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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-09 · Heft 50 (9.12.1904) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
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WWWWWW88NWWNMW - 596 ^^WWWWWM Weshalb merkt man wenig von dem religiösen Geiste in Deutschland, wo doch in manchen Synagogen das schöne deutsche Lied von einen: stimmbegabten Kantor vorgetragen wird bei der harmonischen Begleitung einer klangvollen Orgel? Die hebräische Sprache ist das feste Band, das uns Juden umschlingt; wo immer ich in einen jüdischen Tempel eintrete, kann ich mit ihr dem Gottesdienste folgen. Wie soll aber der Italiener folgen können einem Gottesdienste in Warschau, wenn das Weitsche Projekt erfüllt werden sollte? Wiesoll da der Engländer den Franzosen verstehen rc.? Als Beweis, daß meine Bemängelung dieses Projektes eine richtige ist, bringe ich nur ein Beispiel vor: In Triest ist die hebräische Aussprache — pronunzia italiana — wohl zu unterscheiden von der spagnola — infolge dieser kleinen Aenderung in der Aussprache kann ein Deutscher unmöglich in der ersten Zeit dem Gottesdienste folgen. Also nur eine kleine Differenz, und die wirkt schon störend aus den Fremden; wie wäre es erst, wenn in jedem Lande der ganze Gottesdienst in der betreffenden Sprache eingeführt wäre, da müßte wohl jeder Durchreisende oder zum längeren Aufenthalte gezwungene Fremde vom Gottesdienste ausgeschlossen sein. — Nein, dieses Heilmittel halte ich für ganz falsch. Lieber soll man das kleine Opfer bringen, und ein wenig Hebräisch lernen — und diese Schwierigkeit wäre behoben. Was ich mit meinen Zeilen bezwecken will, ist: den Vorschlag bezüglich des Ausschaltens des Hebräischen als einen verfehlten hinzustellen, und dann die Frage: wie man den Grundübel abhelfen könnte,' an meine erfahrenen Amtsgenossen zu richten. Jewish Encyclopedia. Land VI und VII. Von Wilhelm Goldbaum. Aus Briefen an eine Freundin. II. ie Theologen, schrieb ich Ihnen neulich, haben das Uebergewicht in der Jewish Encyclopedia. Ich verhehle nicht, daß Hamit aus die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit hingewiesen werden sollte. In den drei leitenden Instanzen — den: Editorial Eoard, dem amerikanischen und dem auswärtigen Eoard of Consulting Editors — sind vorwiegend gelehrte Theologen vereinigt und in der Liste der Mitarbeiter steht fast an jeder dritten Stelle ein Chiefrabbi oder ein Rabbi. Entspricht dies der oft gehörten Behauptung, daß die Geschichte der Juden in der Zerstreuung lediglich Gelehrtengeschichte sei, so entspricht es doch nicht unserer heutigen Auffassung von geschichtlicher Entwicklung, von der doch auch die Juden, die vorwie die nachexilischen, nicht ausgeschlossen waren. Ich will den Theologen beileibe nicht zu nahe treten, denn wir haben viel von ihnen gelernt. Cela va sans dire. Der Essay „God“ (Gott) und mancher andere in der Encyclopedia sind wahre Fundgruben theologischer Gelehrsamkeit. Auch die umfangreichen historischen, selbstverständlich auf den speziellen Zusammenhang mit dem Judentum beschränkten Artikel, wie unter anderen der Artikel „Hungarv“ von Alexander Büchler, oder die exegetischen Beiträge befriedigen jeden gerechten Anspruch. In Bibel und Talmud sind sie allerdings gründlich zu Hause, die Chiefrabbis und Rabbis-. Aber der Horizont der politischen und der Kulturgeschichte, wie wir sie heute betreiben, ist doch ein erheblich weiterer als der Horizont der Gemeinde und des Rabbinats. Mir dünkt, daß eine Gestalt wie diejenige Benjamin DisraelEs — immer aus dem heutigen Gesichtspunkte