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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-04 · Heft 45 (4.11.1904) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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Bis —— 538 sichtiger Politik verlassen hat. Es gereicht ihr zum Ruhm, daß sie unter Wahrung der den verschiedenen Richtungen zustehenden Rechte und ohne Verletzung der Orthodoxie, doch auch den liberalen Mitgliedern der Gemeinde das zu bieten bereit ist, was diese zu verlangen berechtigt sind. Es ist besonders dankenswert, daß die Gemeindeverwaltung, von diesen Erwägungen geleitet, die Einrichtung eines solchen Sondergottesdienstes neben den bestehenden beiden.anderen Kulten, nämlich dem orthodoxen Ritus in der Neuen Gemeindesynagoge und dem Orgelgottesdienste der Hauptsynagoge (Geigersches Gebetbuch), und ohne Antastung derselben beschlossen hat. Bei der Einrichtung dieser Gottesdienste galt es nun zunächst, die Grundfrage zu beantworten, ob man etwa nach dem Vorbilde der alten Andachtstunde des Philantropins ttt; Frankfurt oder der Reformgemeinde zu Berlin, die Bahnen der hergebrachten Gottesdienstordnung verlassen und neues, besonderes schaffen, oder ob man vielmehr die Tradition des alten Gebetbuches beibehalten, dieses aber verdeutschen, erläutern, verkürzen und verbessern sollte. Die Entscheidung fiel vor allem auch infolgedessen, daß der Rabbiner der Hauptgemeinde Dr. Caesar Seligmann energisch für die Aufrechterhaltung der Tradition eintrat — zugunsten der letzteren aus. Und darin liegt eben das hochbedeutsame dieser neuen Einrichtung, daß sie als folgerichtige Weiterbildung des alten Gottesdienstes gedacht ist, und nicht als eine, die bisherigen Grundlagen desselben negierende Neuerung. Rabbiner Dr. Seligmann wurde auf Grundlage der hierfür eingehend festgestellten Grundsätze beauftragt, für den geplanten Gottesdienst ein besonderes Gebetbuch zu bearbeiten. Dieses Gebetbuch — einstweilen als Manuskript gedruckt — ist.aufgebaut aus der alten Ordnung mit allen ihren Unterabschnitten des Kultus, aber unter Anwendung ganz bedeutender Kürzungen. Es enthält in überwiegender Zahl^ deutsche Gebete und Betrachtungen, vor allem das herrlichste aus dem jüdischen Gottesdienste, die Psalmen in deutscher Uebertragung, sowie deutsche Gesänge; dort, wo man das Hebräische aus Gründen der Tradition und der Pietät beizubehalten für gut fand, wurde dem hebräischen Texte eine moderne, deutsche Bearbeitung an die Seite stellt, und zwar in einer Satz- und Druckanordnung, daß auch der unkundige Hörer diesen Gebeten folgen kann. Dr. Seligmann hat seine Aufgabe in vortrefflicher Weise gelöst. Die Auswahl der verbleibenden Gebetstücke und die Ausscheidung der unnützen und schleppenden Wiederholungen besorgte er mit feinem, von wirklichem Verständnis für seine hohe Aufgabe getragenem Takte. Die deutschen Übersetzungen sind in geschmackvoller, anziehender Sprache gehalten; die betrachtenden und erläuternden Einfügungen sind Musterstücke ernst erhabenen, poetischen und weihevollen Stils. Manche Einzelheiten dieses Gebetbuches, wie z, B. das dem Schosarblasen vorangehende, dessen historische und ethische Bedeutung erklärende Gebet, oder die dem hebräischen Sündenbekenntnis vorangeschickte deutsche Einleitungsansprache, sind ohne Vorbild und besonders ansprechend und erhebend. So wurde denn am letzten Neujahrsfeste, wie auch am Versöhnungstage auf Grundlage dieses Gebetbuchs in einem größeren Saale des Westends unserer Stadt ein besonderer Gottesdienst