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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-12-09 · Heft 50 (9.12.1904) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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5 kritischen Moment die Persönlichkeit sich findet, die sich sozusagen mit ihr deckt, daß diese Stimmung 'gerade in dieser Persönlichkeit sich verkörpert und daß von heute auf morgen ein Mann zu Weltruhm und freilich auch zum Martyrium gelangt, weil die Sache, die sich seiner bemächtigt hat, an dem Punkte angekommen ist, wo sie. einen Führer braucht. Das, meine ich, hätte die Biographie Herzlos in der Jewish Encyclopedia deutlich machen müssen, das ist überhaupt wohl der Unterschied zwischen einer Encyklopädie und einem Lexikon, daß dieses mit trockenen Fakten und Daten sich begnügen darf, während jene im weiteren Sinne historische Ansprüche zu befriedigen hat. Es fällt mir nicht ein, liebe Freundin, Sie bei dieser Gelegenheit daran zu erinnern, wie andächtig und gehoben wir einst in einem Buche blätterten, das sich „Pantheon berühmter Juden" nannte, oder Kohuts neueres Buch: „Berühmte israelitische Männer und Frauen" zur Parallele mit der «lexvisü Encyclopedia heranzuziehen. Diese ist trotz der Vorbehalte, die ich machen zu müssen glaube, ein Säkularwerk, eines jener Werke, auf welche die gesamte Judenheit stolz sein kann, weil es die erstaunliche geistige Jnnenarbeit des Judentums an sich selbst, aber auch seine Mitarbeit an der gesamten Geistesentwicklung der Wett wiederspiegelt. Freilich, das Judentum der Diaspora war durch viele, viele Jahrhunderte zurückgedrängt in sich selbst, in die Familie, in das Ghetto, in die Gemeinde. Und darum liegt es nahe, seine Geschichte gleichsam als Passive und als isolierte Geschichte anzusehen. Aber wie es eine passive Bewegung gibt, die immerhin Bewegung ist, so gibt es auch eine passive Geschichte, die gleichwohl wirkende, - fruchtbare Geschichte, d. h. Entwicklung ist. Es scheint wohlfeil, auf den Zusammenhang der mittelalterlichen jüdischen Philosophie mit Aristoteles — „Ristotles" heißt er im damaligen jüdischen Schrifttunr — oder auf die führende Rolle der Juden in der mittelalterlichen Medizin hinzuweisen. Aber daß schon Spinoza und Mendelssohn nicht bloß als Juden innerhalb des Judentums wirkten, sondern eine sehr nachhaltige Außenwirkung übten, wird kaum jemand bestreiten. Und dann im XIX. Jahrhundert, als durch Revolutionen, Verfassungen und Emanzipation gewissermaßen die Ventile geöffnet wurden, begann, ich will nicht sagen, die Abwendung der Juden von dem Innenleben in Familie, Ghetto, Gemeinde, aber gewiß eine dieses Innenleben fast überwuchernde Teilnahme an dem allgemeinen öffentlichen Leben, die man getrost eine phänomenale nennen darf. In den Regierungen und den Kammern — Disraeli, Cremieux, Laster, ^Kuranda — nahmen sie im Vordergründe Platz, an den Universitäten sammelten sie Scharen von lernbegierigen Schülern um ihre Lehrstühle, im Theater — Kean, Dawison, Dessoir, Sonnenthal — wurden sie Zierden und Muster der Schauspielkunst. Ja Wohl, auch Edmund Kean, der große englische Schauspieler, war, wie ich aus der ^ewisb Encyclopedia ersehe, ein Jude, der Sohn des Aaron Kean in London und Schüler seines Onkels Moses Kean, der ihn für die Bühne vorbereitete. Auf die Musik, in der sie — man denke an Meyerbeer, Felix Mendelssohn, Halevy, Joachim, Offenbach — zeitweilig zu führender Stellung sich ausschwangen, auf die Literatur und Publizistik, für welche die Vielseitigkeit ihrer Begabung sie besonders befähigte, in diesem Zusammenhänge hinzuweisen, heißt wirklich beinahe Eulen nach Athen tragen. Diese Außenwirkung nach allen Seiten des modernen Lebens hin, diese durch geistige Sammlung in dem eingezäunten Pferch des Ghettos während vieler Jahrhunderte genährte und erhaltene