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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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Gries aus Stettin. Stettin, 24. März. länzend und wahrhaft erhebend war das Fest, welches die hiesige Gemeinde anläßlich des 25 jährigen Amtsjubiläums ihres allgemein verehrten Rabbiners Dr. H. Vogelstein am 19. d. M. veranstaltet hat. Die Feier begann vormittags mit einem Gottesdienst in der festlich geschmückten Synagoge. Unter dem vierstimmigen Chorgesange Borucli habo wurde der Jubilar von dem Vorsitzenden des Vorstandes und der Repräsentanz an seinen herrlich dekorierten Platz geleitet. Rach dem gesanglichen Vortrag des 121. Psalmes bestieg Herr Dr. Worms die Kanzel, um die Festpredigt zu halten, welche ein erhöhtes Interesse dadurch noch gewann, daß er denselben Text wählte, den einst der Jubilar seiner Antrittsrede zugrunde gelegt hatte, nämlich Esther' II, 5,a. Wie Mordechai in der heiligen Schrift gleich bei seiner erstmaligen Erwähnung als ein Mann und als ein Jude charakterisiert werde, und als solcher sich in jeder Lage seines Lebens bewährt habe, so sei der Jubilar während seiner 25 jährigen Tätigkeit in der hiesigen Gemeinde stets ein ganzer Mann mrd ein wahrhafter Jude gewesen. Festen Charakters und unerschütterlicher Ueberzeugung hielt er unerbittlich an dem fest, was er für richtig und heilsam erkannt hatte, seiner ehrlichen Gesinnung unerschrocken Ausdruck verleihend. Dabei war er stets mild und maßvoll in der Form, so daß der Friede und die Eintracht in der Gemeinde immer gewahrt blieben. Und wahrend es in der Gegenwart in so mancher jüdischen Gemeinde mit dem Judentum abwärts geht, weil ihre religiösen Führer unentschlossen hin- und herschwanken, weder offen für die alte Richtung Partei ergreifen, noch kühn zur neuen sich bekennen und dadurch der Lauheit und Gleichgiltigkeit nur Vorschub leisten, hat der Jubilar durch seine entschiedene Haltung, wie durch sein unermüdliches Wirken und Schaffen es verstanden, das religiöse Leben in unserer Gemeinde stetig zu heben und zu fördern, und sich vor allem als Mann und wahrhafter Jude bewährt. Den Gottesdienst, hat er in einer, dem modernen Empfinden entsprechenden Weise geregelt, die Andacht und damit auch den Besuch des Tempels gehoben, ebenso verdankt so mancher der hier bestehenden zahlreichen religiösen und wohltätigen Vereine ihm seine Begründung; alle aber haben an ihm einen tatkräftigen Förderer und treuen Berater, sodaß wie einst Samuel in Gilgal das Volk dem Jubilar heute seine Gemeinde bezeugen werde, das; er niemandem Unrecht getan, sondern treu erfüllt habe, was er vor 25 Jahren versprochen hatte. Mit einem Gebet für den Jubilar und seine Familie schloß Dr. Worms seine eindrucksvolle Rede. Es folgte nunmehr der 86 hajaum rc., nach welchem Rabbiner Pros. May bäum das Wort ergriff. Er begründete seine Berechtigung, den Preis des Jubilars zu verkünden mit seiner innigen Freundschaft zu diesem, vermöge deren er auch bezeugen könne, daß dem Jubilar niemals selbstsüchtige Zwecke bei allen seinen Amtshandlungen geleitet haben, sondern, daß er sich stets vorn Geiste des Ewigen angetrieben fühlte. Für den Jubilar sei charakterisch das Wort Jesaja 50, 4—5: „Mein Herr, der Ewige hat mir Beredsamkeit verliehen, um den Matten mit dem Worte stärken zu können. An jedem Morgen weckt er mir das Ohr, um zu hören, wie ein Prophetenjünger. Mein Herr, der Ewige öffnete mir das Ohr und ich widerstrebte nicht, wich niemals zurück." Mit dem ersten Verse kennzeichnete der Redner die hohe Begabung des Jubilars,'seine Beredsamkeit und sein auf die Forderungen des Lebens lauschendes Ohr. Mit dem zweiten Verse charakt erisierte er dessen Leistungen, soweit sie außerhalb derStettiner Gemeinde, für welche bereits Dr. Worms gesprochen hatte, innerhalb des Gesamtjudentums in die Erscheinung traten. Charakteristisch für den Geist, der den Rabbiner beherrscht, sei überhaupt nicht die alltägliche, vertragsmäßig erfüllte Tätigkeit, sondern die freiwillig übernommenen Aufgaben. Hier habe der Jubilar bewiesen, daß der Rabbiner kein bloßer Beamter sei, sondern ein Priester, der sein ganzes Leben in den Dienst des Heiligen stellt. Insbesondere habe er in allen Organisationen, in allen Veranstaltungen der Wohltätigkeit und in allen Verbänden der Religion und der Wissenschaft als ein Mvnn der Tat gewirkt, auf den man stets zählen konnte. Vervollständigt wurde das letzte Wort des Textes: „Ich wich