Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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aitS der alten Gelehrtenfamilie Landau, - Vater und-Soh'ü, verzeichnet, welche in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vielbeachtete Responsen und Kommentare zu - einzelnen Talmudtraktaten veröffentlichten. Wieviel respektvolles.Staunen hätte -ichmeinem Auditorium einflößen .können, wenn . ich ihrer zu erwähnen in der Lage gewesen wäre! Freilich' aber, nach anekdotischem Material oder gar nach lokalem Kolorit sucht man in den ernst-pragmatischen Biographien der Jewish Ency- ,clope<3ia vergebens, und man kann im Zweifel sein, ob dies nicht vielleicht lein kleiner Fehler ist, zumal eine gewisse Einschränkung /jdes' Porträtmaterials.auch zur. phhsiognomischpsychologischen: Deutung nur mäßigen Stoff darbietet. Ich findet daß oft eine gut angebrachte. Anekdote aus dem Leben eines Berühmten, die Wiedergabe eines Ausspruches von ihm zur persönlichen Charakteristik mehr beiträgt, als ' eine ganze Druckseite trockener Aufzählung biographischer Daten, Jahreszahlen und Büchertitel. Wie steht zum Beispiel der ganze Bismarck hoch aufgerichtet und lebendig schon in dem einen Diktum: „Meine Botschafter müssen auf Kommando einschwenken wiedie Unteroffiziere!" r . Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, zu glauben, daß ein Werk ernsten Gelehrtenfleißes und stupender Vielseitigkeit, wie es bie Jewish Encyclopedia ist, feuilletonistischen Auf- ' Putzes und anekdotischen Schellenklingels bedarf, um das Standard werk zü sein, das es ist. Aber es. solldoch auch etwas mehr sein als ein trockenes Nachschlagebuch, in dem kühle wissenschaftliche. Objektivität den lebendigen Pulsschlag innerer Teilnahme überwiegt. Ich mache diese Bemerkung speziell unter dem Eindruck der Biographie Heinrich Heines, die, von I. Jacobs, gewesenem Präsidenten der englischen Gesellschaft für jüdische Geschichte, verfaßt, doch der Persönlichkeit des jüdischen „Lieblings der Grazien" gar zu wenig gerecht wird. ■■■.; Doch um nun wieder zu meinem Ausgangspunkte zurückzukehren : es wurmt - mich, daß. unter den vielen knappen oder weitläufigen jüdischen Gemeindegeschichten, welche die Jewish Encyclopedia enthält, diejenige, die unserer Heimatsgemeinde, fehlt, die einst doch eine nicht geringe Namhaftigkeit in der Judenheit besaß. Man nannte sie sogar nicht ohne eine gewisse Ironie die „Kehillah Kadoschah Kempen". Große Rabbiner hatten ihren Sitz in ihr, eine stattliche Synagoge halbgriechischen Stils versammelte die Frommen, es gab auch in ganz Deutschland kaum eine Gemeinde in der, wie in Kempen, die jüdische Einwohnerzahl größer war als die christliche. Bor bald vierzig Jahren, als angehender Schriftstellerveröffentlichte ich ihre Biographie unter dem Titel „Eine Jndenstadt" und ich war neulich nicht wenig erstaunt, als mir während meines kurzen Aufenthalts, in dem alten Heimatsneste im Schulprogramm des dortigen Progymnasiums eine gelehrte Geschichte Kempens unter die Augen kam, in welcher heftig mit mir polemisiert wird, weil ich damals — ach, es ist schon so lange her! - geschrieben hatte, die ersten Ansiedler Kempens seien vermutlich Juden gewesen. Wenn ich mich geirrt habe, was liegt daran? Ich bin darüber viel weniger ärgerlich als darüber, daß die Jewish Encyclopedia so vornehm schweigend an unserer Heimatsgemeinde vorübergeht. Ach, und es ist doch so viel Gelehrten- und Kampfgeschichte, so viel schöne Sage, so viel hübsches echtjüdisches Anekdotenmaterial aus ihrer Chronik auszuheben! Daß ein reiches Gemeindemitglied so viel Gold zum Baue der Synagoge hergibt, als das Gewicht seines erstgeborenen Kindes mitsanrt dessen Wiege beträgt, weil die Geburt an dem Tage des ersten Spatenstiches zum Synagogenbau erfolgt ist, daß ein Rabbinatsgutachten eingeholt wird, weil der zu wählende neue Gemeindevorsteher sonderbarerweise allerdings,- „Reb^-Mosche: Christ" .heißt — ach,Gott, ..die .Fülle -solch artiger Arabesken ist-unerschöpflich: Und . die., Juden. haben ja bekanntlich . eine unüberwindliche Neigung zu hagadistischem: Wort-, Gedanken- und Geschichtenspiel.'..Wenn ich. nuw meinen kleinen lokalpatriotischen: Aerger: am der.. Jewish?Encyclopedia auslassedie ich-: im übrigen immer wieder als -ein. unschätzbares Werk des .modernen Judentums, zu. Preisen bereit binso. möchte ich doch den Eindruck nicht wecken, als ob eine allgemeine Erwägung dgbei völlig ausgeschlossen wäre. . Der verstorbene David Kaufmann war ein unermüdlicher Anreger und von ihm stammt der stärkste. Antrieb, zur Ausnützung der Familiengeschichten für die allgemeine Geschichte des Judentums. Sein Schriftchen „Heinrich -Heines' Ahnensaal" und seine Ausgabe der „Memoiren Glückels von Hameln" , sind-wahre Wegweiser auf dieser Bahn zur Erschließung richtiger Quellen für die jüdische Geschichtschreibung. Warum sollen nicht auch die Stadtgeschichten in diesem Sinne nutzbar gemacht werden? Und sie erst recht?... Die Geschichte der Juden in der Diaspora ist doch im Grunde nichts als die Geschichte der Gemeinden, die als Mikrokosmen für sich hinleben und deren; Vitalität nur in dem Zusammenhänge untereinander sich offenbart. Freilich,, die Jewish .Encyclopedia müßte ihren Umfang ins Unbegrenzte ausdehnen, wenn sie solcher Forderung im ganzen Umfange Nachkommen wollte, und ihr ohnehin so zahlreicher Stab von Mitarbeitern müßte nicht bloß vervielfacht, sondern auch auf ganz bestimmte Bezirke verteilt werden. Und — ultra posse nemo lenetnr. Aber es wird doch, je weiter sie in ihrer Bändezahl vorwärtsschreitet, immer merklicher, daß — wenn ich so sagen darf — die Territorialeinteilung ihrer Mitarbeiter eine ungleicheist. Und es scheinen dazu noch die Theologen im Uebergewichte zu sein. Das öffentliche Leben .heischt - größere Beachtung nach dem Maße der ungeheuer erweiterten Teilnahme der Juden an ihm. Sehr hervorragende jüdische Universitätslehrer werden oft mit wenigen Zeilen biographisch abgetan, während über sehr mittelmäßige Rabbiner weitläufig berichtet und der Bericht noch dazu mit dem Bildnisse ausgestattet wird. Ich gedenke, über diesen Punkt Ihnen, liebe Freundin, in einem zweiten Briefe einige Glossen mitzuteilen: Sie haben ja für alles, was jüdisch ist, von jeher lebhaftes Interesse und die jewish Encyclopedia ist mit Recht desselben so wert wie sicher. «SuluLecnS Sir Lsilerin des Mens. Historische Novelle von Eduard Roth. . Viertes Kapitel. - Bei Hofe. der von Marmorsäulen getragenen und von zahllosen künstlerisch geformten Marmorbildern geschmückten Vorhalle des königlichen. Palastes vom Palmyra herrschte um die Morgenstunden reges Leben. - Boten aus allen Weltgegenden kamen hierher, wo ihrer bereits die Beamten des Hofes harrten, um ihre Kunde entgegenzunehmen und sie, wenn es die Notwendigkeit erheischte, gleich wieder mit einer wichtigen Mitteilung abzusenden. Jetzt ging eine Bewegung durch die Menge der Hosherren und Hoflakaien, denn soeben war in einer prunkvollen, ver-