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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-28 · Heft 44 (28.10.1904) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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Die Begeisterung fehlt heute! Wenn die Aelteren begeistert sind, wird das Feuer auch auf die Jugend übergreifen. Die, welche für Unseren heiligen Glauben wirken wollen, sollen ihn zuerst betätigen. Die Rabbiner brauchen TON Männer der Tat, die durch ihr Beispiel theoretisches Judentum in Praktisches verwandeln. In jeder Gemeinde sollen nur erst einmal die besten Männer die'besten Juden sein wollen, dann wird es besser werden--nicht eher. Jewish Encyclopedia. Land V! unö VII. Von Wilhelm Goldbaum. Aus Briefen an eine Freundin. I. or einigen Wochen war ich in unserem gemeinsamen Heimatstädtchen. Einige Tage bloß, aber es war mir, als wandelte ich durch einen verzauberten Garten, in dem meine Jugend schliefe, losgelöst von mir, etwas Verschollenes, Fremdes, woran wehmütige Erinnerung nur noch mühsam anzuknüpfen vermöchte. Wie spurlos doch die Zeit an solchen stillen Nestern vorübereilt! Die Menschen — ach, deren freilich sind manche gestorben, mit denen ich dereinst im Cheder, als wir Knaben waren, ewige Freundschaft geschlossen hatte. Der Tod sucht seine Beute in den entlegensten Winkeln. Aber die Gedanken, die Bräuche und Sitten, ja die Häuser sind dieselben geblieben; man braucht nicht nach Rothenburg ob der Tauber oder nach Biedenkopf zu pilgern, um versteinerte Vergangenheiten anzustaunen. Die Eisenbahn ist gekommen, doch sie dampft draußen jenseits des Weichbildes vorüber, als hätte sie keine Zeit, etwas vom Geiste neuer Zeit, den sie befördert, hier abzuladen. Es gäbe auch wenig Abnehmer für solche Ladung. Die ausgegangen sind, um jenen neuen Geist zu suchen, haben den Heimweg nicht mehr gesunden, und die zurückblieben, haben nie einen Hauch von ihm verspürt. Selbst in dem neuen Beth Hamidrasch — denken Sie, ein neues Lehrhaus ist dem Talmudstudium erbaut worden! — summt der alte nronotone Singsang weiter wie seit Hunderten von Jahren, nur daß immer weniger werden, die noch Lust hätten, sich in die vielverschlungenen Wandelgänge talmudischer Dialektik zu verlieren. Und doch, etwas erstaunlich Neues ist da: ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Er ist ein Ableger des großen gleichnamigen Berliner Zentralvereins, der solcher Ableger eine Menge in die kleinen Städte des deutschen Ostens verpflanzt f)ätv Und dieweil dieser Verein in unserem Heimatstädtchen, jawohl liebe Freundin, in unserem Heimatstädtchen, regelmäßige Vorträge halten läßt, zu denen Männlein und Weiblein sich drängen, so wurde auch ich durch eine Deputation zu einem Vortrage eingeladen, zu einem Vortrage von heute auf morgen. Was tun? Zur Ablehnung hatte ich.wahrhaft nicht den Mut, obwohl ich als leichtsinniger Wandervogel nur für ganz kurze Frist dem alten heimischen Neste zugeflogen war, und so entschloß ich mich aus gut Glück zu einer Improvisation — über was denken Sie wohl, liebe Freundin? „Kempen in der Literatur" war mein Thema. — Nun ist ja wohl der Name unseres Heimatstädtchens nicht ganz klanglos geblieben; ein Hochzeitscarmen hat. ihn sogar ziemlich weithin bekannt gemacht durch den Refrain: „Kommt einer aus Kempen — seh' her, sie nemt en." Aber wenn nichts anderes von ihm zu berichten wäre als dieses jüdische cärmen buranum, das mit drastischer Selbstironie den Siegeslauf der Freiersleute aus Kempen -besingt, so hätte es mit meinem Vortrage eine recht kümmerliche Bewandtnis gehabt. Zum Glück dürfen wir Kenrpner