Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 117 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228809--64284-3276341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

die falsche Beschuldigung, daß sie gerade am Pasfahfeste in das Herz eines gemordeten Knaben sich teilen, und wollen den Glauben erwecken, als ob das Gesetz selbst solches fordere, wo doch das offenbar gegen das Gesetz ist. Ihnen wirft man böswillig den Leichnam vor, der irgendwo zufällig gefunden wird. Durch solche und andere zahlreiche Lügen wütet man gegen sie, und ohne Anklage, ohne Geständnis, ohne Ueberführung, entgegen den ihnen von» apostolischen Stuhle gnädig gewährten Privilegien, beraubt mau sie wider Gott und Gerechtigkeit aller ihrer Habe, bedrückt sie mit Hunger, Gefängnis und so vielen Qualen und ähnlichen Anklagen, verhängt über sie die verschiedenartigsten Strafen, verurteilt sie zu dem schimpflichsten Tode, so daß diese Juden, als ob sie unter einer Herrschaft ständen schlimmer wie ihre Väter unter den Pharaonen in Aegypten, gezwungen werden, elend die Orte zu verlassen, die sie und ihre Vorfahren seit unvordenklichen Zeiten bewohnt hatten. Ihre völlige Vernichtung befürchtend, haben sie beschlossen, au die Vorsehung des apostolischen Stuhles sich zu wenden. Da wir nicht wollen, daß die besagten Juden ungerecht gequält werden — ihre Bekehrung erwartet der Herr barmherzig; nach dein Zeugnis des Propheten, das der Glaube, wird ihr Nest seelig werden — bestimmen wir, daß Ihr Euch ihnen gnädig und barmherzig zeiget, daß Ihr den gesetzmäßigen Zustand wieder herstellet; so Ihr findet, daß von den genannten Prälaten, Vornehmen und Mächtigen gegen die Juden leichtfertig etwas versucht wird, endlich daß ihr nicht duldet, daß die Juden fernerhin wegen dieser und ähnlicher Anklagen von irgend jemand mit Unrecht belästigt werden. Diejenigen, welche sie auf diese Weise belästigen, haltet im Zaume durch kirchliche Strafen, gegen welche eine Berufung unzulässig ist. Gegeben zu Lyon, den 5. Juli im 5. Jahre des Pontifikats (1247)." Zu den freundlichen Bildern zählen wir auch die lieblichen Gestalten des alten Prager Ghetto, deren glänzende Namen jedem gebildeten Prager geläufig sind: der hohe Rabbi Löw, Mardochai Mehsel, die Brüder Samuel und Jakob Bassewi und der Chronist David Gans (Hus). Fromme und gelehrte, edle und hilfreiche Juden, die der kaiserlichen Huld und Gnade sich zu erfreuen hatten, „unser glorreicher Herr und Kaiser Rudolf II., der von Gott mit Wissenschaft und Kenntnis und besonders der Astronomie ausgerüstet worden, der auch die Gelehrten achtet, hochschätzt und unterstützt". Im Jahre 1689 hat der Brand der Prager Judenstadt die alten schriftlichen Denkmäler vernichtet; die Quellen wären sonst noch reichlicher geflossen und die zwei starken Quartbände mit dem grünen Titelblatt hätten eine noch umfangreichere Gestalt angenommen. Wir freuen uns nicht über den herben Verlust, wie wir als Gymnasiasten uns gefreut haben, daß Livius römische Geschichte ab urbe condita nicht in ihrer ganzen Ausdehnung auf uns gekommen ist. Wir freuen uns vielmehr, daß das Erscheinen der Fortsetzung, in welcher das Quellenmaterial zu einer Geschichte der Juden im Königreich Böhmen, in der Markgrafschaft Mähren und im Herzogtum Schlesien von 1620 bis auf die Gegenwart herabgeführt werden soll, in Aussicht steht. Der vorliegende erste Teil beginnt mit der um das Jahr 903 bis 906 ausgestellten Raffelstettener Zoll- und Schiffahrtsurkunde. Ein Beleg dafür, daß die Juden schon vor 1000 Jahren in Böhmen und Mähren ihren ordentlichen Wohnsitz hatten. Also ein Millenium, ein Jahrtausend mußte verstreichen, bis ein Mann mit Sinn und Herz für die jüdische Wissenschaft sich gefunden und die zerstreuten alten Denkmäler unserer tränenreichen Vergangenheit pietätvoll gesammelt bat. Möge die Fortsetzung nicht so lange auf sich warten