Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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beteiligen, die ein Herz baben für unsere Armen, die helfen und reiten wollen! Der Verein „Mädchenhans Pankow", denn von diesem ist die Rede, wendet sich in diesen Tagen an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Sein Aufruf macht nicht große Worte und keine geschwollenen Phrasen. Aber jedes Wort dieses Aufrufes ist wahr und spricht eindringlich zum Herzen jedes Menschenfreundes. Es müßte wahrlich schlimm um die viel gerühmte jüdische Wohltätigkeit in unserer Gemeinde stehen, wenn der Verein nicht infolge dieses Aufrufs die Mittel, die doch' wahrhaftig nicht allzugroß sind, erhielte, um seine Zwecke erfüllen zu können. Nicht 30, sondern 60 Mädchen und noch mehr müßten in dieser Dienstbotenschule ausgebildet werden, um auch nur halbwegs der Nachfrage zu genügen und um das Programm des Vereins zur Ausführung zu bringen, der ja die Aufgabe hat, deutsche Mädchen jüdischen Glaubens, besonders Waisen, zu dienstlichen Stellungen zu erziehen und der unablässig bemüht ist, den seinem Schutze anvertrauten Mädcheneine ernste Ausbildung in ihrem zukünftigen Berufe als Dienstboten zuteil werden zu lassen. Alle Zweige des Berufes werden hier berücksichtigt. Die Mädchen werden zu peinlichster Sauberkeit angehalten, sie werden im Scheuern, Abstauben und Reinigen unterrichtet, lernen waschen und plätten, ausbessern, nähen, stricken und einfache Stickereien anfertigen) geeignete Mädchen lernen kochen, andere wieder die Kinder besorgen — kurz nach jeder Richtung werden die Mädchen für ihren Beruf vorbereitet. Der Verein hatte in den letzten Jahren wie gesagt durchschnittlich 30 Mädchen zur Ausbildung in seinenr Hause, -.-im lausenden Jahre hat er 31 Mädchen ausgenommen, er würde aber gern die Zahl seiner Zöglinge wesentlich erhöhen, wenn er mehr Mittel hätte. Die Unkosten belaufen sich für Zögling und Jahr auf nicht ganz 500 Mark. Für etwa 40 Mädchen würden daher jährlich etwa im ganzen 20000 Mark aufzubringen sein. Die Jahreseinnahmen betrugen aber in den letzten Jahren nur zwischen 16- und 17000 Mark. Es fehlen sonach leider die Mittel, um die Tätigkeit dieses Vereins weiter auszudehnen. Dabei werden aus ganz Deutschland Gesuche um Ausnahme von Zöglingen an den Vorstand gerichtet, so daß es ihm an Mädchen zur Ausbildung tatsächlich keineswegs fehlen würde, wenn er nur genügende Mittel zur Verfügung hätte. Unter diesen Umständen wendet sich der Verein mit Fug und Recht vor allem an die Hausfrauen und die Dienstherren in unserer Gemeinde mit der Bitte, sich ihm anzuschließen und durch Beiträge hier zu Helsen. Der Verein erfüllt ohne Zweifel eine für die deutschen Juden höchst wichtige soziale Aufgabe. Daneben würde er in die Lage kommen, mehr als bisher und in größeren Umfange den Hausfrauen tüchtige und zuverlässige Dienstmädchen zur Verfügung stellen zu können, welche durch zweijährige Ausbildung in einem gewissen Umfange für ihren Beruf vorgebildet sind. Wir hoffen zuversichtlich, daß in dieser Zeit erhöhter sozialer Fürsorge der Aufruf gerade dieses Vereins von den erfreulichsten Folgen begleitet sein wird. Der Vorstand besteht aus den Herren: Bernhard Breslauer, Justizrat, Vorsitzender; Emil Masse, stellvertretender Vorsitzender; Kommerzienrat Heinrich Eisner; Rechtsanwalt F. Makower; Waisenhausdirektor I. Grunwald; Frau Gertrud Masse; Frau Landgerichtsrat Hedwig Loewe; Frau Elise Lipschütz. Das Komitee der Schutzdamen bilden Frau Minna Bamberger, Frau Olga Eisner, Frau Anna Reich, Frau Florette Saulmann, Frau Sara Saulmann. r. Lübeck, 4. Oktober. Die israelitische Gemeinde hat in der St. Annenstraße neben der Synagoge ein Altenheim für bedürftige Gemeindemitglieder errichtet, das am 27. v. Mts. seiner Bestimmung übergeben wurde. Die Feier fand in der Synagoge statt; dazu hatten sich die Senatoren Dr. Fehling, Dr. Stooss und^ Posiell, sowie der Wortführer der Bürgerschaft und der des Bürgerausschusses, und viele Gemeindemitglieder eingefunden. Die herzergreifende Weiherede hielt Rabbiner Dr. Carlebach. Nach der Feier in der Synagoge wurde ein Rundgang durch das Haus angetreten, das mit allen modernen Einrichtungen ausgestattet ist. Das „Altenheim" ist nach den Plänen des Architekten Hahn von Maurermeister Cords erbaut, und ist zur Aufnahme von alten oder erwerbsunfähigen Männern und Frauen der hiesigen israelitischen Gemeinde bestimmt. Es enthält iin