äbgehalten. Ein vortrefflich geschulter Chor mit Orgelbegleitung unterstützte den Vorsänger, und Rabbiner Dr. Seligmann, sowie Herr Dr. Arnold Lazarus liehen abwechselnd ihre Mitwirkung und fungierten als Prediger. Eine überraschend große Zahl von Gemeindemitgliedern nahm am Gottesdienste teil; die Zuhörer — viele mit ihren Kindern — folgten demselben in wirklicher, tiefer Andacht. Der für jedermann verständliche, ästhetisch ansprechende Gottesdienst verlief in der. würdigsten Weise und machte auf die Teilnehmer einen tief ergreifenden, erhebenden Eindruck. Der Versuch ist nach jeder Richtung hin vorzüglich gelungen. Gar manche haben diesem Festgottesdienst beigewohnt und sind mit innerer Befriedigung ihm gefolgt, die seit vielen Jahren kein Gotteshaus mehr besucht und sich von jeder religiösen Betätigung als Juden fern gehalten hatten; sie dem Judentum zurückgewonnen oder sie an demselben festgehalten zu haben, ist das Verdienst dieser Einrichtung. Und' auch Heranwachsende junge Leute, die eine streng orthodoxe Erziehung genossen haben, jetzt aber — infolge ihrer fortschreitenden naturwissenschaftlichen Erkenntnis — dem Abfall nahe stehen, haben aus diesem Gottesdienst neue Anregung dafür geschöpft,' daß man auch ohne Beobachtung der orthodoxen Gesetze ein guter, treuer Jude sein kann. . Die Frankfurter Gemeinde kann mit Stolz und Genugtuung auf diesen Versuch zurückblicken, denn er zeitigte einen wirklichen und durchschlagenden Erfolg. In seiner Einfachheit und Würde hat dieser stimmungsvolle Gottesdienst mehr für die Erhaltung des Judentums getan, als seit vielen Jahren in anderer Weise versucht worden ist. Jetzt gilt es noch, die Einzelheiten der Einrichtung weiter auszubilden und harmonisch zu gestalten. Dann wird und muß es gelingen, für die im Westende Frankfurts zu errichtende neue Synagoge einen Kultus zu finden, der dauernd eingerichtet, die nun doch einmal bestehenden Bedürfnisse auch der fortgeschrittenen Gemeindemitglieder befriedigt; Befriedigung und nachhaltige Wirkung wird eintreten, wenn es einmal feststehend geworden ist, daß an dieser Stätte der Andacht die Ergebnisse eines geläuterten Judentums in Gebet und Gesang und eine Predigt geboten werden, welche, sich loslösend von der Schablone des Hergebrachten, auf die heutigen Gesellschafts- und Lebensverhältnisse, sowie die Fragen der Gegenwart eingeht, und welche tief und innerlich den modern gebildeten und geschulten Hörer zu packen versteht. Möchte der glänzende Erfolg bewirken, daß dieses treffliche Beispiel auch anderwärts Nachahmung findet. Will das Judentum seiner hohen Aufgabe, eine Menschheitsreligion zu sein und zu werden, ganz entsprechen, so muß es sich vor allem selbst läutern und zu einer gebietenden Höhe erheben. Die Lsilrrin des Mtens. Historische Novelle von Eduard Roth. Fünftes Kapitel. Die Audienz. II2Z wollte heute nicht Abend werden und der lange, glühend heiße September schien kein Ende zu nehmen — so wenigstens dünkte dies Assad, der den Abend herbeisehnte mit aller Macht. Es war ihm am Tage nicht möglich gewesen, die Gesellschaft seiner Hausgenossen um sich zu dulden und es war ein Glück für ihn, daß diese auch anderweitig derart in Anspruch genommen waren, daß sie seinnicht achteten, denn sonst wäre wohl die sonderbare Erregtheit, in der sich der junge Mann befand, ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, allein Rabbi Samuel hatte tagsüber viele Gänge und wichtige Besprechungen mit den Vorstehern der Gemeinde, die wohl

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