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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-28 · Heft 44 (28.10.1904) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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Theoretisches Judentum.! Von Nabbmer Dr. Doctor-Bruchsal. '.ft.' ist:hocherfreulich, daß aus den Kreisen der Jugend heraus Mittel , und Wege aufgezeigt werden, um depr inneren Abfall von unserer-Religion zu steuern, vor allem der Entfremdung der Jugend selbst. Das Thema ist tiefernst und es ist ein Verdienst von Dr. Weiß (vgl. Nr. 41 und 42 d.Z.), es. aufs neue behandelt zu. haben; denn die Gedanken sind nicht zum ersten Male ausgesprochen, worden. Aber schließlich ist „alles Gescheidte -schon gedacht worden, man muß nur versuchen,. es uoch einmal zu denken", wie Altmeister Goethe sehr richtig bemerkt. Mit der Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts und der denkbar besten Schulung der Lehrer, mit Reform des Gottesdienstes und Schaffung einer gediegenen, populären Lektüre — mit diesen Faktoren allein wird eine merkliche Besserung kaum herbeigeführt werden. In den süddeutschen Ländern ist der Unterricht seit langem obligatorisch, wird er von wohlvorbereiteten Lehrern erteilt, ist der jüdische Religionsehrer nur soweit ein Typus wie jeder andere Lehrer, deip gewisse, den Uebermut der Jugend reizende Eigentümlichkeiten anhaften, trotzdem ist der Zustand kaum merklich niuwfts mutanäis besser. Ein Schüler, der bis Oberprima wöchentlich zwei obligatorische Religionsstunden erhalten hat, wird gewiß eine Sunune von Kenntnissen sich erworben haben — aber alles bleibt Theorie. Uebung und Pflege fehlen; die Erziehung ist nicht religiös. „Vorerst muß man die Eltern wieder dein Judentum zuführen." Den Weg weiß uns der Verfasser aber nicht näher zu erläutern. Die größte Begeisterung, das eindringlichste Wort des Rabbiners wird nicht eine Familie dem positiven Judentum, religiöser Lebensführung zurückf gewinnen. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß ein Gottesdienst nach den Vorschlägen des Verfassers das Gotteshaus füllen würde. Wenn eine Gemeinde den Versuch machen würde, einen Gottesdienst ganz genau nach den Anschauungen derjenigen einzurichten, welche ihn in ästhetischer und ethischer Beziehung modern gestalten, welche ihm durch „Verinnerk lichung und Verkürzung durch deutsche Gebete" ein anderes Gepräge geben wollen, so wird man bald erfahren, daß die Gotteshäuser nicht um eine Spur besuchter sein werden. 4 Der Rabbiner kann mit prophetischer Beredsamkeit predigen, Kantor und Chor können wie die Engel singen, alles braucht nur eine Stunde — oder noch weniger? — zu dauern und dennoch wird der erwartete Erfolg ausbleiben. Nur im Anfang wird die Synagoge etwas voller sein, bis das Urtejl über den Gesamteindruck erhärtet ist — dann bleibt alles beim alten. Mit Universitätsprofessoren und Kommerzienräten wird man nicht allzu oft Minjan machen können. Wer sich nicht vornimmt, wer es nicht für sich zur Norrn gemacht hat, regelmäßig, unter allen Umständen zu erscheinen; den wird kaum eine Reform in die Synagoge ziehen. j: Das ist eine Erfahrung, welche die letzten 50 Jahre zur Genüge erwiesen haben. Uebrigens steht's bei den anderen Konfessionen nicht viel bessein Man kann das aus den beweglichen Klagen bei Synoden und aus den Berichten erkennen. Der Besuch des Gotteshauses ist Prüf zentual nicht höher als bei uns und an den höchsten Feiertagen läßt die Anteilnahme am Gottesdienst jeden Vergleich zw Aber steht es bei den anderen Konfessionen mit der Entfremdung der Jugend weniger schlecht? Zwar könnte uns das kein Trost sein, aber es möge nur angeführt werden, weil der wichtige Punkt bezüglich der religiösen Lektüre in Betracht kommt.; : Darum könnten wir die anderen beneiden, denn, sie haben das, waswir ersehnen.