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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 118 (sequence 12)
Language
German
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ihren Wohnsitz. Nicht nur die Schicksale dieser Söhne, sondern auch die vieler anderen Mitglieder der weitverzeigten Familie in Frankfurt. Bayern, Metz, Breslau, Mitteldeutschland, Danzig, Hamburg, London, Amsterdam, Prag und anderen Städten Oesterreich-Ungarns bilden den Inhalt unseres Werkes. Allen diesen nachzugehen, ist in einer kurzen Uebersicht, wie dieser Artikel sie geben will, völlig unmöglich. Es ist nicht immer eine Geschichte des Glanzes und des Aufsteigens, sondern mehrfach die des Verfalls und des Abfalls. Gar manche Frauen zum Beispiel wenden sich dem Christentum zu (vgl. die sehr merkwürdigen Beispiele, S. 76 ff.). Ebensowenig wie ich den Inhalt im einzelnen analysieren kann, möchte ich eine Einzelkritik an dieser Stelle geben. Nur ein paar Kleinigkeiten seien hervorgehoben. Wenn einmal von Moses Mendelssohn als Kritiker Friedrichs des Großen gesprochen wird, so brauchte dafür nicht aus'Grätz verwiesen zu werden (S. 296 Anm.), der in solchen Dingen wirklich keine Autorität ist. Bei M. Herz" Gegenschrift gegen die Schilderung des Juden in Stefanis Lustspiel war nicht Jolowicz zu zitieren (S. 294 Anm. 1), sondern es hätte auf meine Arbeit in der „Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland" Bd. IV, S. 46—49 aufmerksam gemacht werden müssen, die diese seltene Gegenschrift zum erstenmal genau analysiert. Dürste ich dem Verfasser einen Nat geben, so wäre es der, die etwas künstlichen Bilder zu vermeiden. In einer ruhigen historischen Darstellung macht sich zum Beispiel der folgende Satz nicht gut (S. 24): „so scheuchte die Gnadensonne des Herrschers oft genug vom Hause Elias die finstersten Wolken, ließ dem Gomperzschen Stamme goldene Früchte reifen und umstrahlte ihn mit flimmerndem, köstlichem Glanze". Darum sei nur ein kurzer Bericht über den reichen Inhalt des Werkes hier gestattet. Es ist mit außerordentlichem Fleiß, mit Benutzung von städtischen, Staats- und jüdischen Gemeindearchiven hier gearbeitet. Auch eine Stammtafel und ein Register von etwa 30 Seiten gewähren reiche Belehrung. Daher können die Freunde historischer Forschung, die ja leider unter den Juden nicht sehr zahlreich sind, mit großem Nachdruck auf das Werk hingewiesen werden. Leichte Unterhaltung darf man von einem derartigen Buche , natürlich nicht verlangen, aber man findet darin gewissenhafte Belehrung, meist in schlichter und sachlicher Form. Da ich nicht imstande bin, auf alle Abschnitte gleichmäßig hinzuweisen, so begnüge ich mich, zwei ausschließlich von Freudenthal herrührende Kapitel hervorzuheben, die meiner Kompetenz näher liegen als die nach Osten und Westen tendierende Familiengeschichte. Das eine ist die Behandlung des sogenannten Danziger Gomperz, Leo oder Lion G., der in der Literaturgeschichte durch seine Gegenschrift gegen Friedrichs des Großen bekannte Broschüre über die deutsche Literatur (ich möchte diese' nicht mit dem Verfasser unseres Buches die berüchtigte nennen) einen Platz erhalten hat. . Dieser Abschnitt nun, in dem der Verfasser nicht viel Unbekanntes bringt, sondern sich meist auf Arbeiten anderer stützt, hat mich am wenigsten befriedigt. Zunächst ist er ziemlich nachlässig geschrieben. Auf einer einzigen Seite (304) finden sich drei Stellen, die man keineswegs als gut deutsch bezeichnen kann: „sein Augenmerk fixierte"; „er wird über seine abscheuliche Tendenz gerechtfertigt"; „die moralisierende Tendenzauffassung". Aber die ganze Tendenz der Studie will mir nicht recht gefallen. Zunächst ist der Verfasser gegen Lion Gomperz etwas