lassen. Die jüdische Wissenschaft wird es dem inzwischen Heimgegangenen Herausgeber Dank wissen, dessen Name in unfern Annalen lieben all den Großen und Edlen, die aus der uralten Prager Gemeinde hervorgegangen, in Ehren fortleben wird. Die Familie Lomprr?. ' Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. as vorliegende Buch ist das Werk gemeinsamer Arbeit eines verstorbenen Gelehrten, David Kaufmann, und des wackeren, durch manche tüchtige historische Arbeiten ausgezeichneten, jetzt in Nürnberg lebenden Rabbiners Dr. Max Freudenthal. Es ist nicht ganz leicht, das Eigentum beider voneinander zu sondern, und es läßt sich nicht leugnen, daß diese, übrigens nicht von dem jüngeren Bearbeiter gewollte Unterscheidung seiner Zusätze, die mit einem Stern, und der selbständig von ihm gearbeiteten Teile, die mit drei Sternchen versehen sind, einigermaßen schwierig ist, ja daß dieses Sternenheer den Leser verwirrt und zerstreut, statt ihm zu leuchten und ihn zu leiten. Es hätte wohl genügt, wenn in der Einleitung einfach der Anteil Kaufmanns festgestellt worden wäre und der jüngere Bearbeiter mit dem Text hätte resolut Vorgehen dürfen. Denn diese ängstliche, durch eine falsch verstandene Pietät gebotene Wahrung der Vorarbeiten führt doch zu manchem Uebelftand. Schon gleich am Anfang. Kaufmann hatte aus einer historischen Schrift des 17. Jahrhunderts nachgewiesen, daß zwei Juden, Simon undSalomon, in Emmerich ausgenommen waren, und fügt, was ja nicht unbedingt nötig war, eine Stelle aus der Geschichte der Stadt Emmerich 1867 hinzu, die nur aus jener Quelle schöpfte; Freudenthal seinerseits vermag nun den Schutzbrief für diesen Salomon beizubringen aus dem Jahre 1610, ein höchst wichtiges Aktenstück, weil es der erste dieser Familie gewährte Schutzbrief, ja vielleicht der erste Geleitbries eines brandenburgischen Herrschers für eine jüdische Familie war; damit waren aber nach verständiger historischer Methode die beiden von Kaufmann gegebenen Berichte vollkominen überflüssig. Doch solche Aeußerlichkeiten sollen uns den Genuß des vortrefflichen Werkes nicht verkümmern. Gleich mäßige Beherrschung des jüdischen und des nichtjüdischen historischen Materials setzte die Bearbeiter in den Stand, ein sehr unterrichtendes Buch zu schreiben. Es gilt einer Familie, die durch Wohltätigkeit und Gelehrsamkeit gleich ausgezeichnet war und deren einzelne Mitglieder, zum Beispiel schon der älteste, Salomon, eine Art öffentliche Stellung, die eines „Stadlan", das ist „öffentlicher Fürsprecher und Abgesandter und erster Vorsteher des Landes auf Lebenszeit", einnahmen. Von diesem ersten Salomon Gomperz stammen zunächst die in Cleve ansässigen Träger desselben Namens ab. Vor allem Elias Gomperz, der von dem Großen Kurfürsten mannigfach gefördert wurde und für ihn in verschiedenen Geschäften tätig war. Er streckte dem Herrscher Große Summen vor und erlangte von ihm Unterstützung bei Eintreibung eigener Schulden, war für seine Glaubensgenossen tätig, so daß er im Herzogtum Cleve die Abschaffung des Leibzolls durchsetzte. Das Haus, das er mit seiner geistig begabten Gattin Mirjam führte, war ein glänzendes; er erbaute eine Synagoge und begründete eine zahlreiche und bedeutende Familie. Seine Söhne nahmen außer in Emmerich in Amsterdam, Lippstadt, Wesel, Berlin I Die Familie Gomperz von Prof. Dr. DavidKau fmann s.A. und Dr. Max Freü.denthal, Kommissonsverlag von I. Kauffmann, 1907. Das Werk, das den dritten Teil der großen Arbeit einer Geschichte jüdischer Familien bildet, ist „dem Andenken an Irma Kaufmann geb. Gomperz" geweiht und durch eine kurze Vorrede der Frau Rosa Gomperz. der Schwiegermutter des unvergeßlichen David Kaufmann, eingeleitet. Ich kenne wenige Bücher, die sich auf die Geschichte der Juden beziehen, die mit derartiger Opulenz gedruckt und ausgeftattet sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.