Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 150 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Beharrlichkeit, staunenerregende Gelehrsamkeit der alten Und strengwissenschaftlichen Forschung der neuen Zeit, vorbildliche Frömmigkeit und klares Verständnis für die Erscheinungen des Lebens kennzeichnen den großen Schüler nicht minder wie den großen Lehrer. Beide stellen den reichen Schatz ihres Wissens, die edelsten Regungen ihres empfänglichen Herzens . in den Dienst ihrer zahlreichen Jünger, die aus vielen Ländern und Weltteilen herbeiströmen, um aus dem Born der Gotteslehre in Wonne und Freude zu schöpfen. Und doch ist die Lehrtätigkeit des Schülers eine andere als die des Lehrers! Frankel suchte, wie er es selber nannte, ein klassisches Studium des Talmuds unter seinen Jüngern zu begründen. Ganz anders L e w y! Er wollte den jerusalemischen und babylonischen Talmud wissenschaftlich behandeln und zog deshalb die halachischen Midraschim heran, um durch eine vergleichende Nebeneinanderstellung der in Betracht kommenden Materien den oft verstümmelten Text richtig zu stellen, beziehungsweise kritisch zu beleuchten. Frankel bediente sich der klassischen Methode und konnte sich deshalb von der Dialektik (Pilpul) der alten Zeit nicht ganz lossagen. Er suchte den Inhalt in der überlieferten Form. Lewy bediente sich der textkritischen Methode, wollte der ursprünglichen Form im Gegensatz zu der im Laufe der Zeiten arg korrumpierten zu ihrem Rechte verhelfen. Dadurch ist es oft gelungen, den Jdeengang im babylonischen und jerusalemischen Talmud klar zu beleuchten und viele Gegensätze, mit denen sich Tannaim, Amoräer, Saboräer, Tossafisten und spätere Gelehrte befassen, auszugleichen. Und zu dieser einzig richtiger: Methode des Talmudstudiums konnte sich nur ein Mann wie Lewy enrporschwingen. . Bereits irr jungen Jahren beherrschte er den Talmud, die Decisoren und die ganze einschlägige Literatur. Er konnte den Gedankensprüngen eines Meharscha nicht minder folgen, wie dem folgerichtigen und systematischen Jdeengang eines Mairnonides. Die Geistesblitze eines Elia Wilna, die scharfsinnigen Responsen eines Moses Sopher und Akiba Eger imponierten ihm ebenso wie die modernen Anschauungen eines Frankel, Graetz, Zunz und Geiger. Er, der großes philosophisches, Philologisches und exegetisches Wissen mit talmudischer Gelehrsamkeit harmonisch vereinigt hat, war gleichsarn von der Vorsehung dazu auserkoren, das Talmudstudium in neue Bahnen zu lenken. Durch diese Lehrweise veranschaulichte er vor dem Auge seiner Jünger das alte Bild unserer großen und herrlichen Vergangenheit, erweckte Pietät und Begeisterung. Zugleich aber erkannten seine Schüler mit klarem Blick und kritischen: Geist die hohe Bedeiltung der Wissenschaft in der Gegenwart. Von seiner seltenen Meisterschaft in dieser Methode legen Zeugnis ab seine neuesten und älteren Werke: „Jnterpretatior: der vier Abschnitte des palästinischen Talmndtraktates Nefikin", „Fragmente aus der Mischna des Abba Saul" und „Ein Wort über die Mechilta des R. Simon". Dies^und noch einige andere Schriften verfolgen den Zweck, ein besseres Verständnis, des talmudischen Schrifttums zu fördern und den Wahrheitsbeweis für die Richtigkeit der textkritischen Methode zu erbringen. Vielfach wird der große Mangel kritischen und echtwissenschastlichen Talmudstudiums beklagt. Ich zweifle nicht, daß Lewhs Methode in: Laufe der