Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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! 225 „In Berlin starb vor etwa zwei Jahren eine Fra m, reich, vielleicht unvergleichlich reich an Schönheit, in der Lebenseppche, in welcher das Weib Anspruch auf diesen Vorzug hat, reicher noch an Gemüt, treu und aufopfernd in der Freundschaft, gleichwie jene treffliche Französin Recamier, gleich ihr mit jenem wohltuenden Geiste begabt, der daraus verzichtet, zu blenden, in manchen Zweigen des Wissens bedeutender als sie, gleich ihr in genauester persönlicher Beziehung zu fast allen hervorragenden Geistern ihrer Stadt und dies zu der Zeit, als diese noch den Namen der Hauptstadt der Intelligenz Deutschlands beanspruchen durfte, so wie -u den auswärtigen, wann diese irgend ihre Stadt besuchten. In brieflichem Verkehr mit vielen der bedeutsamsten Männer und Frauen Deutschlands, der Mittelpunkt eines geselligen Kreises, zu welchem die samtbekleideten, goldbefransten Stufen des Thrones nicht minder als die ärmlichen Hütten des gesitteten Dürftigen und alle Abstufungen zwischen beiden ihr Kontingent stellten. Sie war die Gattin eines Mannes gewesen, dessen Haus der Sammelplatz der Notabilitäten war, wenngleich nicht sein Reichtum an Geld, sondern ein schätzenswerterer Geist, der sie meist dort versammelte. Sie sah, gleich der Französin Julie Recamier, Generationen an sich vorüberziehen und auch sie blieb gleich dieser nicht verlassen, denn sie besaß noch in späteren Jahren Anziehungskraft für diejenigen, welche die Vorzüge des Körpers an ihr zu bewundern gehabt hatten. Auch sie hatte den Schmerz, die meisten Freunde ihrer Jugend und Freunde, deren Namen nicht bloß sie, sondern das ganze Vaterland mit Stolz und Verehrung nannte, vor sich in das Grab sinken zu sehen und folgte ihnen gern ... Henriette Herz war aus einer jüdischen Familie und sie hatte die tiefe Kluft zu überschreiten, die der hartnäckigste, weil unvernünftigste Feind, das Vorurteil, zu der Zeit, zu welcher sie in die große Welt eintrat, noch in dem Maße zwischen Juden und Christen geöffnet erhielt, daß selbst ihr väterlicher Freund und Glaubensgenosse Moses Mendelssohn trotz seines schon damals europäischen Namens und seines liebenswürdigen Gemütes nur solche seiuer christlichen Mitmenschen zu seinen Freunden und zu seinem Umgang zählen durfte, welche ihm wissenschaftliches Interesse zugeführt hatten. Und sie überstieg diese Kluft, ja eigentlicher noch, sie zog die jenseits Stehenden zu sich herüber." Julius Fürst studierte seit 1825 an der Universität zu Berlin Orientälia und Theologie und hörte u. a. die Vorlesungen Hegels und Neanders. Seitens einiger Glaubensgenossen, die sich für ihn besonders lebhaft interessierten wurden Schritte getan, um ihn zum Einschlagen der Rabbinerlaufbahn zu bestimmen, indem sie ihm nahe legten, daß die Universitätskarriere, der er sich widmen wollte, ihm als Juden in Preußen wenigstens in finanzieller Beziehung verschlossen sei. Sehr günstige Bedingungen ermöglichten ihm den Besuch der unter der Leitung des berühmten Oberrabbiners Akiba Eger stehenden Jeschiba zu Posen. Er selbst war einige Zeit schwankend, ob er nicht den Rat seiner Freunde befolgen und sich endgültig der praktisch-theologischen Richtung, die sichere Aussicht auf gute Versorgung bot, zuwenden sollte. Allein es kam anders. Der Gewissenszwang, den er sich bei Erwählung eines ihm nicht sympathischen Berufes hätte auferlegen müssen, sowie die unvertilgbare Liebe zum akademischen und wissenschaftlichen Wirken, trotz der Aussichtslosigkeit vorwärts zu kommen, gäben den Ausschlag, so daß er sich nach einigen Jahren wieder der Universität zuwandte. Im Jahre 1829 finden wir ihn in Breslau, wo er än der dortigen Hochschule seine Studien fortsetzte und zwar unter den härtesten Entbehrungen. Künnnerlich fristete er sein Dasein durch Stundengeben. Zu seinen interessantesten