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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-23 · Heft 52 (23.12.1904) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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614 - Juden leicht und drei schwer verwundet wurden. In den Gouvernements Grodno, Kowno und Smolensk fanden je zwei Krawalle statt. In Slonim gelang es den Juden, am 14. November die raublustigen Rekruten vom Marktplatze zu vertreiben. Auf der Messe zu Liskowo im selben Gouvernement Plünderte der Pöbel die von den jüdischen Meßbesuchern mitgebrachten Waren. In Smolensk wurden die Juden aus der Pferdebahn und den Droschken geholt und geschlagen, in Roslawl wurden am 25. Oktober drei jüdische Läden geplündert und ein Jude getötet. Je drei Krawalle fanden in den Gouvernements Cherson, Podolien und Radom statt. Im letztgenanntem Gouvernement fanden Plünderungen in den Städten Czenstochau, Zavercice und Neuradomsk statt. In Balta hat die jüdische Gemeinde zunächst 1200 Rubel Lösegeld zahlen nwissen, daraufhin ist der Pöbel in Wohnungen gedrungen, nur durch Drohung deren jüdischen Insassen Geld zu erpressen. Nachdem diese Wirtschaft volle acht Tage gedauert hatte, wurde schließlich Militär requiriert. Im Dorfe Jassinowka bei Balta wurden 25 jüdische Familien ausgeplündert und die den Juden gehörenden Getreidespeicher erbrochen und aus denselben große Posten Weizen an die Bauern völlig ausverkauft. Endlich seien die Krawalle in Alexandria, Elisabethgrad und Groß-Wißka, sämtlich im Gouvernement Cherson, hervorgehoben. Im erstgenannten ist viel Blut geflossen, da der Pöbel 19 Juden schwer verwundet und drei getötet hat. Sehr zahlreich waren die Krawalle in den beiden Gouvernements Kiew und Witebsk. In Boguslaw (Kiew) sind zahlreiche Juden verwundet und ein Schaden von 300000 Rubel verursacht, in Kanjew wurden 45 Juden verwundet und einer getötet, sowie 4b Läden geplündert. Weniger schlimm verliefen die Krawalle in Kosin, Malin, Mironowka und Stepanzi. In Radomiszel wurde den Juden Uhren und Börsen auf der Straße abgenommen sowie die Gummischuhe ausgezogen. Das Gouvernement Witebsk hatte sieben Krawalle, von denen der bedeutendste der in Wittebsk selbst mit 55 Verwundungen und drei Todesfällen war. In Newel wurde ein Jude getötet und zwei verwundet. Sehr bedrohlich sind Zustände in Dwinsk, wo die fortwährend hinzuströnienden neuen Reservistengruppen im Verein mit dem städtischen Pöbel die jüdische Bevölkerung in fortwährender Angst halten. Am 30. Oktober kam es endlich zum Krawall, der jedoch vom General Pnewski durch einige unter den Reservisten verteilte furchtbare Ohrfeigen rasch unterdrückt wurde. Anr 14. November versuchten die Unruhestifter die jüdische Fleischbank zu plündern, wurden aber von den Fleischern mit blutigen Köpfen heimgeschickt. Am 20. und 22. November haben sich die Unruhen erneuert. Täglich kommen einzelne Plünderungen vor, obgleich die Juden mit großen Kosten eine „Ochrana" (Schutzwache) unterhalten. Den Rekord an der Anzahl der Krawalle hat jedoch diesmal das Gouvernement Mohilew geschlagen. In Mohilew selbst werden noch jetzt, fünf Wochen nach dem großen Krawalle, Juden am Hellen Tage ausgeraubt. In Amtschislaw wurden 37, in Bunitschi 10, in Barkan 100 Lüden und 200 Häuser geplündert. Ferner in Daschkow 54 Häuser und 6 Läden, in Knjaschitz 5, in Shurawitsch 26, in Sjeni 2 und in Tschrikow 20 Läden geplündert. Der Schaden in Tscherikow wird aus 20 000 Rubel geschätzt. Daneben wurden in einigen der genannten Orte zahlreiche Fensterscheiben eingeworfen. In Horki dauerten die Unruhen vom 24. bis 26. Oktober, wobei 69 Lüden geplündert und ein Schaden von 50 000 Rubel verursacht wurde. In Biechow wurden 52 Läden geplündert und 40 durch Feuer vernichtet. In den 14 Gouvernements, in denen 70 