Zeiten allgenreine Anerkennung, Würdigung und Verbreitung finden wird. Und wie er'als Lehrer bahnbrechend und durch seine Lehre vorbildlich gewirkt hat, so hat er auch durch sein Leben einen mächtigen Einfluß ausgeübt auf seine Jünger. Voller Liebe und Ehrfurcht erheben die gewesenen und gegenwärtigen Schüler Auge und Herz zu ihrem Lehrer und Berater, zu ihrem Freund und Meister und bewundern neben seiner großen Gelehrsamkeit seinen emsigen Fleiß und heiligen Ernst, seine Gewissenhaftigkeit und zielbewußte Tatkraftseine Gastfreundschaft und väterliche Gesinnung. Wer Lewhs Genialität als Lehrer würdigen will, der muß sich in das Auditorium begeben, woselbst er Schiur liest. Mir steht noch heute, nach mehr denn 16 Jahren, sein Schiur vor Augen. Wie verstand er es, sein Auditorium volle zwei Stunden in Spannung zu erhalte::, trotz seiner erhöhten Anforderung an Fleiß und Arbeitsfreudigkeit! Unzählige Stellen aus den halachischen Midraschim, Parallelen und Meinungen von alten und modernen Gelehrten zog er in seinen Forschungskreis. Er zitierte alles aus seinem Gedächtnis, und erregte unsere Bewunderung durch seine fast verblüffenden Resultate. Und wer Lewy als Mensch würdigen will, der n:uß einen Sabbat- oder Sederabend in seinem Hause verlebt haben. Es ist keine Uebertreibung, wenn :nan von: augeerfreuenden Glanz seines Hauses spricht, von der weihevollen Stimmung in seinem Familienkreise, vom bestrickenden und bestechenden Zauber, der von ihm und seiner biedern Gattin, der würdigen Tochter des fronnnen und gelehrten Baer H. Daniel s. A., ausgeht. Ich bin zu Ende mit meinem Rückblick. Nur das eine möchte ich noch erwähnen, daß Lewy jenen Geistesfürsten vergangener Zeiten gleicht, die von der Höhe ihres Wissens hinabgestiegen sind, i:m ihre Schüler nicht bloß mit Weisheit und Erkenntnis auszurüsten, sondern auch ::::: sie zu erfreuen durch ihre innige Fürsorge und zu beglücken durch warme Teilnahine an ihrem Wohl und Wehe. So möge es denn unseren: geliebten Meister vergönnt sein, noch lange, recht lange in geistiger Kraft und körperlicher Frische Schüler auf Schüler in seinem Sinne und Geiste und insbesondere in seiner Lehrweise heränzubilden, zur Ehre des Judentums und zun: Segen der Wissenschaft! -«Gr. Lrirk aus Nrlterreich. ie Christlich-Sozialen hatten wieder ihren Braten. Es ist wirklich zu verwundern, wie sich diese Leute, insonderheit ihre Presse, um unsere sittliche Vervollkommnung mühen. Freilich ist nach ihrer Meinung an uns sehr, sehr viel zu bessern. Wie sollte es auch anders sein, wenn es so viele verworfene Subjekte unter uns gibt, deren Verbrechen als Ausfluß semitischer Verkommenheit gebrandmarkt werden. Ihre Leser werden sich zu erinnern wissen, daß in: verflossenen Sommer ein höchst eigentümliches Verbrechen an einen: Automobilhändler von einem Manne begangen wurde, der sehr zufälligerweise als Jude geboren worden ist. Sonst hatte der Mensch mit dem Judentume wenig gemein. Zu seinen: Verbrechen, einen: frechen Raubanfall, um sich in den Besitz eines Automobils zu setzen — in der Tat ein höchst phantastischer Einfall — wurde das Individuum von einem arischen Kollegen angestistet. Und nun wird jener Verbrecher von der antisemitischen Presse, an deren Spitze das bekannte, leider von Juden viel gelesene, wir wollen nicht behaupten auch abonnierte, sattsam bekannte „Deutsche Volksblatt", eine Gründung des berü—hmten Vergani, marschiert,' mit den: