Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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alle mit seiner Audienz bei Hofe in Verbindung zu bringen waren, Rabbi Jochanan empfing seine zahlreichen Schüler, die sich das erstemal nach den Festtagen wieder um den geliebten Lehrer scharten und — Lei'lah blieb den ganzen Tag unsichtbar. Assad wagte auch nicht, nach der Tochter des Hauses zu fragen, So war er denn allein mit seinem sehnsüchtigen Verlangen und seiner beglückenden Erinnerung, immer undimmer wieder kehrten seine Gedanken zu dem gestrigen Abend zurück, den er in seligem Taumel verbracht hatte — und sein Herz klopfte dem Abend entgegen, an dem er die Herrliche Wiedersehen, den holden Zauber ihrer Nähe wieder fühlen, an ihrer überirdischen Schönheit sich wieder berauschen sollte. Verweht war jede Erinnerung an andere Frauen, die er gekannt, vergessen die Tochter Samuels, die er einst zu lieben geglaubt und die ihm zur Gattin bestimmt gewesen, verflogen all ihr Reiz, mit dem sie für kurze Zeit sein Herz gefesselt, hinweggeweht von dem großen übermächtigen Zauber jener Leidenschaft, die sein Herz erfüllte. Wie leer und nichtig schien ihm jetzt sein früheres Leben, wie verblaßte alles das, was ehemals seinen Sinn reizte, sein Interesse wachrief. Wie teilnahmslos gedachte er nun alles dessen — der Freunde und Gefährten, seiner Jugend, der Braut, ja selbst der fernen Eltern und der Schwester, die ihm in Thahaskus lebte und der er zugetan war in brüderlicher Liebe, verblaßt, verflogen! Ausgelöscht jede' Erinnerung und ein neues, ihm unbekanntes Gefühl der höchsten Wonne, des seligsten Empfindens durchzog seine Seele. Mit der ganzen Leidenschaft seiner lodernden Jugend, mit jeder Faser seines Herzens zog es ihn zu ihren Füßen hin, den Saum ihres Gewandes zu küssen, die brennend heiße Stirn zu kühlen auf dem weichen Rasen, den ihr Fuß betreten. Und nun war es Abend geworden — endlich war die Sonne hinter den Bergen versunken, die Schatten der Dämmerung breiteten sich über die Erde und leise, leise senkte sich die Nacht herab, die Nacht — die für Assad zum Morgen werden sollte, zum Morgen einer glücklichen, seligen Liebe. Wie ein Trunkener war er durch die Straßen gestürzt, die jetzt in der heranbrechenden Dunkelheit zumeist verödet waren; ab und zu begegnete er wohl einer von Sklaven getragenen Sänfte, die ihre Herren in eine Gesellschaft oder auch zu einer gelehrten Versammlung brachten, dann eilte auch ein verspäteter Händler heim, der sich in der Stadt beieiner Kundschaft versäumt hatte und nun rasch vor Anbruch der Nacht sein entfernt liegendes Wohnhaus zu erreichen suchte, doch niemand achtete des in wilder Hast dahinstürmenden Jünglings. In wahnwitziger Erregung stürmte er dahin, seine Pulse flogen und in wildem Ungestüm pochte sein Herz. Da war er an den Park gekommen, durch den er gestern in den Hain der Göttin gelangt war — eine dichte Allee hoch in die Lüste ragender Palmen hatte er noch zu durchschreiten, dann war er am Ziele. In fliegender Hast durchmaß er den Raum, noch einen kurzen Augenblick und seinen: geblendeten Auge bot sich das Bild der Göttin dar, die da in steinerner Ruhe auf den armen Sterblichen herabsah, der jetzt mit glühenden Augen die Dunkelheit zu durchforschen suchte, die Dunkelheit, die, ach, nur ihn Umhüllte und die Göttin. Eisigkalt glitt es durch