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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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151 Das Judentum und die moderne Weltsnlchsuung. Von Dr. Max Freudenthal-Danzig. och eine Schrift über das jetzt so viel erörterte Problem: 'Das Wesen des Judentums! Aber eine Schrift in anderer Art und mit anderer Absicht. Während die bisherigen Darstellungen über das Wesen des Judentums vor allein nach außen zielen und den andern Bekenntnissen gegenüber die sittliche und religiöse Höhe, zu der das Judentum sich entwickelt hat, zeichnen wollen, ist dies soeben erschienene Buch des -Frankfurter Rabbiners Dr. Caesar Selig mann') in erster Reihe der inneren Propaganda gewidmet und will den Bekennern Israels selber die Augen öffnen über das Verhältnis des Judentums zur modernen Weltanschauung. Gewiß ein ernstes, zeitgemäßes und tiefes Problem, welches vielleicht noch größerer Beachtung wert erscheint als die Abwehr konfessioneller Angriffe von außen; denn sicherlich hat das Christentum mit seiner Behauptung von der Inferiorität des Judentums ihm innerlich keinen großen Abbruch getan, während dagegen der Abfall, den die modernen Weltanschauungen Hervorrufen, um so schmerzlicher und empfindlicher ist, sich in allen Schattierungen von der Gleichgültigkeit bis zur direkten Verachtung alles Jüdischen bemerkbar macht und zumeist auch die Entschuldigung abgibt für den Eintausch der Geburtsreligion gegen andere Bekenntnisse, die dem modernen Menschen nicht mehr ein leuchten, aber wenigstens mehr einbringen. Den führenden Geistern des Judentums, so weit sie mit offenen Augen in der Praxis des Lebens stehen, sind diese betrübsamen Erscheinungen und ihre Ursachen sehr wohl bekannt. Zwar ist es wahr, was Seligmann im Vorwort hervorhebt, daß in der modernen jüdischen Literatur das Gebiet, auf welchem sich seine Vorträge über Judentum und moderne Weltanschauung bewegen, wenig bearbeitet ist. Aber es gibt wohl kaum einen einzigen verständigen Theologen, den nicht diese Fragen schon tief bewegt, und den sie nicht veranlaßt hätten, gelegentlich und bruchstückweise in Predigten und Vorträgen all das zu erörtern, was hier in innerem und äußerem Zusammenhang* aneinandergereiht ist. Seligmanns Vortrüge sind eine meisterliche Verkörperung dessen, was heute in jedem denkenden Theologen lebt — ein in trefflichen Worten hinflutender Erguß jenes immer wieder einsetzenden und leicht begreiflichen Dranges, die ererbten Religionsanschauungen in irgend einen Einklang zu bringen mit der modernen Weltauffassung, ein Drängen, das im Judentum durchaus nichts modernes an sich trägt, weil seine besten Geister zu allen Zeiten nach dieser Einigung gestrebt haben. Aber sie haben die Ergebnisse ihres Forschens auf diesem Gebiete nicht, wie die meisten heute, still in sich verschlossen, sondern sie offen und ehrlich auch der Welt gegenüber in ihren Schriften systematisch zum Ausdruck gebracht. Man sollte meinen, der moderne Theologe habe noch viel mehr als diese seine großen und ehrwürdigen Vorbilder aus der Vergangenheit die heilige Pflicht, den Ausgleich, den er für sich selbst gefunden, nicht schweigend in sich zu tragen, sondern auch andere systematisch dafür zu gewinnen. Muß ihm doch daran liegen, vor allem zu den Gebildeten in seiner Gemeinde geistige Fühlung zu gewinnen, sie für das Juden- ') Judentum und moderne Weltanschauung. Fünf Vorträge von Dr. Caesar Seligmann. Frankfurt a. M. 1905. Verlag von I. Kanffmann. tum und für die jüdische . Gemeinde zu erwärmen und damit die besten Kräfte dieser Gemeinschaft nicht bloß vor dem Abfall