- .Sie haben die klassischen Bücher,ndie uns fehlen nnd dennoch! — Auch in dem anderen Lager verstummen deswegen die Klagen nicht. \ : Aber sie brauchen den Kampf nur. gegen eine Front zu führen — gegen das Freidenkertum, dessen buchhündlerische Erfolge nicht zu unterschätzen sind.; : . : . Mir haben — abgesehen von dem Kämpft inr Inneren — gegen zwei Fronten zu kämpfen: gegen den. .Abfall zu. den herrschenden Religionen und gegen das Freidenkertum. Das erfordert eine ungleich größere Kraftanstrengung und doppelt geschickte Strategie. . . . ... . »a Wo sind unsere Heerführer? Haben wir^denn außer den Berufstheologen noch viel Männer aufzuweisen, die Helden in der Defensive sind? Wird nicht ihre Aufgabe schon von vornherein ungemein erschwert, daß der doppelte Kampf uns aufgedrungen wird. Und woher sollen wir die Waffen holen? Finden; wir uns doch in unserer eigenen Rüstkammer noch nicht so zurecht als es sein sollte. Warum sind die Bemühungen, ein Werk über „das Wesen des Judentums" zu schreiben, bis jetzt noch ohne sichtbaren Erfolg gewesen? Das Buch hätte da sein müssen, bevor Harnacks Buch erschien, es hätte bei uns als positives Bedürfnis empfunden werden müssen, bevor es dem Zwecke der Abwehr zu dienen gezwungen ist. Aber das Buch muß geschrieben werden, mag auch ein Kampf vorausgehen oder ihm folgen; denn gegenwärtig herrscht Ruhe, unheimliche Ruhe. „Mit Ausschluß der Erörterung religiöser Fragen" ist Devise sämtlicher großer Vereinigungen, die sich in letzter Zeit aufgetan haben. Sind deswegen, weil wir allen Diskussionen mit einer kläglichen Aengstlichkeit arrs dem Wege gehen, die Unterschiede im eigenen Lager geschwunden? Hat es denn jemals eine völlige Übereinstimmung in religiösen Fragen gegeben? Waren die Lehrhäuser nicht Stätten der heißesten Kämpfe? Glaubt man, daß eine Klärung unserer religiösen Anschauungen ohne Kämpfe eintreten wird"? So lange wir selbst nicht bestimmt und klar das Wesen des Judentums umgrenzen, so lange wir nicht die Ergebnisse der modernen Talmudkritik nutzbar machen und die Konsequenzen aus ihnen ziehen und so lange wir uns nicht-mit den positiv unantastbaren Resultaten der Wissenschaft anseinandersetzen, so lange wird es unmöglich sein, die gesicherten Erkenntnisse unserer Religionsanschauungen in populären Werken niederzulegen. Die Fragen, die Dr. Weiß angeschnitten hat, gehen tiefer; sie werden unsere wunden Stellen aufdecken, die wir jetzt nur verhüllen, daß die Wunde nicht schlimmer werde, an deren radikale Heilung wir bald einmal gehen müssen. . Aber die Rabbiner allein werden die Arbeit nicht besorgen können. Mitarbeiter fehlen uns. Wer die Reform des Gottesdienstes will, soll dessen eifrigster Besucher sein und soll andere dafür werben. Wer Lektüre nach seinem Geschmack will,-soll kein Opfer dafür scheuen und andere dafür begeistern. Sonst bleibt es. theoretisches Judentum, für das gewirkt wird und das:Positive in Lebensführung und Uebung wird fehlen. Aber laßt uns nur das Judentum, dessen historische Behandlung Zacharias. Frankel so meisterhaft vor 50 Jahren begonnen, unter gleichen Gesichtspunkten weiter behandeln. Möge das 50jährige Jubiläum des Breslauer'Seminars den Anstoß geben, daß wir auf den Bahnen seines ersten Leiters .fortschreiten, daß seine Gedanken nach so langer Zeit neue Taten zeugen. Möge der Liberalismus wieder erwachen und die Begeisterung wie ehemals, entzünden.

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