sein Herz und ließ sein Blut erstarren. Wenn sie nicht käme! Wenn sie ihres Versprechens vergessen oder — und ein eisiger Schauer rann durch seine Glieder — es gar nicht ernst genommen hätte! Und wenn sie das Versprechen, heute wieder zu erscheinen, nur notgedrungen und um sich seiner zu erwehren, gegeben hätte. Und ich. Unseliger, fände sie nicht, hätte ihre Spur verloren, ich kenne ihren Namen nicht ich wüßte sie nicht zu finden — o Göttin! „Du, die du ihre Züge trägst, hilf mir sie zu finden, sie, die mir mehr als das Leben ist!" Und mit schmerzlichem Stöhnen sank er zur Erde hin und umklammerte mit seinen fieberheißen Händen das Bild der Göttin. „Wie? Assad in Anbetung der heidnischen Astarte versunken? Achtest Du so Deines Gottes?" „Mir lebt nur eine Gottheit!" klang es jubelnd aus seinem Herzen, „und vor der liege ich und flehe um einen Blick aus ihrem Sonnenauge ..." „Ungetreuer!" sagte sie lächelnd. „Ich fand Dich aber doch zu Füßen Astartens in brünstigem Gebete und nun leugnest Dus?" „O Herrliche, ich flehte die Göttin, die Dein Abbild ist, daß sie Dich hierherbringe, wo Dein Sklave Deiner harrtein sehnsüchtigem Verlangen." „Und siehe da, so rasch hat die erhabene Göttin Deinen Wunsch erfüllt." „Mein Herz erbebte bei dem Gedanken, daß Du mir ferne bleiben könntest . . . ." „Beinahe wäre es geschehen . . . und wahrlich, es ist mir nicht leicht geworden, hierherzukommen . . ." „Dank, Dank Dir, Astarte, daß Du gekommen. Du gabst mich dem Leben wieder." „Frevle nicht, Assad, und nenne mich nicht mit dem Namen der Erhabenen ..." „Der Du gleichest an göttlichem Liebreiz!" „Ich bin eine Sterbliche gleich Dir — und nun komm, setze Dich hierher und berichte mir, wie Du den Tag verbrachtest — hast Du auch mein gedacht?" „Einmal Hab ich Dein gedacht." „Einmal?" kam es betreten von ihren Lippen. „Einmal sagst Du und wann?" „Des Morgens, des Mittags und des Abends!" rief er aus und sein leuchtendes Auge 111^^ in glühender Bekwunderung ihre herrliche Gestalt. „Du bist ein holder Schwärmer, mein Assad, Du sollst mir nun erzählen, wie es Dir ergangen!" Und dabei wies sie ibn an, an ihrer Seite Platz zu nehmen. „Nein, Göttliche! Dieser Platz gebührt keinem Sterblichen. Im Angesichte Deiner zauberischen Schönheit ziemt es sich, nieend zu verharren und zu Dir emporzublicken gleich wie zu einem Gnadenbilde." Leise lächelnd ließ sie ihn gewähren und mit sinnendem Ausdruck in seine kindlich reinen Züge blickend, verharrte sie in tiefem Schweigen. Er aber erhob seinen leuchtenden, Blick und was sie in diesen strahlenden blauen Augen las von grenzenloser Hingebung und flammender Leidenschaft, erfüllte ihre Seele mit wonnigem Schauder. Minutenlang verharrten sie in seliges Anschauen versunken und es war, als ob in diesem einzigen Augenblicke, in dem sich ihre Seelen erschlossen, ein geheimnisvoller Zauber seine unlöslichen Bande um sie schlang und sie einte in seliger, alles vergessender Liebe. Trunken vor Glück und unsagbarer Wonne blickte der Jüngling zu ihr auf, mit namenlosem Entzücken umfingen seine strahlenden Augen die reizumflossene Gestalt — nun hatte er ihre schlanken, weißen Hände erfaßt und an seine fieberheißen Lippen gepreßt. Ringsumher blühte und duftete es in den glühendsten Farben. Die Luft war erfüllt von Wohlgerüchen, durch die Zweige der schattigen Bäume glitzerte die Pracht des stern-