Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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595 ihn bloß in der Weise darstellen, daß er. einen unter Zehntausenden, einen Denkenden, befriedigt und fördert, während er vielleicht der großen Masse unerträglich scheint, so spreche ich kühn und offen das Wort aus, das den Vernünftigen erleuchtet, mag mich auch der Tadel der unwissenden Menge treffen!" So war Maimonides: Ein Mann des reinen Denkens, des edlen Wollen», dnrchglüht von der Begeisterung für seinen Glauben, erfüllt von der Liebe zur Wissenschaft, voll der erhabensten sittlichen Anschauungen, voll milder Wärme und Wohlwollen gegen Andersglaübende und Andersdenkende, ein weitausschauender Denker, in dem alle Strahlen der untergehenden arabisch-jüdischen Glanzepoche noch einmal zu einem harmonischen Lichtbilde sich vereinigen. 6. K. Das Lrunvübrl. Von Rabbiner Dr. Brett Holz-Triest. . ie beachtenswerten Artikel des Herrn Dr. Bernhard Weiß über „Jugend im Judentum" habe ich mit Interesse gelesen und bin ich überzeugt, daß diese „objektive Beurteilung", die doch nur eine subjektive Anschauung des Verfassers ist, manchen meiner Amtskollegen zum Nachdenken über dieses so oft und so viel besprochene Thema anregen wird. Nun, die Ursachen und Gründe der Krankheit hat Herr Dr. Weiß richtig beurteilt, die Mittel, die die Krankheit, heilen sollen, aber nicht verschrieben oder nur mangelhaft, angegeben. Wer würde die Nichtigkeit der Behauptung bezweifeln, daß, um gute religiöse Juden zu haben, man schon mit und bei den Kindern anfangen solle, in dieser Richtung zu wirken? Sicherlich muß man zuerst im Kinde die Liebe zum Judentume erwecken, dieselbe dann auch erhalten. Die Liebe.zum Judentume erwecken kann nur das Elternhaus, denn was nützt auch der gründlichste Religionsunterricht -eines noch so erfahrenen und gediegenen Lehrers, wie ihn Dr. Weiß zu haben wünscht, wenn alle diese Lehren, die das Kind in der Schule empfängt, im Widerspruche mit der praktischen Betätigung im Elternhause stehen. Ich greife nur ein Beispiel heraus. Ich spreche vom Pessach und seinen Vorschriften, von der Heiligkeit, Wichtigkeit dieses religiösen und nationalen Festes; im elterlichen Hause wird aber das Gegenteil gesehen (meint Dr. Weiß), was würde mehr Einfluß auf das kindliche Gemüt ausüben, was von größerer Wirkung sein: das Wort des Lehrers oder das tägliche Beispiel der Eltern? Man wende nicht ein, der Religionslehrer fei ja auch verpflichtet, moralisch und sittlich die Kinder zu erziehen, und wie steht es dann, wenn der Vater z. B. ein falsches Gewicht oder schlechtes Maß gäbe? Steht nicht da auch die Lehre im Widerspruche zur Tat? Ganz verfehlt. Erstens finden wir ganz ehrenhafte Menschen, die aber trotzdem nicht religiös sind; zweitens das bürgerliche Gesetzbuch sorgt schon in dieser Beziehung. Herr Dr. Weiß kommt also ganz richtig zum Schluffe, um die Kinder zu guten Juden heranzuziehen, müßte man bei den Eltern ansangen. Wie man dies aber zu Wege bringt, hat uns der Verfasser nicht angegeben. Und da ist eben der größte Haken. Wer dieses Heilmittel findet, hätte dem Grundübel leicht abgeholfen; um gute Lehrer wäre keine Sorge, sind sie der materiellen Sorge enthoben, sind sie den Lehrern anderer Fächer gleichgestellt, nehmen sie in der sozialen Welt dieselbe geachtete Stellung ein, wie ihre anderen Kollegen; wenn das Bedürfnis herrscht, gute Lehrer zu haben — werden sie auch