Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Jelgava 1× ep/1000666
- Odesa 1× ep/1000834
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307 Die Juden der Stadt Jekaterinoslaw wendeten sich an den Bürgermeister mit der Bitte, dem Gemeinderat (Duma) folgende Petition vorzulegen: „In Anbetracht der von der Höhe des Thrones verkündeten Notwendigkeit der Reorganisierung der Staatseinrichtungen, und darunter auch der Revision der Städteverordnung des Jahres 1892, welche die Juden von der Teilnahme an städtischen Angelegenheiten ausschließt, bitten wir die in diesen Monaten ausgeschriebenen Wahlen der Stadtverordneten bis zum Herbst zu verschieben, wo man hoffen kann, daß die Rechte der Juden mit den Rechten der .übrigen russischen Bürger gleichgestellt sein werden, und ihnen durch Gesetz das Recht der Beteiligung an der städtischen Gemeindeselbstverwaltung eingerüumt sein wird." — Die „Rußkija Wjedomosty" begrüßen in begeisterter Weise den allerhöchsten Ukas vom 17. (30.) April 1905. „Nach einer langen Periode der religiösen Unterdrückung und Vernichtung der Gewissensfreiheit erglänzte endlich am 17. April 1905 das helle Licht der Religionsfreiheit, und erleuchtete mit seinen sriedenstiftenden und erwärmenden Strahlen alle verfolgten, bedrückten religiösen Gemeinschaften in den Grenzen des russischen Landes. Se. Majestät der Kaiser geruhte das vom Ministerkomitee über diesen Gegenstand zusammengestellte Statut zu bestätigen, und dadurch eine neue Aera der Religionsduldung und. der Freiheit in Rußland zu eröffnen." Indem die Moskauer Zeitung die neuen Rechte, die das Gesetz gewährt, herzählt, bemerkt dieselbe, daß das durch den Ukas Verkündete einen solchen kolossalen Schritt vorwärts bilde in der Richtung zum Ideal der Gewissensfreiheit, „daß unzweifelhaft die Anwendung desselben einen mächtigen, wohltätigen Einfluß in ganz Rußland hervorbringen wird, den Geist vieler hunderttausend Bedrückter beruhigen, eine Menge von Unrecht und Kränkungen beseitigen, die Gesetzlichkeit und den Frieden in ihre Mitte bringen wird, wo früher Druck und Willkür und Denunziation herrschte. Es ist nur notwendig, daß die verkündigten Rechte in vollem Umfange der Gesetzgebung, und nach Möglichkeit noch erweitert, durchgeführt und nicht verkürzt und besonders, daß dieselbe von jeder Beschränkung und Einmischung seitens der.Admini- > stration bewahrt sein mögen." — Wir lesen in den Zeitungen folgende merkwürdige Entscheidung des Senats hinsichtlich der Wahl der Rabbiner: „Das Recht, den Posten eines Rabbiners zu bekleiden, ist für die Apothekerlehrlinge anzuerkennen, um so mehr auch für die Apothekergehilfen und für die Provisoren, welche außer den Prüfungen für Apothekerlehrlinge noch besonderen pharmazeutischen Prüfungen unterworfen sind." Wir begreifen überhaupt nicht, welchen Zusammenhang ein Apotheker, Arzt, Jurist, Ingenieur oder dergleichen mehr mit dem Stande eines Rabbiners hat? In keinem Lande bekleidet ein Laie ein geistliches Amt, nur bei uns in Rußland haben wir das seltene Schauspiel vor Augen, daß Menschen, die keine Idee von Religion haben, die diese sogar verletzen, die vom jüdischen Schrifttum keine blasse Idee besitzen, und sogar nicht einmal imstande sind, ein Gebet in hebräischer Sprache zu lesen, daß' solche Personen kraft des Gesetzes als Rabbiner fungieren. Wahrlich, es ist ein ganz eigenes Ding um die russischen Rabbiner! Jedes Fach erfordert ernstes Studium, dann kommt ein Examen und hierauf wird der Betreffende zugelassen, sein Fach auszuüben. Nur der, .der in Rußland