noch aus einiges andere stolz sein, nicht wahr? So erzählte ich denn meinem andächtigen Auditorium von dem berühmten Philosophen Braniß, der ein hervorragender Hegel-Schüler war und als Konvertit die Lehre des Meisters von der Breslauer Universitätskanzel vortrug, während gleichzeitig zwei seiner Brüder als Mitglieder des Rabbinatsgerichtes in dem Heimatstädtchen fungierten; von dem nicht minder berühmten Lexikographen Wilhelm Freund, der für Zehntausende von Gymnasiasten die famosen „Klassiker-Präpatationen" herrichtete; von Samuel Holdheim, dem ersten aller deutschen Resvrmrabbindr, der als kühner Neuerer der orthodoxen Judenheit säst noch verabscheuungswürdiger erschienen war, als vorher Moses Mendelssohn wegen seiner Verdeutschung des Pentateuch. Und weil wir Juden nur einmal die Schwäche besitzen, nicht bloß alle unsere namhaften Stammesgenossen zu vergrößern, sondern auch — wie jetzt bei Kuroki und Stössel — bei jedem Nennenswerten von unbekannter Herkunft zunächst jüdischen Ursprung zu wittern, so erweitere ich den Nahmen meines Vortrages, nicht zwar, um fremden Besitz als eigen zu reklamieren, aber um bestehende Zusammenhänge herzustellen. Gustav Frehtags oberschlesischer Geburtsort Kreuzburg ist nur vier Meilen von Kempen entfernt, Freytag hat in seinem Romane „Soll und Haben" die Juden nicht gerade freundlich behandelt, aber gestorben ist er in den Armen einer Jüdin, die seine dritte Ehefrau war. In Breslau, von dem Kenrpen nur zehn Meilen entfernt ist, fand Berthold Auerbach seine erste Gattin, die Tochter des angesehenen Lotterieoberkollekteurs Schreiber, aus dessen Kollektur manches hübsche Vermögen nach Kenrpen wanderte; dort schrieb er seine zwei Judenromane „Dichter und Kaufmann" und „Spinozas von denen der erste in der sogenannten Fechtschule, der alten Einkehr der Kempner Handels- und Fuhrleute, spielt. Natürlich ging ich auch an dem ausgezeichneten Parlamentarier Eduard Lasker, dessen Wiege in dem nahen Städtchen Jarotschin gestanden, nicht mit Stillschweigen vorüber, und eine Indiskretion wird es wohl nicht gewesen sein, daß ich von Max Nordau sprach, der mir selbst einmal gesagt hatte, sein Vater sei aus dem benachbarten Krotoschin gewesen und. ihm, dem Sohne, sei manchmal schon der Gedanke gekommen, in dieser Stadt sich ein Haus zu bauen und in demselben seine Tage zu beschließen. So fügte sich mir in der behaglichen Lässigkeit einer einstündigen Improvisation fast von selbst eine Art literarischen Stadtbildes zusammen und angesichts der Aufmerksamkeit «reiner Zuhörer wurde an mir das alte skeptische „Nemo propheta in patria“ beinahe zuschanden. Was aber hat dieses Reise- und Vortragserlebnis mit den zwei neuen Bünden der Jewish Encyclopedia zu schaffen, über die ich Ihnen, liebe Freundin, wie über die vorangegangenen Bände Bericht zu erstatten wünsche? Darüber möchte ich Ihnen gern erschöpfenden Aufschluß geben, jedoch so, daß dieser Aufschluß zugleich den beabsichtigten Bericht in sich faßt. Also hören Sie: die beiden Bände erstrecken sich über die Buchstaben G bis L, von den berühmten Söhnen unseres Heimatstädtchens und seiner Nachbarschaft fallen einige, Holdheim, Lasker, mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen in diese Strecke des Alphabets. Ich hätte aus diesem Umstande für meinen Vortrag Nutzen schöpfen können, wenn die beiden Bände schon vor dem Antritt meines Urlaubs in meinen Händen gewesen wären. Und auch sonst wären sie mir zu meinem speziellen Zwecke sehr zu statten gekommen. Da finde ich — nachträglich — zwei berühmte Rabbiner von Kempen

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