so keusch geblieben, daß sie allen Versuchungen des Bühnenlebens widerstand, der langen Fasten, denen sie sich freiwillig unterwarf — was durch eine von ihr vor dem Gerichtshöfe beanstandete Fischrechnung an den Tag kam, des Kruzifixes, das sie stets bei sich trug, des entzückenden französischen Akzents, mit dem sie die Herzen der Wnkees gewann, des fürstlich eingerichteten Privatwaggons, mit dem sie die Vereinigten Staaten durchreiste, mit seiner kleinen neben dem Badezimmer liegenden Kapelle; der

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