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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 149 (sequence 7)
Language
German
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Das ame rikanische Handels-Departement hat soeben einen sehr wertvollen Bericht über die Lage der russischen Juden nach, der Enquete, welche die hierzu ausgesandte Deputation veranstaltete, ausgegeben. Von besonderem Interesse sind darin die Mitteilungen über die Zahl der Juden in Städten und auf dem Lande, sowie-über ihre Beschäftigung in Handel und Gewerbe. In Litauen wohnen 297 980 Juden oder 42.7% der jüdischen Bevölkerung in Städten; in Weißrußland 324 847 oder 44,8%, in Südwestrußland 502 830 oder 53,3%, in Südrußland 453 980 oder 62,20/0 und in Polen 813 375 oder 61,60/o der gesamten jüdischen Bevölkerung dieses Landes. Im Jahre 1857 waren 164 026 Juden direkt und indirekt in der Landwirtschaft beschäftigt; 72 220 waren bei der Verarbeitung tierischer Produkte angestellt, 134476 beschäftigten sich mit der Verarbeitung von Holz, 148 329 mit jener von Metall. 125 514 gehörten gelehrten Berufen an, 54 277 dienten in Armee und Marine, 183 316 produzierten Nahrungsmittel und 782 454 waren in der Kleidungsindustrie beschäftigt. Im Baugewerbe fanden 152 678 ihren Unterhalt, in der Speditions- und Fuhrwerksindustrie 170724, in der keramischen Industrie 20 691 und in der Textilindustrie 93 298, 61 697 werden als in Synagogen beschäftigt aufgeführt, 8122 in der Rubrik „Kunst und Wissenschaft", 171905 als von ihren Renten oder der Unterstützung ihrer Angehörigen Lebende. 7125 als in der Viehzucht Beschäftigte und 12 876 als im Forftgewerbe Angestellte. Als Geschäftsleute und Handlungsgehilfen im allgemeinen werden 398 937 bezeichnet und 587 107 als Händler mit landwirtschaftlichen Produkten. Von einer Totalzahl von 556 086 Personen, die innerhalb des Ansiedlungsrahons vom Handel leben, sind 426 628 Juden, und nur 129 458 Nichtjuden. Das heißt also, daß vier Fünftel aller im Ansiedlnngsgebiete lebenden Kaufleute Juden sind. Interessante Aufschlüsse über die geographische Verteilung der verschiedenen Berufs arten sind in dem Bericht enthalten. In Litauen und Weißrußland zum Beispiel entfällt auf die den industriellen Berufen Angehörigen eine viel größere Zahl als auf Kaufleute, eine bemerkenswerte Tatsache, angesichts der größeren Anhäufung der Juden im Nordwesten und ihrer schlechteren ökonomischen Lage. In diesen Provinzen ist ein rapider Wechsel von kaufmännischen Beschäftigungen zur industriellen Tätigkeit zu beobachten, * und hier ist auch der Mittelpunkt der Arbeiterbewegung. Diese Provinzen stellten auch bis in die jüngste Zeit hinein das Hauptkontingent der Auswanderer nach den Vereinigten Staaten. Aus den offiziellen Statistiken geht hervor, daß 63 Prozent der jüdischen Einwanderer in Amerika während der Periode von 1901/06 der Klasse der industriellen Arbeiter angehörten, und unzweifelhaft ist ein großer Teil der in den amerikanischen Einwanderungstabellen als Hausangestellte bezeichneten Einwanderer der Rubrik „Industrielle Arbeiter" zuzurechnen. Mehr als 40 000 Juden sind in Rußland in der Landwirtschaft beschäftigt, und mehr als 150 000 Personen leben von ihrem Verdienst, so daß insgesamt mehr als 190 000 Juden ihren Unterhalt in der Landwirtschaft finden. Sie bearbeiten 305 407 Ares. Wenn die durchschnittliche Lage des russischen Bauern zum Vergleich herangezogen werden soll, muß man feststellen, daß diese jüdischen Bauern im allgemeinen gut gestellt sind. Die Familie besitzt durchschnittlich. 