Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 116 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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geschrieben mit dem Herzblute des späten' Enkels, der das grause Geschick der Ahnen nachlebt und nachschreibt. Nein, es ist eine trockene Sammlung archivalischer Urkunden, gedruckter und inkunabler Quellen, denen ein nichtjüdischer Fachmann, von unserem oben genannten Mäcen berufen, mit prüfendem Forscherblick und mit treffsicherer Kennerhand nachspürt in den Archiven der Statthalterei für das Königreich Böhmen, der Hauptstadt Prag, des böhmischen Museums, in dem königl. böhmischen Landesarchiv, dem k. k. Staats-, k. und k. gemeinschaftlichen Finanzarchiv und dem Archiv des k. k. Ministeriums des Innern in Wien, ferner in den Archiven des Prager Erzbistums, des Wyschehrader Kapitels, der Statthalterei in Innsbruck, der Städte Pilsen, Böhmisch-Budweis, Kolin, Kuttenberg, Eger,- in dem gräflichen Archiv zu Neuhaus, dem Landes- und Statthaltereiarchiv in Brünn, dem Staatsarchiv in Breslau, dem Archiv und der Bibliothek der Prager israelitischen Kultusgemeinde. Den Grundstock lieferte Gottlieb Bondy selbst in einer Kollektion mit nicht weniger als 500 Nummern. Aus allen diesen vergilbten Blättern vergangener Jahrhunderte weht ein Modergeruch mich an. Ich wandle im Tale der Todesschatten; ich schreite zwischen Leichen und Gräbern, über Tod und Verwesung. „Dort hören die Frevler zu toben auf, dort ruhen die müden Opfer aus. Dort sind die Gefesselten in Sicherheit, sie hören nicht mehr die Stimme des Antreibers. Dort ist der Kleine neben dem Großen, dort der Sklave frei von seinem Herrn." (Hiob, 3, 17—19.) Ottokar II., Rudolf I., Wenzel II., Johann Karl IV., Wenzel IV., Sigismund, Wladislaw V., Ferdinand I., Maximilian II., Rudolf II. und Mathias stehen vor uns. Wir haben die Mächtigen der Erde für eine Weile in ihren fürstlichen Grüften gestört und geweckt — aber nicht zum letzten Gericht. Wir wollen nicht mit ihnen rechten, daß sie wie Blutegel ihre „Kammerknechte" abzapften, daß sie ihre Juden zu Geldgeschäften zwangen, ihnen dann das Sauererworbene abnahmen und sie mit Weib und Kind von Haus und Hof jagten. Wir wollen sie nicht zur Rechenschaft ziehen; den einen für die Hinschlachtung seiner Juden in Eger, den anderen für die Ermordung seiner Juden in Prag und den dritten für die Verbrennung seiner Inden in Breslau. Wir wollen die Noblesse des einen nicht tadeln, der in Geldsachen nicht gerade nobel gewesen sein soll, wenn er „verkündet, daß, obzwar das gemeine Volk von Eger seinen Mutwillen an den dortigen Juden durch Zerstörung ihrer Habe verübt hat, er dennoch diesen Frevel des irregeleiteten Volkes der Gemeinde Eger verzeihe, weil die vornehmen Bürger Genugtuung geleistet haben"; oder, wenn er „die Mönche des Klosters Waldsassen von allen Schulden losspricht, die sie den Juden schuldig waren, welche zu Nürnberg, Eger oder anderswo sind erschlagen worden". Wir wollen ihm auch nicht an seine Bildungsfreundlichkeit rühren, die er dadurch bezeugt, daß er „den Schülern und den Lehrern der Prager Universität zur Gründung eines Kollegiums einige Judenhäuser schenkt". Wir wollen nicht dem andern seine väterliche Fürsorge Vorhalten, wenn er befiehlt: „am nächsten Freitag nach Reminiscere (3. März) um 2 Uhr in der Nacht heimlich und geräuschlos sämtliche Juden in ihren Gerichtssprengeln verhaften und gefangen halten zu lassen und dafür zu. sorgen, daß keiner entkommt. Nach Verschließung der Häuser und Versiegelung aller Habe derselben sollen sie (die Gerichtsherren) die Juden und ihre Sachen wachsam verwahren, solange sie das in ihrem Befehle haben". Wir wollen nicht den frommen Sinn wieder eines anderen verdächtigen, der kund und zu wissen tut: „aus der Synagoge sollen sie eine Kapelle