Rabbiner sein will, bedarf keines Examens. Sonderbar! Ein Mann, der an die Spitze einer Gemeinde gestellt wird, also ihr Leiter, ihr Führer, ihr Seelsorger, kann der größte Ignorant in geistlichen Angelegenheiten sein! Und dies ist auch sehr oft der Fall! Wir glauben, daß es die höchste Zeit wäre, an die Gründung eines Rabbinerseminars für Rußland zu denken. Und wir sind der Meinung, daß gerade Odessa der Platz wäre, wo ein solches eröffnet werden sollte. Unsere Stadt besitzt viele jüdische Gelehrte, ist ein Zentrum der europäischen Bildung und hat eine Universität, wo die jungen Leute außer dem Seminar Vorlesungen hören können. Es ist eine Schande für eine Bevölkerung von ungefähr sechs Millionen Menschen, kein einziges theologisches Seminar zur Erziehung von Rabbinern zu besitzen, während das winzige Häuflein von Karaiten längst schon in der Krim, Dank einer großherzigen Spende ihres Glaubensgenossen Kohen, ein Seminar errichtet hat. Wir sind fest überzeugt, daß die Männer, denen das Wohl des Judentums am Herzen liegt, diese überaus wichtige Sache in ihre Hände nehmen werden, um so schnell als möglich den Wunsch der russischen Juden in Erfüllung zu bringen. Bei gutem Willen werden sich schon die nötigen Mittel zur Schaffung , dieses überaus notwendigen Instituts finden. — Vor kurzem ist hier der ehemalige Pastor der Trinitatiskirche zu Mitau, Rudolf Hermann Gurland, gestorben. Er war als Sohn eines orthodoxen Rabbiners 1831 geboren und wurde, nachdem er sich mit großem Eifer dem Tälmudstudium gewidmet und eine Rabbinerfchule absolviert hatte, im Jahre 1854 selbst Rabbiner in Wolosin. Es war jene Zeit, in welcher aus Westeuropa eingedrungene Ideen die Phalanx der jüdischen Orthodoxie in Rußland zu durchbrechen begannen. Obwohl nun Gurland selbst streng orthodox war, suchte er doch einen Ausgleich zwischen der orthodoxen und der liberalen Richtung des jüdischen Lebens herbeizuführen und legte, als seine Bemühungen kläglich scheiterten, im Jahre 1857 freiwillig sein Amt nieder, um sich ausschließlich literarischer Tätigkeit zu widmen. Nach und nach wurde er in seinem Glauben wankend und schwankend, und als er sin Jahre 1862 in Kischinew mit dem bekannten Judenmissionar Faltin bekannt geworden war, war von seinem Judentum nur noch so wenig vorhanden, daß seinem liebertritt zur christlichen Religion kaum noch etwas im Wege stand. Er ließ sich 1864 taufen und trat dann in das Berliner Missionsseminar ein. Er ging dann als Judenmissionar nach Kurland und wurde später als Nachfolger Neanders zum Prediger an der Trinitatis-Kirche zu Mitau gewählt. Dort wirkte er zwanzig Jahre lang im Sinne der Mission. Dabei war Gurland der Gemeinschaft, aus der er hervorgegangen war, aber doch in der Seele treu geblieben, und die Leiden seiner ehemaligen Glaubensgenossen erfüllten ihn mit tiefer Schwermut. , ’ Lsnitz und krmpen. Indiskretionen und Wünsche aus der Werkstätte der Jewish Encyclopedia. Von Professor Dr. G. Deutsch-Cincinnati. I. ie alliterierenden Städtenamen in dem Titel dieses Aufsatzes haben ein gemeinsames Pathos, denn beide fehlen in der ersten Enzyklopädie des Judentums, und dabei ist Kempen viel besser gefahren als Kanitz, denn ersteres hat nicht nur einen Rächer in Herrn Dr. Wilhelm Goldbaum gefunden, der in Nummer 44 und 50 des vorigen Jahrganges die Vernachlässigung seiner Vaterstadt bitter gerügt hat, es wird auch das frohe Schicksal erfahren, das nach dem Talmud (Chagigah 151 a) den Frommen beschieden ist, die gleichen den gläsernen Gefäßen, die, wenn auch zerbrochen, wieder