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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 151 (sequence 9)
Language
German
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151 Judentum in Zusammenhang gebracht, als gebiete dieses, Automobilhändler zu erschlagen und in ihren Vehikeln. davonzufahren. Das ist die Methode, von der wir, seit Hamans Zeiten, soviel zu leiden. haben. Wenn wir den Spieß umdrehen und jeden christlich-sozialen Verbrecher mit seiner Partei identifizieren wollten? Wir rachsüchtige Leute tun dies aber nicht. Und doch hätten uns Erscheinungen der jüngst vergangenen Zeit leicht dazu verführen können. Man hätte von manchen Lastern sprechen können, deren sich sehrarische Rassenvertreter schuldig machten. .Es ist keinem Juden eingefallen, dies zu tun. Sind wir Juden nicht doch bessere Menschen? Leider vermissen wir auch ein energisches Eingreifen der Staatsanwaltschaft, wenn eine ganze Glaubensgenossenschaft unberechtigterweise verunglimpft wird. Wir wollen ein Verbrechen nicht entschuldigen. Aber erklären können wir manches. Dieser Verbrecher Hertzka, der, wir betonen es nochmals, von seinem nichtjüdischen Genossen Prosch verführt wurde, ist so recht eine Pflanze, wie sie unsere Zeit des Sturms und Drangs, des Kampfes und Streites um das liebe Brot zeitigt. Der Mensch ist unleugbar begabt. Die Eltern ließen ihn studieren. Er absolvierte die Realschule, studierte an der Technik, fühlte sich aber zu Höherem geboren. Diese ohne Zweifel pathologisch angelegte Natur war von wahnsinniger Großmannssucht erfüllt, hielt sich dazu berufen, unter den lyrischen Dichtern eine hervorragende Stellung einzunehmen. Und nun erfaßt den jungen Menschen das rauhe Leben. Zuhause herrscht Armut, er hat keine Stellung in Aussicht, keine Protektion unterstützt ihn, er besitzt keinen inneren Halt — und wird zum Verbrecher. Wie gesagt, wir wollen die schlechte Tat des Automobilräubers, die gerechtes Aufsehen erregte, nicht entschuldigen, aber wir können sie wenigstens verstehen. So gut wie der: christlich-sozialen Kämpen und ihren Kindern geht es den jüdischen Vätern und ihren Kindern nicht. Jenen steht die ganze Welt offen; sie werden von den Mächtigen umschmeichelt und gehätschelt, sie finden Posten und Anstellungen in Hülle und Fülle, und wenn nicht, so werden sie für sie geschaffen. Da ist es nun freilich keine Kunst, im Leben fortzukommen. Man sieht es in Oesterreich, wie sich die Machtgelüste der Christlich-Sozialen immer mehr steigern. Ihr Hunger nach Stellen kennt keine Grenzen. Die sogenannten Nationalitäten- und konfessionellen Fragen sind, was wir schon sehr oft behaupteten, nichts anderes als Stellenfragen. Die Tschechen wollen ihre Leute versorgen, die Christlich-Sozialen kennen für ihren Stellenhunger kein Maß. Bei den Ministerposten fangen sie an, bei den höheren Stellen in den Ministerien setzen sie fort, und, da es doch auch niedrigere Posten für dii minorum gentium gibt, wollen sie auch diese mit ihren Leuten überfluten. Vergebens wird man sich bemühen, diesem Heißhunger einen Damm zu setzen, man rief die Geister und wird sie jetzt nicht los. Wem es aber nicht gelingt, sich eine hohe Protektion zu sichern, der muß sich seine Lebensstellung erkämpfen. Da kann es nun Vorkommen, daß ein Solcher auf falsche Bahnen, sogar auf die des Verbrechens gerät. Das war bei Hertzka der Fall, der mit dem Judentum soviel gemein hat wie mancher Christlich-Soziale mit dein Christentum. Es wäre nur sehr zu wünschen, daß das Judentum vor Verunglimpfungen bewahrt bliebe, wenn derartige Verbrechen entarteter Menschen Vorkommen, die als Juden geboren wurden. Vielleicht wäre dies eine nützliche und wünschenswerte Aufgabe für den „Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bund". Wenn Sie es nicht wissen, so sage ich es Ihnen, wir haben einen solchen. Es ist freilich ein beschauliches