Gott und der heiligen Jungfrau zum Lobe stiften". Wir wollen auch nicht die fürstliche Freigebigkeit noch eines anderen antasten, der verordnet, daß die in Olmütz w ohnenden Juden, jung und alt, mit ihrer fahrenden Habe bis zum Martinstage wegziehen sollen. Den Bürgern von Olmütz schenkt er alle ihre Häuser, ihre Synagoge und ihren Friedhof, wofür sie dem Könige und seinen Nachfolgern, den Markgrafen von Mähren, „denselben Zins von 24 Schock Groschen, den bisher diese Juden an die Königliche Kammer gezahlt haben, jährlich entrichten sollen." Wir wollen auch nicht weiser sein als die Weisen, die auf dem Prager Landtage in Gegenwart des Königs beschlossen haben, „daß die Juden von keinem Mitgliede der Stände im königreiche Böhmen geduldet oder ausgenommen werden dürfen. Sollte dennoch ein Jude da angetroffen werden, dann soll er der Todesstrafe verfallen." Wir wollen vielmehr die hohen und allerhöchsten Herrschaften mit den deutschen, böhmischen, polnischen und ungarischen Namen in das Grab der Vergessenheit zurücksinken lassen, wo die Frevler zu toben aufhören und die müden Opfer ausruhen, wo die Gefesselten in Sicherheit sind und die Stimme des Antreibers nicht mehr hören, wo der Kleine neben dem Großen ist und der Sklave frei von seinem Herrn. Doch, auch freundliche Bilder zeigt das historische Kaleidoskop. Im Gegensätze zu den hohen Kirchenfürsten, die ängstlich darüber wachten, ob die Juden auch die für sie vorgeschriebenen gehörnten Hüte tragen, damit sie von den Nichtjuden sogleich erkannt und gemieden werden, ob sie die ihnen verbotenen christlichen Bäder und Wirtshäuser besuchen und ob sie christliche Dienstboten und Ammen mieten, im Gegensätze zu diesen Hirten und Hütern, die nicht schliefen und schlummerten, gab es auch edle Männer an der Spitze der katholischen Christenheit, die ihr Machtwort sprachen und in ihren Bullen verkünden ließen, daß „die Juden wegen unwahren Verdachtes nicht verfolgt werden". Der Brauch, am Pasfahseste roten Wein zu trinken — eine Erinnerung an die Verwandlung des Nilwassers in Blut — brachte den Bedrückten und Bedrängten die wahnwitzige Anklage, daß sie Christenblut trinken. Und der Brauch, am Neujahrstage Brotkrumen in den Bach oder Fluß zu werfen — eine Symbolisierung der von dem Propheten Micha verheißenen Versenkung aller Sünden in die Fluten des Meeres — weckte gegen die Armen den hirnverbrannten Verdacht, daß sie die Brunnen vergiften. Und da war es gerade ein Namensvetter jenes scharfgeistigen und doch blindwütigen Judenfeindes auf dem Stuhle Petri, der am 30. November 1215 aus dem großen vierten Lateran-Konzil das demütigende Abzeichen auf der Kleidung der Juden durchsetzte, ein Abzeichen, viereckig oder rund, von safrangelber oder anderer Farbe, an den: Hute oder an dem Oberkleide getragen, ein Zeichen für jeden Bengel oder Buben, die vom Schandmal der Aechtung Gebrandmarkten zu beschimpfen und mit - Kot zu bewerfen, und da war es gerade Innozenz IV., der unter dem 5. Juli 1247 von Lyon an die Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschschreibt: „An die Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschland. Wir haben die jämmerliche Klage der Juden Deutschlands vernommen, daß manche geistliche sowohl als auch weltliche Fürsten und noch andere Vornehmen und Mächtigen in Euren Städten und Diözesen, um ungerechter Weise ihre Güter zu plündern und sich anzueignen, gottlose Anschläge gegen sie ersinnen und verschiedene und von einander abweichende Anlässe erdichten, ohne weise zu bedenken, daß gleichsam aus der Erhaltung der Juden ein Beweis für den christlichen Glauben sich ergibt. Obschon die heilige Schrift unter anderen Gesetzesvorschriften sagt: „Du sollst nicht töten", und den Juden verbietet, am Passahfeste irgend was Totes zu berühren (vergl. Numeri 9, 10), erheben jene