Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228663--61822-3275664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
308 zusammengekittet werden können; denn auf Seite 143 des unter der Presse befindlichen Bandes 10 der Encyclopedia wird Kempen unter der Aufschrift „Posen" eine glückliche Auferstehung feiern. Seliges Kempen! Trotzdem man in deinen Mauern, wie es der „Minhag Polin gadol" verlangt, noch heute an jedem Montag und Donnerstag ein eigenes CSK ‘"pK Sr betet, gehörst du zum deutschen Reiche, nimmst darin, was den Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung anbetrifft, den ersten Rang ein, du hast einen Platz in der Jewish Encyclopedia, hast unter deinen Töchtern Damen, die sich betrübt hätten, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, während Kanitz,. obwohl es, als zur böhmischen Krone gehörig, schon im frühen Mittelalter ein Teil des deutschen Reiches war, und noch heute einer teilweise deutschen Bevölkerung sich erfreut,. in Berlin, wenn man es überhaupt kennt, als die Heimat von „Drahtenbindern" gilt, und in der Encyclopedia unwiderruflich vergessen ist; denn die Artikel Austria und Moravia, in denen es sich nach dem Vorbilde seiner glücklicheren Schwester ein Plätzchen hätte erobern können, sind längst erschienen, und eine Auferstehung ist ausgeschlossen, wenn nicht eine zweite Auflage erscheinen sollte, was zu Lebzeiten aller Kanitzer, die an der Enzyklopädie Interesse nehmen, nicht ganz wahrscheinlich ist. Und wie Unrecht hat die Encyclopedia dem armen Kanitz getan! Ganz abgesehen davon, daß ein Mitglied des Redaktionsstabes' dort geboren ward, hat Kanitz, oder wie es sich jetzt stolz nennt: Stadt Kanitz, in seiner vormärzlichen Blütezeit unter seinen 2900 Einwohnern 111 „Familianten" gehabt, etwa 600 jüdische Seelen. Noch mein Vater hatte das stolze Vorrecht bei seiner Verheiratung im Jahre 1846, die nach dem Tode des Salomon Deutsch erledigte Familienstelle Nummero so und so viel in der Judengemeinde Kanitz zu erhalten und nach bestandener Prüfung aus dem „religiös-moralischen Lehrbuche Bne Zion" seine Braut heimzuführen. So etwas ereignete sich wohl in jenen schönen Tagen zwei- bis dreimal jährlich, aber Kanitz hatte noch andere historische Ereignisse gesehen. Im Jahre 1713 wurde daselbst einer der periodischen Judenlandtage abgehalten, bei dem ein Teil der 311 Gemeindeverordnungen JTtfpfi beschlossen wurde, welche Kaiserin Maria Theresia von Herrn von Sonnensels,. dem Sohne des Berliner Rabbiners Michel Chasid übersetzen ließ, nachdem der trotz seines Christentums in steten Schwulitäten, steckende Herr erst aus dem Schuldturm befreit worden war. Ein photographischer Abdruck dieser prächtig geschriebenen Statuten findet sich im neunten Bande der Jewish Encyclopedia. Sie sind in meinen Besitz gelangt entweder aus dein Nachlasse meines Vorfahren, des im Jahre 1723 verstorbenen Landesältesten Josef Deutsch oder aus dem seines Schwiegervaters, des damaligen Kanitzer Rabbiners Jakob Eliezer Brunschwig, der 1729 in Wien starb, wo er als Vertreter des kaiserlichen Hoffaktors und nominellen Landesrabbiners Samson Wertheimer fungierte. Jakob Eliezer, der 1707 bei der Einweihung der Lemle Moses Reinganumffchen Klaus in Mannheim fungierte, war ein fleißiger Schriftsteller, und von seinen vielen Schriften, die sein Sohn Josua Selig sich erfolglos zu veröffentlichen bemühte, befindet sich eine Art von talmudischer Konkordanz in dem Besitze der königlichen Bibliothek in Berlin, welche der Katalog sowie Zunz's „Monatstage", fälschlich einem anderen Rabbi Eliezer, mit seinem bürgerlichen Namen Lazar Fried, zuschreiben. Der letztere war ein Enkel des Eljakim Getschlik aus Waimefried, eines Schwiegersohnes