nie zurück", mit dem der Redner alle Kämpfe des Jubilars für die Fortbildung und Entwicklung der Religion seit seinem ersten Auftreten auf der Augsburger Synode kennzeichnete. So stehe der Jubilar da, von vielem bekämpft, aber von keinem besiegt-, umrauscht, von dem Zuruf und Beifall seiner Mitstreiter, ein Mann wie Mordechai, den er sich vor 25 Jahren zum Vorbilde gewählt hat. Mit der Spendung des dreifachen Priestersegens .an den Jubilar schloß die begeistert ausgenommene Rede deslgefeierten^Meisters der Homiletik. Nach dem Gesang der vom Jubilar in seinem Gebetbuche verfaßten deutschen Keduscha ergriff dieser nun selbst das Wort zu einem innigen Gebet, indem er Gott dankte, der seine Arbeit gesegnet habe und sodann auch der Gemeinde für ihre Mitarbeit warmen Dank aussprach. Er flehte Gott um fernere körperliche Rüstigkeit und geistige Frische an, damit er weiter wirken könne. Als schönsten Lohn betrachte er es aber, wenn seine Gemeinde den heutigen Tag zum Ausgangspunkt weiteren kräftigen religiösen Lebens werden lasse. Zur freudigen Ueberraschnng des Jubilars sang nunmehr eine frühere Religionsschülerin von ihm und jetzige Konzertsängerin in Berlin, Fräulein Sarason, das Hallelujah von Hummel, das alle Festteilnehmer begeisterte. Mit dem vom Chor vorgetragenen Psalm 150 schloß die erhebende Feier in der Synagoge. ..._' Später fanden sich zahlreiche Deputationen, und Gemeindemitglieder in der Wohnung des Herrn Dr. Vogelstein zur Gratulation ein. Als erster nahm der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Moses, das Wort, indem er die Wirksamkeit des Jubilars in einem Rückblick herzlich würdigte. Rechtsanwalt Dr. Lewin, Vorsitzender der Repräsentanz, gab seitens dieser seinen Glückwünschen tiefempfundenen Ausdruck und verlas die von den Gemeindebehörden dem Jubilar gewidmete Adresse. Beide Körperschaften hatten zugleich Herrn Dr. Vogelstein die Moses-Statue von Michel Angelo, in Bronze auf einer Marmorsäule prachtvoll ausgeführt, zum Geschenk gemacht und ihm außerdem eine beträchtliche Summe zur Begründung einer seinen Namen tragenden Stiftung überwiesen. Dr. Worms, der zugleich im Namen der Lehrer gratulierte, wies auf das kollegiale Verhältnis hin, das den Jubilar mit seinen Mitarbeitern vereine und ein einträchtiges Zusammenwirken ermögliche- Herr Halle sprach für sämtliche Vereine der Gemeinde und überreichte namens derselben ebenfalls eine Adresse. Dr. Landsberg gab als Präsident der Benai Brith-Loge seitens derselben seiner herzlichen Anteilnahme am Fest und den Ehren ihres Bruders Ausdruck. Professor Maybaum überreichte nunmehr als Vorsitzender des Rabbinerverbandes eine Adresse mit herzlicher Ansprache; auch vom liberalen Rabbinerverein war eine Adresse eingegangen. Abends vereinigte ein glänzendes Bankett die Gemeindemitglieder und Gäste. Geistvolle Toaste, die zu skizzieren den Rahmen des Berichtes überschreitet, sowie ein schönes Tafellied des Herrn Friedeberg, erhöhten die Stimmung und Weihe dieses allen Teilnehmern unvergeßlich bleibenden Festes. Denn es war in der Tat ein schönes Fest, schön hauptsächlich deshalb, weil die ganze Gemeinde ohne Ausnahme es feierte, und weil Alle sicherlich die Empfindung hatten, daß es nicht eine leere Form war, sondern Herzenssache; man fühlte tatsächlich den inneren Drang, nur Liebe, Dankbarkeit und Verehrung zu bezeugen. Darum auch hatte es eine so tiefgehende Wirkung. Bemerken wollen wir zum Schluß noch, daß gerade am Morgen des Jubiläumstages vom Provinzialschulkollegium die erfreuliche Mitteilung angelangt war, daß der Kultusminister den Antrag der Synagogengemeinde Stettin, die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an allen hiesigen Gymnasien betreffend, genehmigt habe. Der Vorsitzende des Vorstandes hob in seiner Ansprache an den Jubilar hervor, daß ihm diese Nachricht sicherlich ein wertvolles Jubiläumsgeschenk sei und daß die ganze Gemeinde es als ein gutes Omen betrachten dürfe, daß gerade an diesem Tage ein Wunsch erfüllt sei, der ihr so sehr am Herzen lag und von dessen Erfüllung sie sich großen Segen verspricht. Mit dem Beginn des Sommersemesters wird der Unterricht an den Gymnasien und höheren Mädchenschulen nunmehr beginnen. So sind wir hier wieder ein gut Stück vorwärts gekommen. Möge es Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein noch la^ge vergönnt sein, für unsere Gemeinde und für das ganze Judentum zu wirken und zu schaffen. s.

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