Stilleben, das er führt, aber von Zeit zu Zeit sehen wir die alten Herren dieses Bundes zusammentreten, um über allerlei höchst nützliche Fragen sehr theoretisch und akademisch zu diskutieren. So waren sie wieder zusauunengekommen, diese Vertreter des Judentums in Oesterreich; acht waren erschienen, sechs hatten sich entschuldigt. Wir versetzen uns in den Anschauungskreis dieser — sechs. Sie dachten wohl — schade um die Reisekosten und die verwendete, wenn nicht verschwendete Zeit. Es schaut ja doch bei allen diesen Beratungen nichts heraus. Wir können den Herren nicht einmal so ganz Unrecht geben. Sie kamen also in Wien zusammen, die Herren vom „Bunde". Hören wir, worüber sie berieten. Zunächst soll ein „Reichsverband zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüdischer Kultusangestellter" gebildet werden. Man beschloß, das Bureau zu beauftragen, ein allgemeines Pensionsstatut auszuarbeiten und dieses der nächsten Vorstandssttzung vorzulegen. Sehr schön. Wann wird die nächste Vorstandssitzung stattfinden? Das ist den Unsterblichen bekannt. Doch eine Frage richten wir an die Herren, und sie wird vielleicht als vorlaut bezeichnet werden: Warum zieht man zur Diskussion solcher bedeutenden Angelegenheiten nicht auch die Beteiligten, d.h. in diesem Falle die Beamten selbst heran? Diesen Zwiespalt der Natur erklären die großen Herren allerdings nicht. Sie fühlen sich als Vertreter der „israelitischen Religionsgenossenschaft", von wem sie aber das Mandat als solche besitzen, sagen sie nicht. Man antwortet auf meine Frage: Von den Kultusgemeinden. Die Knltusgemeinden sind aber bei uns autonom. Was heißt Autonomie der Kultusgemeinden? Antwort: Jede zieht an einem separaten Strange. Es läßt sich leicht denken, wie das Geläute klingt. — Man braucht nur der zweiten Frage näher zu treten, über welche „unsere" Vertreter diskutierten. Wir nieinen die Frage über den „einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht". Hat man zu dieser Debatte einen Religionslehrer herangezogen? Eitle Neugier. Die Herren Advokaten und Geschäftsleute, Likör- und andere Fabrikanten werden sich doch nicht mit Lehrern znsammensetzen. Shocking, das wäre nicht nobel. Was ein Advokat oder ein Fabrikant ist, versteht auch über Unterrichtsfragen zu reden. Man muß sich kein Beispiel an der großen Unterrichtsenquete nehmen, die jetzt in Wien tagte, in der die Schulmänner ihre Erfahrungen kundtaten. Das haben wir, dem Himmel sei Dank, nicht notwendig. Wir besitzen Rechtsanwälte, Likör- und andere Fabrikanten, die verstehen alles. Manchmal gehen sie sogar am Versöhnungstage zur „Gedächtnisfeier", schicken ihre Kinder getrost zur Taufe, von wegen der „Karriere", reden über Kultusangelegenheiten, über Schechita- und Unterrichtsfragen und verdrehen die Augen, wenn sie von „Seiner Ehrwürden, dem Herrn Rabbiner" sprechen. Was sonst noch alles in jener Sitzung geredet wurde über Rechtsschutz in Gemeinderechtsfragen, über Geschichte der Juden in der Armee und Archivwesen interessiert uns um so weniger, als wir sagen müssen: wir haben der Worte genug gehört, aber nie etwas von Taten gehört. Ist es, wenn wir auf den allgemeinen! Religionslehrplan zurückkommen, nicht schmählich, daß das Ministerium über die Zerfahrenheit des Judentums in dieser Frage sich äußerte und meinte, der Einheitlichkeit in dieser Angelegenheit, welche mit den Interessen des Judentums so eng zusammenhängt, stehe die „Autonomie der Judengemeinden" gegenüber, d. h. das Recht jeder Gemeinde, sich einen eigenen Lehrplan zu machen. Was aber diese Gemeinden selbst anlangt, so weiß man, wie es hier zugeht. Hier regiert irgend ein allgewaltiger Beamter und. zu dessen Vorschlägen geben die Gemeindevertreter blindlings ihre Zustimmung. Während ich. diesen Brief schreibe, überbringt mir der Postbote die

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