Aufnahmefähigkeit, dieses heißhungrige Einatmen frischer Luft nach fast zwei Jahrtausenden der Entbehrung im schier erstickenden Dunstkreise des „Golüs" kann nicht genug in einer Encyklopädie des Judentums betont werden, nur darf es freilichr nicht mit Ruhmredigkeit geschehen. Die Ruhmredigkeit gehört aber nicht zu den Schwächen der Jewish Encyclopedia, die im Gegenteil fast ängstlicher als nötig ist, vor jedem Schein voll aufdringlicher Selbstapotheose sich hütet. Ich entsinne mich eines Gesprächs mit Leopold Kompert, dem Ghettodichter, dem, wie ich meine, mit der knappen biographischen Notiz im siebenten Bande der Encyklopedia zu wenig Gerechtigkeit geschieht. Wir saßen hoch droben, in dem Arbeitszimmer des Dichters im vierten Stockwerke eines Hauses anr Wiener Franziskanerplatz; durch. die Glaskästeil der Bücherei schimmerten in Goldlettern die Namen Spinoza, Kant, Hegel von den sauberen Einbänden. Die Unterhaltung kam auf die Juden und der weiche,' feine, beschauliche Mann mit den gütigen Augen und der nlonotonen, singenden Stimme geriet plötzlich in eine Art prophetischen Feuers. Nach seiner Meinung war jeder Jude sozusagen ein providentieller Eroberer: die dalnals in lebhafter öffentlicher Diskufsion erörterte Einführung der Zivilehe beschäftigte seine Gedanken und er meinte, es sei keine Gefahr in den Mischehen, denn nicht die Juden ivürden durch dieselben absorbiert werden. Die Juden, rief er inr Tone tiefster Ueber'zeuguug, können nicht untertauchen und verschwinden, sie werden die anderen zu sich hinüberziehen und die Mischehe ist dazu ein willkommenes Mittel. Ich widersprach nicht, denn die Glaubensstärke,'die so Plötzlich aus diesem wahrhaftigen Dichter mit der kleinen, gebrechlichen Gestalt aufloderte, rührte mich; ich mochte sie durch meinen Zweifel nicht stören.. Aber als ich die vier Treppen langsam herabstieg, dachte ich an Komperts besten Freund, an M o r i z H art m an n, den Poeten und Revolutionär, der auch ein böhmisches Judenkind gewesen war und sicher anders an der Seite seiner christlichen Gattin über die Frage der Assimilierung und Amalgamierung mittels der Zivilehe gedacht hatte. Auch seiner Biographie begegne ich in dem siebenten Bande der Jewish Encyclopedia, der das Bild dieses „schönsten Mannes der Paulskirche" beigefügt ist, aber auch seiner Bedeutung, finde ich, ist gerade aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen Entwicklung des Judentums und seiner Teilnahme an dem öffentlichen Leben nicht genügend Rechnung getragen. Ist es vielleicht die räumliche Entfernung, welche verschuldet, daß die amerikanischen Verfasser der Biographien Herzls, Hartmanns, Komperts in der Jewish Encyclopedia zu denen, deren Lebenstaten sie zusammenzustellen hatten, kein intimeres, der Persönlichkeit näherkommendes Verhältnis zu gewinnen vermochten? Oder besitzen umgekehrt wir gerade wegen der räumlichen Nähe das richtige.Augenmaß nicht, um die allgenreine Bedeutung von Menschen und Dingen, für die wir schon in unserer Jugendzeit schwärmten, nach Gebühr abzuschätzen? Ist der amerikanische Jude mrbefangener, weil ihm nicht, wie uns, auf Schritt' und Tritt die traurigen Erinnerungen und Reste des alten Judenelends begegnen? Vielleicht passen auch hier die vielzitierten Goetheschen Verse: Amerika, du hast es besser, Als unser Kontinent, der alte; Du hast keine verfallenen Schlösser Und keine Basalte. Gleichviel, ich erwarte jeden neuen Band der Jewish Encyclopedia wie ein willkommenes Ereignis. Wenn ich mich durch diese Fülle der Bilder, bunter und einfarbiger Reproduktionen von Handschriften, Porträts, Architekturen, Landschaften hindurchschaue und in dem gewaltigen Reichtum des Textes wühle, so ist es mir, als wäre ich noch zu Hause an der . Stätte meiner Kindheit und es weitete sich mein enges, kleines

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