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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-04 · Heft 45 (4.11.1904) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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wie sein Vorgänger schuld, die um des Friedens mit der Mehrheit -der Volksvertretung wegen so, wie es tatsächlich geschieht, handeln zu müssen glauben. Was übrigens daraus werden soll, daß bei hem Darniederliegen von Handel und Wandel und Industrie immer noch zahlreiche Juden dem Studium der Rechtswissenschaft sich zuwenden, ist gar nicht abzusehen.. Lin murr Gottesdienst in MsnKkurt s. M. Von Rechtsanwalt Dr. Ernst Auerbach zu Frankfurt a. M. or etwa -zwei Jahren traten in Frankfurt a. M. auf Veranlassung des leider inzwischen verstorbenen Rechtsanwalts Julius Plotke angesehene Mitglieder der israelitischen Gemeinde zusammen, um darüber zu beraten, wie den immer mehr überhandnehmenden Kindertaufen Einhalt geschehen und wie gegen dieselben gewirkt werden könne. Man wurde bald darüber einig, daß der Kampf nach drei Richtungen zu führen sei, und zwar entsprechend der Verschiedenheit der für den Abfall vom Judentum teils wirklich vorhandenen, teils nur geltend gemachten Gründe. In erster Linie suchte man hervorragende jüdische Gelehrte zu Vorträgen belehrenden Inhalts über Grundfragen des Judentums zu gewinnen. Diese Vorträge wurden vor einem besonders geladenen Publikum gehalten, und zwar verschickte man die Einladungen, nach sorgfältiger Auswahl, möglichst an solche Gemeindemitglieder, die nur noch in lockerem Zusammenhänge mit der jüdischen Gemeinschaft stehen. Die Veranstaltung fand einen großen regelmäßigen Zuhörerkreis aus geistig hochstehendem Publikum und erfreute sich reichen Beifalls. Den Ausführungen so wissenschaftlich anerkannter Männer, wie z. B. Hermann Cohen, Alfred Stern, Martin Philippson, Ludwig Stein, Ludwig Geiger und anderer gelang es in der Tat, die Interessen für die Ideen des Judentums auch an solchen Stellen neu zu beleben, wo dasselbe fast erloschen zu sein schien. ' Sodann galt es, den Kampf gegen diejenigen Bestrebungen zu richten, welche die äußere-Veranlassung und die Grundlage des Uebels der Taufe sind^ d. i. gegen den Antisemitismus, insbesondere gegen die seitens des Staates geübte Nichtachtung der . uns gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte. Den energischen Bestrebungen des Frankfurter Komitees nach dieser Richtung ist, zusammen mit den von Berlin aus geschehenen wesentlichen Vorarbeiten, die Gründung des „Verbandes der Deutschen Juden" zu danken. Die dritte Maßregel endlich bewegte sich auf rein religiösem Gebiete. Unsere Jugend, und zwar ganz besonders die akademische Jugend oder wenigstens die Schüler höherer Lehranstalten, haben sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr dem Judentum entfremdet und liebäugeln mit den Bestrebungen und Einrichtungen, teils des alten, überkommenen, teils eines modernen Christentums. Diese Tatsache ist nicht wegzuleugnen; sie mag bedauerlich sein, aber man muß mit ihr rechnen. Gerade bei uns in Frankfurt mußten wir diese Entfremdung immer mehr wachsen sehen, nicht zum wenigsten in den Kreisen der wohlhabenden altangesessenen Familien. Spürt man den Ursachen dieser Entwicklung der Jugend nach, so findet man sie wohl mit Recht neben der staatlichen Lage, neben der völligen Unkenntnis in bezug auf die Geschichte und das Wesen des Judentums und neben dem Mangel an gehörigem Religionsunterrichte auch darin, daß es unserer Jugend, soweit sie städtische höhere Schulen besucht,, heute nicht, mehr möglich ist/ einem Gottesdienste zu folgen und