zu bewahren,' sondern sie auch aus ihrer'Gleichgultigkeit heraus allmählich in den Dienst der heiligen Sache überzuführen. Gegen diese Feinde — eisige Kälte und Gleichgültigkeit, unter den Gebildeten nämlich — hoffe keiner mit den kindlichen Waffen der Vergangenheit einen Sieg! davonzutragen. Unser Jahrhundert ist auf einen andern Ton gestimmt als vergangene Jahrhunderte. Wer heute die Irrenden führen will, in dessen Rede 'muß die Weisheit des Jahrhunderts zu finden sein. Der Verfasser hat Recht! Wer hier Erfvlge erzielen will, der kann sichunmöglich hinter die feste Umwallung der Tradition und der Gläubigkeit zurückziehen und ^dem andern zurufen: komm du zu mir! Hier gilt es zu zeigen, daß man den Gegner weder fürchte, noch verachte, daß man weder mit leichtem Spott, noch mit bloßen heiligen Gefühlen ihn aus der Ferne bekämpfen will; hier heißt es ihn aufsuchen, auf gemeinsamem Boden mit ihm zusanunentreffen, ihn als ebenbürtig betrachten und ihm beweisen, daß es des Versteckes nicht bedarf, daß das Judentum auch außerhalb desselben mit den Waffen seines reinen Geistes als ebenso ebenbürtiger Gegner silrchtlos einen Gang mit den modernen Anschauungen wagen darf. So hat es Seligmann gehalten, und darum klingt auch aus seinen Vorträgen als Grundton vor allem die Hochachtung vor dem Gegner, die sich nicht mit verächtlichem Herabschauen begnügt, sondern danach strebt, jenen verstehen zu lernen, die seinem guten Willen die Anerkennung nicht versagt und nur die irrigen Konsequenzen dieses guten Willens bloßlegt. Selbst da, wo es leichter wäre, mit einem Schlage den Widerpart zu Boden zu strecken, vergißt der Redner nicht, daß er es mit einem überzeugten und ehrlichen Feinde zu tun hat, der ebenso ehrlich überzeugt werden will. So verschmäht es Seligmann mit Recht in seinem ersten Vortrage. „Naturwissenschaft und Judentum" dem Darwinismus mit entliehenen, naturwissenschaftlichen Waffen sein Sterbelager zu bereiten; selbst auf die Gefahr hin, ihm ein Zugeständnis machen zu müssen, sucht er lieber sich in die Anschauungen derer zu versetzen, die sich heute in so großer Zahl als unerschütterliche Anhänger der Entwicklungslehre bekennen. Im übrigen ist es hier das einzige Mal, daß der Verfasser der modernen Weltanschauung ein so weitgehendes Zugeständnis einräumt; obwohl er auch damit nichts völlig neues bietet, denn schon Steinthal hat in seiner Abhandlung über „die Schöpfung der Welt, des Menschen und der Sprache nach der Genesis" (Zur Bibel- und Religionsphilosophie I, 113) darauf hingewiesen, daß das göttliche Wesen durch den Gedanken einer Schöpfung, die aus Niedrigerem das Höchste formt, nicht herabgewürdigt werde, ein Gedanke, zu dem Seligmann ein an Leibnitz'sche Vorstellungen erinnerndes Korrelat ausspricht, und Judentum nnd Naturwissenschaft auf dem Boden der Entwicklungslehre ein Stück Wegs zufammengehen läßt. In all den andern Aufsätzen aber erfahren die modernen Anschauungen eine zwar liebenswürdige, aber entschiedene Abweisung, an deren Formvollendung und Gedankenreichtum sich auch der konservativste Leser freuen darf. So schon im . zweiten Vortrag „Pantheismus und Judentum", in welchem wohl auf der einen Seite dargetan wird, daß das theistische Judentum zugleich pantheistisch und der transzendentale Gott der Juden zugleich immanent sei, mit anderen Worten, daß aus der jüdischen Idee des einig-einzigen, unendlichen Gottes konsequent die Idee einer allgemeinen Weltbeseelung fließen muß, auf der anderen Seite aber scharf der Gegensatz zwischen dem Judentum und dem landläufigen Pantheismus gezeichnet

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