zu haben sein; wo eine rege Anfrage, dort ist auch ein genügendes Angebot. Nun kehren wir zum Grundübel zurück. Die Redensart, die lebende Generation aussterben lassen, um mit dem Nachwuchs kräftig einzusetzen, werden wir doch nicht gelten lassen, denn dieser Nachwuchs ist ja schon in einem dem Judentume feindlichen Geiste aufgewachsen. Also was tun? Auf diese meiner Ansicht nach wichtigste Frage, möchte ich an dieser Stelle von einem erfahrenen Kollegen eine befriedigende Antwort hören; ■ ich betone es, von einem Kollegen, denn erkennt am allerbesten fast alle Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellen. Auf den zweiten Punkt der Weißschen Behauptung möchte ich genauer eingehen. „Die hebräischen Gebete" wären schuld daran, daß die Jugend den Tempel meidet. Und die Alten? Wenn aber die hebräischen Gebete in einer unzugänglich geschriebenen Sprache verschwinden — dann füllen sich nach Weißscher Ansicht die Tempel! Die deutschen Gebete sollen also das Heilmittel sein! Ich bin sicherlich kein Verfechter der vielen Piutim und der kabbalistisch angehauchten Pizmonim, aber ich gestehe es offen, es würde mich eigentümlich — ich darf es sagen — störend berühren, wenn ich in einem Tempel den Gottesdienst ausschließlich in einer europäischen Sprache vorfinden möchte, trotzdem mir einige europäische Sprachen geläufig sind. Es sei mir gestattet an dieser Stelle eine kleine Episode aus meinem Leben zu erzählen, und ich will es gleich vorwegnehme — ich beabsichtige durchaus nicht, dem Berliner Vorstand etwa einen Vorwurf deshalb machen zu wollen. Im Jahre 1899 habe ich in Berlin während der hohen Feiertage gepredigt; am Versöhnnngsabend war ich — wenn ich mich recht zu besinnen weiß — in der Koppenstraße und da betete ein stimmbegabter Kantor, richtiger gesagt, ein Bal-Tfilah, sogar ein sehr guter Bal-Tfilah (dies zu beurteilen darf ich mir erlauben, da ich ja selbst im Breslauer Seminar fünf Jahre hindurch Oberkantor war) Maariw. Statt nun Kol-nidreh in der althergebrachten Weise zu „sagen", ist der Text als störend ausgeschaltet und statt dessen ein deutsches Lied eingeführt worden. Zufälligerweise war der Herr Vorbeter kein Reichsdeutscher; bei all seinen Vorzügen mißhandelte er fürchterlich die deutsche Sprache, betonte falsch die Worte, zerriß'die Silben; die Aussprache ließ so ziemlich alles zu wünschen übrig. Das wirkte natürlich nun störend; aber angenommen der Vorbeter wäre ein Deutscher gewesen, hätte diesen deutschen Text, versehen mit der Kol-nidreh-Melodie, richtig gesungen — hätte dies die Kol-nidreh-Stimmung ersetzt, die man sonst in alten Gemeinden zu konstatieren imstande ist? Wer in einer wahrhaft jüdischen Gemeinde einen Kolnidreh-Abend verlebt, d a den Ernst, die Würde, die Ergriffenheit, die Hingebung, die wirkliche Frömmigkeit wahrgenommen, den Geist, die Stimmung, die sich von einem ans den anderen überträgt — mit an sich kennen gelernt, dem würde es nicht einfallen, die hebräische Sprache als Ursache des schlechten Tempelbesuchs hinzustellen. Ich darf mie noch die Bemerkung erlauben: das Kol-nidreh-Gebet auf seinen Inhalt zu prüfen, habe ich schon gewußt, bevor ich die tiefe Kritik des Breslauer Seminar- Rabbiners kennen gelernt habe, womit ich sagen will: von dem Inhalte des Kol-nidreh-Gebetes war ich durchaus nicht entzückt — aber kaum fängt der Chazan an, die ersten Vorschläge von sich zu summen, ist die menschliche Seele dennoch tief gestimmt.