angeschaut — für die Entwicklung der Juden * zu einem universalhistorischen Element mindestens ebenso bedeutsam ist, wie etwa Maimonides, und eine Figur wie die des Baron Moritz Hirsch charakteristischer als die großen Rabbis Ezechiel Landau, Moses Jsserles oder Jonathan Eibenschütz. Wie wäre denn sonst, um ein Beispiel aus der unmittelbaren Gegenwart zu zitieren, das Phänomen Theodor Herzl zu begreifen, dieses merkwürdige Phänomen eines Führers von Millionen Juden, der doch selbst nicht eine Zeile des talmudischen Originaltextes zu leserr vermochte? Sie verstehen mich, liebe Freundin. Es gibt psychologische und namentlich völkerpsychologische Zusammenhänge, die nicht notwendig einem Rabbiner oder gar n u r einem Rabbiner offenbar sind, ja, die es diesem oft weniger sind, als einem unbefangenen, durch keine theologische Schranke eingeengten Laien. Was die Kabbala, der Sabbatianismus und der Zionismus nicht bloß für die innere, sondern Luch für die äußere Geschichte des Judentums bedeuten, darüber hat doch vielleicht der Historiker ein verläßlicheres Urteil als der Theologe. Ah, wird man einwenden, im Judentum sind die Bibel- und Talmudkundigen die Siegelbewahrer auch der historischen Kenntnis; man muß im Sohar, dem heiligen Buche der Kabbalisten und Chassidim, lesen können, um sich die Erscheinung eines Baal Schem, des Stifters der chassidischen Sekte, oder die jahrhundertelangen Streitigkeiten um die Kabbala zu erklären, welche das Rabbinat und die Gemeinde spalteten. Aber was steht denn vom politischen Zionismus in: jüdischen Schrifttum — vom politischen wohlgemerkt, der tatsächlich kaun: ein Jahrzehnt alt und eine Schöpfung Theodor Herzlls ist? Der Zionismus in seiner religiösen Einschränkung ist so alt wie die Diaspora selber, eine undefinierbare Stimmung von Sehnsucht, Heimweh und Verbanntenleid; der Mann, der ihn zuerst organisieren wollte, war der Russe Peter Smolensky, ans dessen Betreiben schon im Jahre 1881 in der oberschlesisch-russischen Grenzstadt Kattowitz ein zionistischer Kongreß abgehalten wurde. Aber jene Juden, die sich als Exulanten fühlten, zu dem bestimmten politischen Zwecke der Rückkehr nach Palästina zusammenzufassen, war doch erst die Idee Theodor Herzl's, anfangs, wie ich aus langem persönlichen Verkehr mit ihm zu wissen glaube, eine ganz unklare, verschwommene Idee, die erst allmählich konkrete Form annahm und dann — „halb zog sie ihn, halb sank er hin" — ihn immer weiter dem utopischen „Judenstaat" zickrieb. Da finde ich in der rJewish Encyclopedia die mit einem sehr ähnlichen Bildnisse versehene Biographie Herzlls, als deren Verfasser sich I. de Haas, der Sekretär des amerikanischen Zionistenbundes, zeichnet, eine knappe Würdigung mit den notwendigen Daten, der aber doch das Beste fehlt: die anschauliche Darstellung der Persönlichkeit. Kaum daß aus den: bekannten Ausspruche HerzUs, daß der Rückkehr der Juden nach Zion die Rückkehr zun: Judentum vorangehen müsse, eine Erklärung des erstaunlichen psychologischen Umschwungs abzuleiten versucht wird, der sozusagen über Nacht den bis dahin in religiöser Hinsicht ganz indifferenten Feuilletonisten und Dramatiker in den politischen Organisator des Zionismus verwandelte. Und doch ist Herzl nur als Persönlichkeit zu begreifen; hier, wie sonst nur selten, gilt das Goethesche Wort: Höchstes Glück der Erdenkinder Ist doch die Persönlichkeit. Es ist eine jener hochinteressanten Fügungen, die sich in der Geschichte sehr sporadisch ereignet:, daß zu der über die ganze Welt unter den Juden verbreiteten Stimmung im

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