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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-23 · Heft 52 (23.12.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 52. Berlin, 23. Dezember 1904. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*' Ludwig Philippson. VeilSM-LcpeMM: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezoaen vierteljShrl. 3 M. Redakteur: Gustav Llarpele». Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8>V., Jerusalemer Strotze zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Likb?ig IudrnKrswsük. Berlin, 20. Dezember, as Jahr 1904, welches gleich am Beginn im Monat Februar den Krieg mit Japan und eine sich diesem anschließende schwere Krisis in Rußland hervorbrachte, hat im Oktober und November mit den Reservisten- und Rekrutenkrawallen einen furchtbaren Abschluß gefunden. Wie ein über Nacht angeschwollener Bergbach alles niederreißend zu Tal stürzt, so haben die zu ihren Sammelplätzen eilenden Reservisten und Rekruten, unterwegs alles vor sich zerstampfend. Tausende von jüdischen Existenzen vernichtet, die nun über Nacht ihre ganze Habe verloren haben und in das große Heer der Bettelarmen und der Luftmenschen untertauchen müssen. Nicht weniger als 14 Gouvernements des jüdischen Ansiedlungsrahons wurden von Krawallen heimgesucht und in siebzig von Juden stark bevölkerten Ortschaften haben die vom einheimischen antisemitischen Pöbel geführten Reservisten mehr oder weniger grausam gehaust. Man schreibt uns darüber aus Rußland von gutunterrichteter Seite: Am schwersten haben unter den jüngsten Unruhen die Gouvernements Kiew, Mohilew und Witebsk gelitten, die allein 60 Prozent aller Krawalle aufwiesen. Schon allein diese Tatsache läßt vermuten, daß die Polizei den Unruhen nicht ganz fern stand. In Kiew kommandiert als Chef des Militärbezirks der mehr als Antisemit wie als General bekannte Kleigels und in Mohilew herrscht noch immer der Gouverneur Klingenberg, Krozer und Homeler Angedenkens. Diese beiden Namen sind für sich allein ein Programm. . . Aber selbst an Orten, wo jöie Polizei die Krawalle weder organisiert noch durch eine wohlwollende Neutralität begünstigt hat, trug sie dennoch indirekt zu ihrer Entstehung wesentlich bei. Ueberall haben nämlich die lokalen Behörden die jüdischen Gemeinden aufgefordert, für die in den Krieg ziehenden Reservisten ansehnliche Spenden zu votieren. Durch diese erpreßte Judensteuer wurde wieder einmal offiziell bekundet, daß die Juden an allem die Christen treffenden Ungemach schuld sind, daß die Reservisten ein gewisses Anrecht haben, für die ihnen in Ostasien bevorstehenden Leiden sich an den Juden schadlos zu halten. Nebst den lokalen Behörden trägt nach wie vor der russische Staat für im Lande vorkommende Judenkrawalle die Verantwortung. Eine langjährige Unterdrückung hat die Juden in den Augen ihrer christlichen Mitbürger zu Parias herabgewürdigt, an denen sich jedermann ungestraft vergreisen kann. Die milden Strafen, mit welchen die Räuber und Mörder von Kischinew davonkamen, sowie das skandalöse Gebahren der gegenwärtig in Hömel über die dortigen Unruhstifter zu Gericht fitzenden Richter haben gleichfalls nicht wenig zur Bekräftigung der seit Jahren unter den Bauern herrschenden Auffassung beigetragen, daß „es erlaubt ist, einen Juden zu erschlagen." Im Gegensatz zu den Homeler und Kischinewer Krawallen glichen die jüngsten Angriffe auf die Juden mehr einem Raubzuge als einem religiösen Kreuzzuge. Mit kaltem Blute waren diesmal die Reservisten sowohlwie die ortsansässigen christlichen Pöbelhaufen ausschließlich darauf bedacht, sich am Gute der Juden zu bereichern. Auch suchten sie jedes überflüssige Blutvergießen tunlichst zu vermeiden, da dies immerhin zu Weiterungen führt. Freilich ganz ohne Schläge und Fenstereinwerfen ging es auch diesmal nicht ab, und in Alexandria, Barka, Mohilew, Smolensk, Roslawl und Witebsk, sowie in ganz jüngster Zeit auch in Dwinsk ist sogar viel jüdisches Blut geflossen; aber auch da ward nicht mit Vorbedacht gemordet, sondern die ihr Eigentum schützenden Juden wurden bloß „ein bißchen heftig geschlagen", so daß sie infolge der erhaltenen Verletzungen starben. Ist aber bei den jüngsten Krawallen auch weniger Blut als in Kischinew geflossen, so war doch der Materialschaden unvergleichlich größer. Von den 70 Krawallen, die in der kurzen Frist von kaum drei Wochen im Ansiedlungsrayon stattgefunden haben, liegen nähere Nachrichten von kaum 16 Plätzen vor. Selbst über die Zahl der Schwerverwundeten liegen keine genauen Angaben vor. Außer in der Stadt Mohilew wurden in sechs Plätzen 155 Personen schwer verwundet, von denen zwölf inzwischen schon verstorben find. In sechs Städten wurden ferner 257 Häuser und in 13 Ortschaften gegen 516 Läden geplündert. Von vier Plätzen liegt eine ungefähre Schätzung des angerichteten Schadens vor, und dieser betrug allein in vier Ortschaften 570000 Rubel. Man würde kaum fehlgehen, wenn man den Gesamtverlust auf ungefähr 7 Millionen Rubel schätzen wollte. Von den 70 von den Krawallen heimgesuchten Plätzen sind zwölf in Gouvernement Mohilew gelegene nicht einmal dem Namen nach bekannt. Sie werden im offiziellen Mohilewer Gouvernementsboten mit den Worten „Außerdem fanden in noch zwölf kleineren Orten Unruhen statt" abgetan, ohne diese Orte auch nur zu nennen. Von 22 Ortschaften weiß man kaum mehr als den Namen, resp, ist bekannt, daß sie erheblichen Schaden nicht gelitten haben, da die Polizei, stellenweise auch die christliche Intelligenz rechtzeitig für die Juden eingetreten war. Von einer ganzen Reihe anderer Orte heißt es nur: „Sämtliche Häuser und Läden geplündert",. „Juden zahlreich geprügelt", „Alle Fensterscheibeneingeworfen". In den Gouvernements Beßarabien, Lomsa, Minsk, Siedlce und Wölynien fanden je ein Krawall statt, der nur in Lotnsä und zwar in der Stadt Ostrow größere Dimensionen hatte, da bei demselben zehn

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