Krawalle stattgefunden haben, sind im ganzen 206 Räuber verhaftet worden, von denen einige bereits zu 3—6 Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Und in diesem Reiche spricht man von der „gelben Gefahr!" Die Mache. Berlin, 20. Dezember, he der Reichstag in die Ferien ging, hatte er noch den Genuß, fast die gesamte antisemitische Fraktion reden zu hören. Es handelte sich ja um die Rettung des Mittelstandes. Aber wir glauben nicht, daß die Herren von der Antwort, die ihnen die Negierung gab, einen besonderen Genuß gehabt haben. Infolgedessen droht man dieser Negierung bereits mit schärfster Opposition : „Eine Negierung, deren Vertreter in den Warenhäusern Stätten der Intelligenz und in der Assoziation des Kapitals die Ursachen des Kultursortschrittes erblickt, darf sich nicht wundern, wenn der Mittelstand in die Bahnen der schärfsten Opposition gedrängt wird." Wenn Gras Posadowsky der Agrarier und Antisemiten Freund bleiben will, so hat er unentwegt für die bündlerischen Forderungen zu streiten, über die Entwicklung der modernen Verkehrsverhältnisse aber hat er ebenso unentwegt zu schweigen. Und endlich hat er gegen die Warenhäuser im einzelnen und gegen die Juden insgesamt energisch vorzugehen. Sonst! Ueber die einzelnen Szenen, die die Fraktion und ihre Affilierten aus dem Zentrum wie aus den konservativen Reihen aufgeführt, lohnt es sich kaum noch zu sprechen. Herrn Liebermcirm v. Sonnenberg hat Bebel scharf und kurz abgefertigt, Herr Dr. Heim, aus dessen.Rede nur die Erklärung von Interesse war, daß das Zentrum niemals für ein Schächtverbot zu haben sein würde, wurde von dem elsässischen Abgeordneten Blumenthal energisch zurückgewiesen — und nur der Potsdamer Bürger und Abgeordnete Frölich blieb unbehelligt. Darum soll aber dessen kostbare Redeblüte doch nicht unvergessen bleiben. Sie ist zu schön. Also Herr Frölich aus Potsdam trat für die obligatorische Versicherung des Handwerkerstandes und gegen die Warenhäuser ein. Er sagte, nach dem Handelsminister Möller sollen die Warenhäuser der Sitz der Intelligenz sein, und fuhr dann also fort: „Wenn ich schon das Wort „Intelligenz" höre! „Intelligenz" kann man mit „Klugheit" und „Schlauheit" übersetzen. Klug ist der Deutsche, schlau ist der Jude." (Heiterkeit.) Ist das nicht entzückend? Genau so hat auch der Wiener Antisemit Bielohlawek über die „Büldung" seinerzeit geredet. Ja wohl, Intelligenz und Bildung sind allen Antisemiten ein Dorn im Auge. Ihr Weizen blüht nur da, wo weder Intelligenz noch Bildung zu finden, sondern beide aufs innigste gehaßt werden. Eine Verfügung des Kultusministers über die Teilnahme am Religionsunterricht in den Volksschulen erscheint auch für uns von Interesse. Zöglingen der Volksschulen, die nicht zur Konfession des angestellten Lehrers gehören, soll die Teilnahme an dem von diesem erteilten Religionsunterricht nach einer allgemeinen Bestimmung nur dann gestattet werden, wenn die Eltern und Vormünder des Kindes dies ausdrücklich verlangen. Um der Unsicherheit darüber zu begegnen, wie und'vor wem dieses Verlangen ordnungsmäßig zu bekunden ist, ist neuerdings vom Minister folgendes angeordnet worden: 1. Die Willenserklärung, daß Kinder in einer andern Konfession unterichtet werden sollten, als es nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen sonst geschehen müßte, ist fortan von den Eltern vor dem Landrat, Richter oder Notar abzugeben. In den kreisfreien Städten tritt an Stelle des Landrats der Leiter der Polizeiverwaltung. 2. Die Eltern und Vormünder haben sich zu diesem Zweck persönlich einzufinden. Bei weiten Entfernungen ist es gestattet, daß die Landräte im einzelnen Falle die Amtsvorsteher ermächtigen, die Erklärungen entgegenzunehmen. Die Schulaufsichtsorgane haben Anträge

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