2 bis 28 Pferde. Neben jüdischer Arbeit ist auch jüdisches Kapital stark in der Landwirtschaft angelegt. Beträchtliche Landstrecken gehören Juden zu eigen oder sind von ihnen gepachtet. Das sind allerdings immer noch nicht 1,5% der Gesamtfläche des Rayons. Außerhalb des Ansiedlungsrayons leben nach einer Zählung von 1893 weniger als 10 000 jüdische Handwerker. Für ungelernte' Arbeiter war aus den fünf großen Zentren Lodz, Odessa. Kiew, Kowno und Mohilew kein statistisches Material zu erbringen. Außer diesen fünf Städten betrug die Zahl der ungelernten Arbeiter 97 900, im ganzen also weit über 100 000. Nach Beschäftigungsarten unterschieden, stellt sich diese Zahl wie solgt dar: Landwirtschaftliche Arbeiter 12901, Droschkenkutscher 13 260, Erdarbeiter und Steineklopfer 9986, Hafenarbeiter und Lastträger 32 528, Holzfäller 4286, Flößer 3113, Lumpensammler 4301. Fuhrleute 18 819, Wasserträger 5378, nicht spezifiziert 328, insgesamt also 97 900. Der Prozentsatz der ungelernten Arbeiter beträgt. also: 2% der gesamten jüdischen Bevölkerung, während in ungelernten Berufen 70/0 tätig sind. Dieser Prozentsatz steigt auf 3,3 respektive 10 in Südrußland und. fällt auf 1,4 und 4,2 in Polen. Einen gewissen Ueberblick über die Verteilung des jüdischen Kapitals in Rußland gibt die folgende Tabelle, die nach Branchen geordnet die Zahl der Etablissements enthält, in denen.jüdisches Geld investiert ist: Textilbranche 305, Leder 162, keramische Unternehmungen 98, Mineralwasserfabriken 81, Getreidemühlen 68, Ziegelbäckereien 66, Kurzwaren 63, Holzwarenbranche 58, Gläserei und Töpferei 50. Metallwaren 49, Sägemühlen. 46, Bierbrauereien 45, Papierfabriken 42, chemische Fabriken 29, Seifenfabriken 21, Bürstenfabriken 25, sonstige Etablissements 201. Im Ansiedlungsgebiete stellen die Juden dreiviertel z^r Gesamtzahl der Kaufleute (448 541 zu 618 762 oder 72,5%). Dieses Verhältnis wechselt beträchtlich, je nach den verschiedenen Provinzen. Im Nordwesten sind 90 % der Kaufleute Juden, in Grodno und Minsk über 92 %. Krok. ©r. Ursel Lrwy. Von Rabbiner Dr. Heinrich Berger. m 29., 30. und 31. Oktober 1904 hat das Jüdisch-Theologische Seminar zu Breslau anläßlich seines fünfzigjährigen Bestehens eine Jubelfeier ^veranstaltet. Schiller von nah und fern und mit ihnen Gönner der Anstalt und Vertreter kirchlicher und staatlicher Behörden eilten herbei, um ihrer unwandelbaren Anhänglichkeit, Liebe und Treue zur alma mater jüdischer Wissenschaft beredten, dankbaren und nachhaltigen Ausdruck zu geben. Und heute stehen wir wieder vor einem Jubiläum! Gilt es doch, die segenspendende Tätigkeit eines hervorragenden Gelehrten zu würdigen, der vor 25 Jahren das Lehramt für das umfassende, bedeutungsvolle und weitverzweigte Gebiet der talmudischen Disziplinen am Jüdisch-Theologischen Seminar zu Breslau übernommen hat. Am 1. April 1883 übernahm Dr. Lewh nach vorangegangener Berufung das Amt eines Seminarrabbiners zu Breslau. Stadtrat- Dr. Marck führte ihn feierlichst in fein verantwortungsvolles Amt ein, gab den Erwartungen und Hoffnungen Ausdruck, welche die Anstalt an feinen Eintritt in das Lehrerkollegium knüpfe./ Dr. Lewh erwiderte, daß er sich der Verantwortung, die er heute übernehme, vollauf bewußt sei. Die Verantwortung sei um so schwerer, als es gerade in der Gegenwart notwendig sei, Rabbiner heranzubilden, die, unbekümmert um- Parteistreitigkeiten, mit selbstloser Hingebung und edler Begeisterung, mit inniger Pietät für unsere heiligen Ueberlieserungen und mit verständnisvollem Blick für die Ansprüche der Gegenwart sich ihrem Berufe widmen. Er -sei entschlossen, im Sinne und Geiste, wenn auch nicht in der Weise seines unvergeßlichen' Meisters Zacharias Frankel, des geistigen Schöpfers dieser Anstalt, zu wirken. Und was Dr. Lewh bei Uebernahme seines heiligen Amtes versprochen hat, das hat er nicht bloß erfüllt, sondern bei weitem übertroffen. Seinem verewigten Lehrer gleich vereinigt er in seiner harmonisch abgeschloffenen Persönlichkeit scheinbare Gegensätze, die ja bekanntlich, das Geheimnis großer Geister bilden.: Reiche Begabung„ und der gediegenste .. Charakter, Verstandesschärfe und Gemütstiefe, ungemeine Regsamkeit und unerschütterliche

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