Ober- und Dachgeschoß 12 größere und 6 kleinere Zimmer, davon 4 mit Alkoven und Küch6 versehen, ferner im Erdgeschoß eine Verwalter- und im Kellergeschoß eine Kastellanwohnung, jede mit 4 Zimmern und Küche. Im Erdgeschoß befinden sich fermer das Vorstandszimmer und der zur Abhaltung von Vereinsversammlungen und dergleichen bestiuunte Saal. Beide Räume sind zugleich als Bibliothek-; Lese- und Studierzimmer eingerichtet. Jnr Kellergeschoß befindet sich die Waschküche, die Anlage für die Zentralheizung, sowie die Badeeinrichtung nebst Warteraum. Ein im Obergeschoß belegenes Zimmer wird besonders als Krankenstation eingerichtet. Köln, 6. Oktober. Am 10. Oktober wurde hier untergroßen Feierlichkeiten die Akademie für praktische Medizin als erste ihrer Gattung eröffnet. Als die treibende Kraft und die Seele des Unternehmens in medizinischer Hinsicht ist Professor Dr. Oskar Minowski zu betrachten, zurzeit Oberarzt an dem städtischen Krankenanstalten in Köln. Oskar Minkowki, geboren am 13. Januar 1858 zu Kowno in Rußland, entstammt einer angesehenen jüdischen Kaufmannssamilie, deren sämtliche Mitglieder sich durch außergewöhnliche geistige Befähigung auszeichnen. In sehr jugendlichem Alter bezog er, durch Uebersiedelung seiner Familie nach Ostpreußen Preuße geworden, die Königsberger Universität und war dort namentlich des berühmten Klinikers Bernhard Naunhn eifriger Schüler. Er war dann dort bis zum Jahre 1887 dessen erster Assistent und zuletzt Privatdozent für innere Medizin. Mit Naunyn siedelte er in gleicher Eigenschaft nach Straßburg über, wo er 1890 ordentlicher Professor wurde. Infolge seiner wissenschaftlichen Leistungen und klinischen Begabung steht Minkowski unter seinen Fachgenossen heute in allererster Linie. Seine Berufung in ein klinisches Ordinariat, die er seit zehn Jahren" wohlverdient hat, scheiterte wiederholt an der leidigen konfessionellen Voreingenommenheit der leitenden.Kreise. Mit um so größerer Genugtuung ist es heute zu begrüßen, daß ihm nunmehr, nachdem die Stadt Köln ihn in die Leitung der neuen Akademie berufen hat, reichlich Gelegenheit geboten wird, feilte außerordentliche Begabung in den Dienst seiner jungen Kollegen und indirekt seiner Mitbürger zu stellen. Eine bessere Wahl konnte wohl kaum getroffen werden. Frankfurt a. M., 7. Oktober. Heute nacht starb hier der Justizrat Dr. Paul Holdheinc infolge eines Herzschlages. Die Anwälte verlieren in dem so früh Verstorbenen wieder eine Zierde ihres Standes. Holdheim war wie Staub, mit dem er eng befreundet war, ein Mann der Praxis, der es verstand, diese für die Wissenschaft zu verwerten. Die von ihm herausgegebene „Monatsschrift für Bank- und Handelsrecht" hat in der kaufmännischen, wie juristischen Welt stets hohe Beachtung gefunden; das Reichsgericht bediente sich ihrer oft bei seinen Entscheidungen. Holdheim starb iui 57. Jahre. Er war 16 Jahre Stadtverordneter in Frankfurt und ebensolange Vertreter Frankfurts im Kommunallandtag. Seine große Bescheidenheit, seine Herzensgüte und sein großes Wissen haben ihm überall Freunde und Verehrer verschafft. Sein Tod wird hier wie auch in Berlin, wo er als der zweite Son des sel. Rabbiners Dr. Samuel Holdheim geboren war und viele Beziehungen unterhielt, sehr bedauert. Ehre seinem Andenken! GesterretH-Llnssrn. □ Wien, 13. Oktober. Die Ernennung des sattsam bekannten Magistrats sekret ärs Demel zum Leiter des magistratlichen Bezirksamtes Alsergrund veranlaßte die freisinnige Partei dieses Bezirkes zu einer energischen Protestbewegung — allein Proteste nützen nicht viel, wo Lueger will, und daß er jemandem wohl will, dafür genügt bloß die Tatsache, daß dieser einmal einen Juden ordentlich beschimpft, lind das tat dieser Demel; über seine sonstige Tätigkeit verlautet nicht viel. — Das Amtsblatt veröffentlicht mehrere Ernennungen jüdischer Aerzte zu Professoren der Universität. — Fern von der Heimat in New York ist der aus Mähren ausgewanderte Cafetier und Bäcker Louis Fleisch mann gestorben; seine erste Bäckerei, verbunden mit einem Cafe, errichtete er aus der Weltausstellung von Philadelphia im Jahre 1876, wo er mit seinenr Wiener Gebäck großartigen Erfolg hatte und den Grund zu seinem nach Millionen zählenden Vermögen legte. Ungemein populär machte er sich durch seine viele Jahre hindurch sortgesetzten Brotverteilungen an Arme. Allabendlich sah man viele Hunderte Notleidender vor seinem Etablissement warten, 'die dann mit Brot beschenkt wurden.