ihn zu verstehen, wie er noch vor dreißig - Jahren zur Zeit Abraham Geigers ein bewunderungswürdiger Fortschritt auf dem Gebiete der Wiedergeburt des Judentums war. Damals durfte die jüdische Theologie in dem. Streit über die Sprache des Gottesdienstes, trotz allen schon geplanten und errungenen Fortschritts, mit Recht der hebräischen Sprache noch einen großen Spielraum gewähren; denn, wer religiös unterwiesen wurde, lernte auch diese Sprache kennen. Heute hat sich dies wesentlich geändert. Schon bei. den Aelteren beginnt das Verständnis für die hebräische Sprache immer mehr zu weichen; die Knaben und Mädchen aber, denen man in den höheren Schulen Frankfurts nur in kärglich' bemessener Zeit die Grundbegriffe der Religionslehre beibringen kann, bleibt größtenteilsdie Erlernung dieser Sprache versagt, und muß ihnen aus mehr denn einem Grunde — so z. B. schon wegen der Ueberlastuttg an Lehrstoff — versagt bleiben. - So bleibt dem Heranwachsenden Geschlechte der jüdische Gottesdienst auch dort, wo man ihm durch Abkürzung, Einführung der Orgel und Einfügung deutscher Gebeteeinen modernen Charakter zu geben versucht hat, unverständlich, und erscheint ihm zurückgeblieben und unmodern. Das ist nicht nur in Frankfurt so;, so ist es auch anderwärts. „Die alten Gebete mögen unsere Alten befriedigen, die in einem anderen Milieu ausgewachsen sind; unsere Jugend befriedigen sie nicht nur nicht, sie treiben sie förmlich aus der Synagoge." So klagt mit Recht eine Stimme aus Oesterreich in Nr. 42 dieser Zeitung! Und in derselben Nummer sagt Dr. Bernhard Weiß von dieser Art heutigen Gottesdienstes und seiner Wirkung auf die Jugend: „Statt daß der Gottesdienst die Liebe zur Religion in den Herzen der Jugend wach erhält, bringt er es ^durch seine Mängel zuwege, der Jugend das letzte bischen Anhänglichkeit, das sie sich noch zu ihrer Religion bewahrt hat, aus dem Herzen zu reißen." Und was soll der liberal denkende Vater unmündiger Kinder tun, der. sich durch Ueberlegung und Erfahrung zu einer fortgeschrittenen Weltanschauung durchgerungen, aber trotzdem das Bestreben hat, seinen Kindern Liebe und Anhänglichkeit zum Judentum und zu. den in ihm ruhenden freien und hohen Menschheitsideen einzuflößen? Will man ihn zwingen, seine Kinder zu einem Gottesdienst an den hohen Festtagen zu geleiten, den das Kind nicht versteht, weil er nicht in der Sprache des Landes abgehalten wird, und welche seinen eigenen Anschauungen, seinem Geschmack und seiner ästhetischen Lebensauffassung zuwider ist? Diesen Gottesdienst wird und kann er nicht besuchen, und so wird auch das Kind dem Judentum immer mehr entfremdet. Diese Ideen waren es, welche das Frankfurter. Komitee veranlaßten, beim Vorstande der Gemeinde wegen Einführung eines neuen Gottesdienstes vorstellig zu werden. Es bat darum, zunächst an den hohen Feiertagen im Westende der Stadt einen besonderen Gottesdienst einzurichten, der modern und schön, kurz und deutsch, und doch von jüdischem Geiste beseelt sei, sowie Interesse und Liebe zum Judentum erwecken könne. / ■ - Die Frankfurter Gemeindeverwaltung hat durch lange Jahre hindurch auf religiös liberalem Gebiete, die ihr durch ihre Geschichte und ihre Vorgänger auferlegten .Pflichten vernachlässigt, eine fortschreitende Entwicklung der liberalen Institutionen des Judentums bedauerlicher Weise nicht in die Wege geleitet und so zum großen Nachteil der ihr anvertrauten Gemeinde dem Abfall und der Taufe, die Wege geebnet. Es ist. ein unbestreitbares Verdienst der jetzigen Verwaltung, daß sie ihre wahre Aufgabe erkannt und jenen unheilvollen Weg kurz-

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