Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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309 gewissen einheitlichen Plan einhalten. Nun lieferten einzelne Herren ganz tüchtige Arbeiten, aber sie empfänden es als eine persönliche Ehrenkränkung, wenn der Redakteur einen Satz strich, der sagte: „An der Spitze der Gemeinde Kahalsstadt steht seit zwanzig Jahren Herr Justizrat Cohn, während seine Gattin Eveline Cohn, geborene Levy, Mitbegründerin und seit dessen Gründung Vorsteherin des Vereins zur Ausstattung armer Bräute ist. Beide haben sich durch selbstlose Hingabe an ihre Aemter die allgemeine Liebe und Hochachtung erworben und auch in nichtjüdischen Kreise bereitwillige Anerkennung gefunden." Ein anderer Mitarbeiter erzählt uns die Biographie irgend eines orientalischen Rabbi, sagen wir, um niemanden zu verletzen, Abraham Sethons. Er erzählt uns: „Abraham Sethon zeigte schon in frühester Jugend reiche Geistes gaben. Mit sicherem Arme steuerte er durch das unermeßliche Meer des Talmud; tiefeindringender Scharfsinn und weit ausgedehnte Gelehrsamkeit erwarben ihm einen solchen Ruf, daß sein Lehrer, der weitberühmte Rabbi Rachamim Toledano, ihn in früher Jugend zu dem Gatten seines holdseligen, mit allen weiblichen Tugenden geschmückten Töchterleins Gemma erwählte, mit der er lange Jahre ungetrübten ehelichen Glückes genoß." Wieder ein anderer entwirft uns im Stile meines seligen Freundes S. Kohn eine ergreifende Schilderung von dem idyllischen Leben in der Judengasse von Posemukel, wo man bis spät in die Nacht hinein, den traulichen Sing-Sang der Bachurim hörte, die bei dem matten Scheine eines Oellämpchens die tiefsinnigsten Probleme des Talmuds diskutierten. Ein anderer — und diesmal kann ich eine buchstäblich wahre Tatsache anführen, da der betreffende Artikel nicht gedruckt wurde — sagt uns, daß die alte Synagoge in Pohrlitz (Mähren) eine Inschrift trug, wonach das Gebäude im Jahre 324 errichtet wurde. Mitunter ist es auch eine richtige und in der Form unanfechtbare Tatsache, die der Zensur zum Opfer fallen muß, wie zum Beispiel, wenn uns erzählt wird, daß der Markgraf von Bettingen im Jahre 1561 dem Juden Schmol gegen ein jährliches Schutzgeld von zwei Goldgulden die Niederlassung in Langendorf gewährte und daß im Jahre 1576 zwei weitere Niederlassungen, die des Juden Heyselin mit seinem Weibe Zarke und, ihren drei Kindern, sowie des Juden Meysterlin mit seinem Weibe Gutle und seinem Schwiegersöhne Mordke folgten. Der Verfasser kann aber nicht einsehen, daß in einem Werke wie die Enzyklopädie der Raum von großer Bedeutung ist. Er und alle Vorgenannten schwören blutige Rache und schreien Verrat, wenn die geringste der so mühsam gesammelten Tatsachen oder eine der erbaulichen Aeußerungen dem Rotstifte des Redakteurs zum Opfer fallen. (Schluß folgt.) Eur deutschen Literatur? Von Professor Dr. Ludwig Geiger. mit einer gewissen egoistischen und doch objektiven Freude zeige ich das untengenannte Buch, eine erweiterte 'Wiener Doktordissertation, an. Egoistisch, weil ich es als eine Wirkung eigener Arbeiten begrüße; objektiv, weil der darin behandelte Gegenstand einer historischen Darlegung würdig genug erscheint. Die Darstellung eines bestimmten Motivs oder Problems in der Literaturgeschichte kann chronologisch h Der Jude in den deutschen Dichtungen des 16. und 17. Jahrhunderts. von Oskar Frankl. Mährisch-Ostrau und Leipzig 1905. R. Papauscheck. und sachlich sein; man kann fragen: wie hat sich ein solches im Laufe der Zeiten entwickelt oder wie zeigen sich unabhängig von jenen die mannigfachen