Schülern in Breslau gehörte Heinrich Laube, der damals noch als Student der Theologie sich mit der hebräischen Formenlehre abmühte, in Gedanken aber, wie er später selbst mit Humor sich erinnerte, oft von jener toten Sprache zu - der Sprache des Lebens abschweifte, die von den weltbedeutenden Brettern der Bühne herab ertönt. „Gott führt seine Heiligen wunderlich" sagte der Psalmist und so wurde denn auch aus Heinrich Laube kein bibelfester Hebräer, sondern ein bühnensester Theaterlenker. Der Breslauer Universität, insbesondere den Orientalisten Bernstein, Habicht und Middeldorps, verdankte Fürst die eigentliche Grundlage seiner orientalischen, theologischen und archäologischen Studien. Zur Fortsetzung derselben begab er sich alsdann noch auf ein Jahr nach Halle, wo Gesenius, Wegscheider, Bernhardt, Rosen-- kranz und Tholuck seine Lehrer waren und wo er sich die philosophische Doktorwürde erwarb, die ihm später auf Gottings Veranlassung als besondere Auszeichnung auch von Jena zu teil wurde. Es gehörte wahrlich viel Mut, Optimismus und Aufopferungsfähigkeit dazu, daß Julius Fürst im Jahre 1833 in Leipzig, welche Stadt seitdem bis zu seinem Tode zu seiner dauernden Heimat wurde, sich als Privatdozent für orientalische Sprachen habilitierte, obschon er wohl die Warnung von Bettina v. Arnims kannte, daß ein jüdischer Privatdozent das Privilegium erhalte, gleichsam offiziell verhungern zu können. Er gab sich aber der Hoffnung hin, daß seine wissenschaftlichen Leistungen schließlich alle Vorurteile, die in konfessioneller Beziehung gegen ihn herrschten, beseitigen würden. Die ihm anfänglich zugewiesene Stellung im Lektionskataloge der Universität war eine der Wissenschaft unwürdige. Jahrelang wurde er neben den Fecht- und Tanzmeistern aufgeführt, eine Zusammenstellung, die weniger ihm als der Universität zur Unehre gereichte, zumal bereits der König Friedrich August von Sachsen den inzwischen berühmt gewordenen Orientalisten durch eine Medaille ausgezeichnet und ihm später den Albrechtsorden verliehen hatte. Erst im Jahre 1857 wurde er als der erste Jude an der sächsischen Universität zum 4.eetc>r publieuL ernannt und so aus der Reihe der Exerzitienmeister entfernt. Weiteres aber hatte die Universität, trotz der 40 jährigen akademischen Wirksamkeit des Gelehrten, nicht für ihn getan. Der Professortitel der aramäischen und tätmudischen Sprache, der ihm 1864 nach 25 jähriger Tätigkeit durch die Regierung verliehen wurde, war sächsischerseits das einzige Zeichen der Würdigung für einen akademischen Lehrer, den selbst die Herrscher Preußens und Oesterreichs durch Orden auszeichneten. In Leipzig war er in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts eng befreundet mit den Hebraisten Franz Delitzsch, dessen Lehrer er im Hebräischen und Chaldäischen war und mit dem er eine Zeit lang zusammenarbeitete, so daß sie sich gegenseitig für ihre veröffentlichten Schriften Hilfe leisteten. Später gingen ihre Wege zu sehr auseinander, da Fürst der jüdischen Aufklärung, Delitzsch dem protestantischen Pietismus huldigte. Besonders lebhaft interessierte sich für ihn Alexander v. Humboldt?) Fürst selbst hat einst seine Beziehungen zu dem Nestor der Naturforscher in launiger Weise geschildert. Er sagte unter anderem: „Als Privatdozent in Leipzig hatte ich kaum soviel, um satt zu werden, da wandte ich mich an Alexander v. Humboldt und bat ihn, für mich eine Anstellung als Sekretär bei der Gesandtschaft in Konstantinopel zu erwirken. Humboldt, der allen half, wenn er konnte, verschaffte mir eine Audienz bei König Friedrich Wilhelm III. „Aber um Gottes Willen, sagen Sie nicht, daß Sie ein Jude sind," rief er mir noch nach, als ich erwartungsvoll zur Audienz fuhr. Der König behandelte mich, wenn auch in seiner h Vgl. mein Werk „Alexanderen. Humboldt und das Judentum." Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Zweite Auflage 1871. Seite 98 ff.