Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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kurzen Weise, doch gnädig genug. Es schien alles gut zu gehen, schon halte er mir mit einen: gewissen Wohlwollen die Entlassung zugewinkt, da im letzten Augenblick wandte er sich scharf fixierend noch einmal mir zu: „Jude?" fragte er. „Ja, Majestät?" Noch ein Wink und ich war entlassen. Aus meiner Anstellung wurde natürlich nichts. Ich kehrte nach Leipzig zurück. Später^ hatte mich der Preußische Kultusminister Altenstein noch einmal behelligt. Wie einen Leibeigenen reklamierte er mich zweimal als preußischen Staatsangehörigen; ich kehrte aber nicht nach Preußen zurück und die sächsische Regierung schützte mich. Ich habe es doch noch zu einem' preußischen Orden gebracht und den verlieh rnir Friedrich Wilhelm IV. auf Humboldts Anregung. Als akademischer Lehrer hat Julius Fürst eine bedeutende Schülerzahl herangebildet, von der freilich ein großer Teil in der praktischen geistlichen Tätigkeit unterging,, während andererseits Namen wie Delitzsch, Wetzstein, Spiegel, Sengelmann später zu berühmten Autoritäten auf dem Gebiete der Wissenschaft wurden. Ueberblicken wir nun die wissenschaftlich-literarischen Leistungen Julius Fürsts, so finden wir, daß er, wie schon gesagt,, auf den mannigfachsten Feldern der Forschung eine erstaunliche Fruchtbarkeit betätigt hat; er war stets ein Muster des Gelehrtenfleißes, an dem sich das Wort bewährte: „Nulla dies sine linea“. Seine Vielseitigkeit war eine erstaunlich' Man mag die Chaldäische und aramäische Gramatik, die Vergleichung des Semitischen mit dem Indogermanischen studieren oder die hebräische Lexikographie und jüdische Lexiko, graphie verfolgen oder sich für die Kultur- und Literaturgeschichte der Juden, für die biblische Literatur, die Sekten und Religionsgeschichten interessieren — überall treten seine Leistungen hervor und ineist sind sie so originell, daß sie unbekannte Bahnen eröffnen, ja nicht selterpganz neue Disziplinen begründen oder für die vorhandenen ungeahnte Gesichtspunkte aufstellen. (Fortsetzung folgt.) Bit gtfunüntr.' Bjanijfdjrift, Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. VI. verging eine Stunde und noch eine. Die Gefangenen saßen apathisch in ihren Winkeln. Vor dem großen Tor wechselte die Wache, der gewöhnliche Soldat war abgelöst worden von einem Soldaten des Palastes. Denn diese Soldaten waren besonders treu und begleiteten die Kaiserin auf allen ihren Wegen. Der Mond und die Sterne waren verschwunden, im Osten rötete sich der Himmel, der Morgen brach an. Da öffnete sich plötzlich das Tor und der Soldat schob noch einen Gefangenen in den Hof, so brutal, daß der Gefangene zu Boden siel. Er raffte sich wieder auf und kauerte sich sodann an die Mauer nieder. Die andern hatten sich durch den Vorgang aus ihrer Apathie nicht aufrütteln lassen. Es wurde immer heller. Das Gebrüll der Löwen Hörte jetzt kaum mehr auf. Dagegen war hin und wieder ein Hammerschlag zu hören; die Arbeit . war also. vollendet. - Von: Tore . her tonte der regelmäßige, feste Schritt des Soldaten- - Rachel, die wieder ausgewacht war aus ihrer Ohnmacht, betete nun unaufhörlich zu ihrem Gott, während Neschuschta mit verzerrtem Gesicht, aus dem eine ohnmächtige Wut sprach, auf ihre Gebieterin niederblickte. Der zuletzt angekommene Gefangene, der eine lange Weile an der Mauer gesessen, schien von dem Gebrüll der Löwen sehr geängstigt zu sein. Er ließ jetzt mit verstörtem Gesicht im Hofe umher, auf und nieder, und leise vor sich hinsprechend. Keiner der Gefangenen achtete auf ihn, alle waren sie mit ihren Sterbegebeten beschäftigt. Nur Neschuschta betete nicht. Die dachte nur nach, wie sie ihre Herrin vor den Löwen retten könnte, und wenn auch durch den Tod.' Da ging eben der zuletzt angekommene Gefangene an ihr vorüber und was er vor sich hinmurmelte, ließ sie aufspringen. Behutsam zupfte sie ihn am Arm. „Sagtet ihr, Rachel Benoni?" fragte sie erregt. „Seid ihr's?" fragte der Fremde. „Nein, meine Herrin." «Ist sie hier?" - «Ja." „Laßt Euch nieder an die Mauer," erwiderte der Mann hurtig und setzte seinen Gang fort. Und nachdem er-noch einige Male aus und ab gegangen, saß er plötzlich neben Neschuschta. „Wer seid Ihr? Antwortet schnell!" „Neschuschta nennt man mich und —" „Ah", unterbrach der Fremde, ein noch junger Mann. „Ich weiß. Denn, ich bin ein Freund Leos." „Ah", rief jetzt auch Neschuschta, „und —?" „Rachel muß gerettet werden. Ich bin verantwortlich für sie mit meinem Leben." Neschuschtas Augen leuchteten. „Gott segne Euch," sagte sie. „Aber wie?" „Ihr müßt mir helfen. Höret, Leo ist nicht in Bhzanz. Er weiß nichts von Rachels Gefahr. Aber er hat mir aufgetragen, sie zu schützen, wie meinen Augapfel. Hört ihr genau zu?" „Weiter, weiter," flüsterte Neschuschta erregt. „Um zu Euch zu gelangen, habe ich mich verkleidet als Jude und habe mich lassen gefangen nehmen." „Ihr seid kein Jude?" „Nein, ich gehöre zum Palast." „Ah, und wie wollt Ihr wieder hinauskommen?" „Mit Euch!" „Und wenn — — —" „Oder mit Euch sterben. Darum bitte ich Euch, achtet genau auf daswas ich sage." , „Ja, ja, nur weiter." „Wenn wir in den Zirkus getrieben werden, dann bleibt dicht neben mir, Ihr und Rachel. Folgt mir, bleibt mir auf meinen Fersen. Damit Ihr aber für alle Fälle wißt, was Ihr zu tun habt, falls wir im Gedränge nicht zusammen bleiben können, so höret: .Der Zirkus hat fünf Ausgänge. Einer dieser Ausgänge ist bald in der Nähe von der Tür, durch die Ihr in den Zirkus treten werdet. Laßt die andern vorausgehen, kommt zuletzt. Dann bleibt an der Tür stehen, und drückt Euch langsam an der Mauer entlang, nach Eurer rechten Hand. Es wird etwas im Zirkus passieren, was aller Augen ablenken wird von Euch, denn es wird große Unruhe entstehen. In dem Moment laust schnell zur ersten Tür zur rechten Hand. Der Soldat dort ist in seinem Herzen ein Bilder-' stürmer wie ich und Leo. Er ist Leo treu ergeben und weiß