von Jakob Eliezer, der ebenfalls in Kanitz Rabbiner war und unter den Verteidigern von Jonathan Eybeschütz in dessen Luchoth Eduth vorkommt. Ein Nachkomme des Eljakim Getschlick aus Wannefried ist der ehemalige Komorner Rabbiner Pinchas Löb Frieden, einer der tapfersten Kämpen der ungarischen Orthodoxie, und im Gegensätze dazu ist ein Nachkomme Jakob Eliezers der Verteidiger des Hamburger Reformtempels und der Echtheit des Sohar Moses Kunitzer aus Altofen, dessen Familie den Namen der Heimat, die bei den Juden Kuenitz genannt wurde, annahm. Um das Maß der geschichtlichen Bedeutung vollzumachen, hatte .der gleich Kaiser Rudolf mit sechs Töchtern gesegnete Jakob Eliezer noch einen Schwiegersohn, der Mordechai Kempner hieß (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1887, Seite 280). So sind Kanitz und Kempen verschwägert. Hundert Jahre nach Jakob Eliezer hatte Kanitz noch einen interessanten schriftstellerischen Rabbiner, den die Jewish Encyclopedia dem Grabe der Vergessenheit entreißen wird. Er hieß Josef Spiro, bekleidete sein Amt 1824—30 und schrieb 1810 sehr vernünftig gegen den einseitigen und unmethodischen talmudischen Unterricht. Zwei fleißige jüdische Popularschriftsteller wirkten in Kanitz, der jetzt in Pisek, Böhmen, lebende Rabbiner Dr. M. H. Friedländer und der vor drei Jahren in Wien verstorbene David Löwh, zuletzt Redakteur der „Neuzeit," der in Kanitz in den 50 er Jahren Oberlehrer war. Endlich hat Kanitz unter seinen Söhnen einen Dr. Böhm, der als erster Jude in Oesterreich den Rang eines Stabsarztes bekleidete. Schließlich sollte Berlin nicht vergessen, daß unter den Wiener Exulanten, die 1671 seine Gemeinde gründeten, sich auch ein Ulma aus Kanitz befindet, wie Landshuth in seinen Grabschristen angibt. Der Leser wird schon der höchstseligen Kaiserin Maria Theresia danken, daß sie die Judengemeinde Kanitz auf 111 Familianten beschränkt hat, aber er wird auch einsehen, daß es ganz unmöglich ist, alle historisch interessanten Einzelheiten einem solchen Sammelwerke einzuverleiben, denn wenn erst Kempen daraufhin Berücksichtigung verlangt, daß es unweit von Kreuzburg liegt, wo der Verfasser von „Soll und Haben", geboren war, so kann Kanitz darauf Hinweisen, daß es unweit jenes Schlosses liegt, wo Grillparzer, der Dichter der Jüdin von Toledo, als Erzieher wirkte und den Plan zu seiner Ahnsrau konzipierte. Hat Kempen die Auszeichnung, unweit von Breslau zu liegen, wo Berthold Auerbach seine erste Frau heiratete, so ist Kanitz in zwei bis drei Stunden von Wien zu erreichen, wo Wilhelm Goldbaum, wie er hübsch erzählt, in engen Schuhen mit einer breiten Traurede seiner Gattin ehelich verbunden wurde. So komisch all das klingen mag, so wenig ist es meine Absicht zu scherzen. Ich wollte nur dartun, wie schwierig es ist, das Material zu einem Detailartikel zu erhalten, wenn man nicht an Ort und Stelle ist, oder willige und verläßliche Arbeiter findet. Der Artikel „Kempen" war verschiedenen Arbeitern aus dem Gebiete jüdischer Geschichte angetragen worden. Der eine antwortet nicht,, der zweite lehnt ab, bis wir endlich auf Herrn Dr. Lewin, Rabbiner in Pinne, aufmerksam gemacht wurden. Seine Zusage traf aber so spät ein, daß es unmöglich war, den Artikel an der richtigen alphabetischen Stelle zu bringen, und es nötig wurde, ihn unter die Aufschrift „Posen" zu verweisen. Mitunter sind solche Verweisungen ausdrücklich bemerkt, aber es war oft so schwer geworden, den versprochenen Artikel zu liefern, daß die Firma Bedenken trug, derartige Versprechungen zu machen. Nicht zum mindesten trug zu den Schwierigkeiten in der redaktionellen Arbeit die Empfindlichkeit oder das Ungeschick mancher Autoren bei. Die Enzyklopädie mußte natürlich einen