eingenommen, weil er sich vom Judentum lossagte, dann lobt er seine Schriften über die deutsche Literatur und über Shakespeare etwas zu sehr. wobei der Leser die Vermutung nicht los werden kann, daß das Lob aus einer gewissen Voreingenommenheit für diesen Autor stammt. Und zum Schluß ruft er fast höhnisch aus: „Seit sich Gomperz habe taufen lassen, habe er nichts mehr geleistet, nur solange er Jude war, brachte er etwas Lobenswertes hervor." Diese ganze Darstellung ist doch recht unhistorisch. Die Erklärung, daß Gomperz später nichts mehr leistete, liegt doch einfach darin, daß er ein etwas bequemer Herr war, der, sobald er eine auskömmliche Stellung besaß, keine Lust mehr hatte, sich außerberuflich anzustrengen. Aber auch sonst bietet die Abhandlung manches, das nicht gebilligt werden kann. Zwei Sätze wie die folgenden: „Sie war darum auch die einzige von allen Gegenschriften, die dem Verfasser einen Dank des Fürsten eingetragen hat. Es ist fraglich, ob die übrigen Entgegnungen je vor das Angesicht des Königs gekommen sind," hätten nicht unmittelbar hintereinander abgedruckt werden sollen. Ist es fraglich, daß der Königdie Gegenschriften sah (was ich an dieser Stelle nicht untersuchen will), so ist es doch eben nichts Besonderes, daß Gomperz auf die seinige, die dem König direkt zugesendet worden war, eine Antwort erhielt. Sehr lehrreich dagegen und durchaus anzuerkennen sind die Abschnitte des Buches über die Gomperz in Berlin. Diese drei Abschnitte, zusammen etwa 100 Seiten groß, nehmen ungefähr ein Viertel des ganzen Werkes ein. Auch sie sind ausschließlich von Freudenthal geschrieben (Seite 109, Anmerkung, zwei Zeilen von unten findet sich ein etwas komischer Druckfehler „1804" für 1904). Die Schicksale des Rüben Elias Gumpertz (die Schreibweise des Namens ist zu verschiedenen Zeiten und an einzelnen Orten eine durchaus verschiedene), der 1700 zum Oberhoffaktor im Cleveschen eingesetzt wird — in dem ersten zu diesem Zweck ergangenen Dekrete wird er gar nicht als Jude bezeichnet — trotz der Beschwerden der Unterbehörden bestätigt und beeidigt wird, sind höchst interessant; nach dem anfänglicheil Glanze kam die Familie später freilich in größte Not. Das zweite Mitglied derselben, das in Berlin eine hervorragende Stellung einnahm, der Oberhoffaktor Levin Gumpertz, der 1713 zum „Oberhof- und Kriegsfaktor" ernannt wurde, aber auch manche Wechselfälle des Geschicks zu dulden hatte, ist gleichfalls ein merkwürdiger Mann. Auch die beschichte seiner Nachkommen bietet mannigfache interessanle, wenn auch keineswegs lauter glückliche Momente. Unter diesen Nachkommen befindet sich ein Mediziner L. E. Hirsche!, den Freudenthal früher bereits zum Gegenstand einer biographischen Schilderung gemacht hat. Der merkwürdigste ist Aaron Emmerich Gumpertz, der Lehrer Moses Mendelssohns. Die ihm gewidmete Biographie ist voll von interessanten und zum Teil unbekannten Nachrichten. Mir war zum Beispiel neu, daß die Schwester des Genannten ihren Namen Glücke! nach der Ahne/ der bekannten Memoirenschreiberin Glücke! von^ Hameln, führt und daß eine entfernte Verwandte des Gumpertz später den bekannten Schriftsteller Saul Ascher heiratete. Gumpertz wird allgemein als Lehrer Mendelssohns betrachtet; Freudenthal geht noch weiter, indem er sagt: „Nicht Moses Mendelssohn, sondern Aaron Gumpertz kommtdas Verdienst zu, als Erster die deutsche Kultur in einen jüdischen Geist ausgenommen zu haben." Soweit möchte ich dem Verfasser allerdings nicht folgen. Dieser Ausspruch ist gerade so unrichtig, wie derjenige französischer und deutscher Forscher, die die Quellen für Molieres Komödien aufzeigen und den diesen Dichtungen ge-

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