Seiten des Problems. Jede dieser Behandlungsarten hat ihre Vorzüge und Fehler; der Nachteil der sachlichen, von unserem Verfasser befolgten Art besteht vornehmlich darin, daß die Zeiten leicht durcheinander geworfen werden. Man könnte nun freilich einwenden, das 15. bis 17. Jahrhundert sind in Deutschland insofern gleich, als sie alle im großen und ganzen judenfeindlich waren und keine Idee der Aufklärung kannten. Aber doch wird der Historiker leicht wesentliche Unterschiede zwischen diesen Zeiten finden, und darum wäre eine größere Beachtung der Zeitfolge rötlich gewesen. Eine innere Berechtigung für seine Einteilung sieht der Verfasser am Schluß darin, daß sich, wie er sagt, die Dichter erstens für die Diskussion der Gattung der Fastnachts¬ und geistlichen Spiele, für die Verspottung der Schwänke wie überhaupt der Prosa, drittens zur Darstellung des Juden als Wucherers der Dramen, und viertens zu Beschuldigung der Hostienschändung und des Kindermordes hauptsächlich des Volksliedes und Volksbuches bedienten. Aber seine eigene Darstellung widerspricht doch dieser Behauptung, denn die einzelnen Literaturgattungen werden, wie er selbst zeigt, ziemlich unterschiedslos bald für diese, bald für jene Anschauung verwendet. Der Verfasser hat sich ferner die Beschränkung selbst auferlegt, daß er nur die Dichtungen behandelt. Freilich geht er aus seiner Selbstbeschränkung einmal heraus, indem er einen kleinen Abschnitt einfügt: Prosa-Streitfragen über das Judentum, ein Abschnitt, in dem er den Reuchlinst'chen Streit und Luthers das Judentum betreffende Schriften bespricht. Auch wird das Wort „deutsch", das auf dem Titel steht, nicht ganz streng genommen, sondern, wie ich es in meiner Bearbeitung desselben Stoffes auch getan, es werden Marlowes und Shakespeares Stücke mitbehandelt, teils weil sie Anregungen für andere Richtungen gaben, die Ansichten in Deutschland bestimmten und veränderten, oder solche zum Ausdruck brachten, die bereits in Deutschland geherrscht hatten. Die vier Hauptabschnitte, in die der Verfasser feine Darstellung zerlegt, sind schon vorhin angedeutet. Es sind erstens Diskussionen über das Judentum, Judenfrage, zweitens Verspottung und Schmähung der Juden und des Judentums, drittens der Jude als Wucherer, viertens der Jude als Hostienschänder und Kindermörder, Judenvertreibung. Während der dritte und vierte Abschnitt sachlich wirklich von einander getrennt sind, gehen eins und zwei trotz ihres verschiedenen Inhaltes einigermaßen ineinander über. Das Buch zeugt von tüchtigem Wissen und gefällt sich nicht, obgleich der Verfasser den Juden durchaus nicht verleugnet, in einem stets gehässigen, empfindlichen und gereizten Ton, wie ihn leider so manche jüdische Schriftsteller gern vernehmen lassen. Am interessantesten sind die Stellen, an denen ein Motiv durch die Zeiten verfolgt wird, z. V. der Abschnitt über die Erzählung, wie der versprochene Messias sich als Mädchen entpuppt oder die Verteidigung des Wuchers der Juden als eines notwendigen Nebels durch christliche Dichter. (S. 96 ff.) Ich kann hier keine genaue Analyse geben und auch nicht alle interessanten Einzelheiten erwähnen: ich greife nur die merkwürdigste Notiz heraus, daß Grimmelshausen das Maasebuch benutzt hat. (S. 74). Ueberhaupt beweist der Verfasser größere Selbständigkeit bei der Darstellung des XVII. Jahrhunderts. Das ist nicht seine Schuld: das XVI. Jahrhundert war eben schon sehr durchgearbeitet, wogegen gerade Moscherosch, der Hauptantisemit der ganzen Zeit (S. 81), Grimmelshausen u. a. noch sehr der Behandlung bedurften. Unter den