Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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s Einer seiner Neffen ist der gegenwärtige, angesehene Mayor von Cincinnati. — In Brünn ist endlich nach langen Verhandlungen und zahlreichen Probepredigten ein zweiter Rabbiner gewählt worden: Dr. Ludwig Levy, ein geborener Elsässer, vom Breslauer -Seminar. — In Krems ist am 2. d. M. der dortige Rabbiner Dr. David Weiß, der auch Seelsorger der k. k. Strafanstalt Stein und Mitglied des Bezirksschulrats war, im 81. Lebensjahre gestorben. Derselbe hatte in Krems 24 Jahre segensreich gewirkt. — In Mährisch-Aussee ist im Alter von 87 Jahren der Vorsteher der dortigen Gemeinde S. A. Pollak, der fast 40 Jahre dieses Amtes gewaltet, gestorben. Ehre dem Andenken dieser Männer. Groszvritamrien. f London, 6. Oktober. Das englische Judentum ist von einem schweren Schlage betroffen worden. Chaim Guedalla, der Neste Moses Montefiores und wie dieser, Nasn der Juden in Palästina, ist am 2. d. M. im Alter von 89 Jahren aus dem Leben geschieden. Die Familie Guedalla ist im Jahre 1760 aus Mogador in Marokko nach England ausgewandert. Schon der Vater des Verstorbenen hat sich lebhaft für Palästina interessiert und errichtete in Jerusalem eine Beth Guedalla genannte Jeschibah. Sein Sohn Haim, der ein bedeutender Linguist und großer Gelehrter war, erbte von ihm seine Vorliebe für das heilige Land, das er gemeinsam mit seinem großen Onkel 1855 zum erstenmal besuchte. Seitdem opferte er für Palästina soviel Geld, Zeit und Mühe, daß das Jerusalemer Rabbinat 1885 einstimmig beschlossen hat, den Titel eines Nassi der Diaspora, den Moses Montefiore geführt hatte, auf ihn zu übertragen. Außer für die Juden Palästinas hat Chaim Guedalla sich auch für seine übrigen Glaubensgenossen der gesamten Diaspora lebhaft interessiert. 1863 begleitete er Sir Moses Montefiore ans dessen Reise nach Marokko und knüpfte auf der Rückreise in Madrid Verhandlungen mit dem damals allmächtigen General Prim an, welche 1869 dazu geführt haben, daß Spanien viele Jahre nach der großen Judenvertreibung wieder den Juden geöffnet wurde. Noch war ihnen durch § 11 der Verfügung die freie Religionsübung nicht gestattet und so ruhte Guedalla nicht eher, bis HerrSagasta in einem vom 26. August 1881 datierten Schreiben den Artikel 11 der Verfassung dahin kommentiert hat, daß es den Inden in Spanien nicht genommen ist, eigene Bethäuser sowie Begräbnisplätze zu besitzen. Zwei Jahre später setzte Sennor Sagasta auf Betreiben Guedallas beim König Alfons XII. ein Dekret durch, welches die.Juden in Spanien feierlich als naturalisationssühig erklärte. Sehr interessant sind die Verhandlungen, welche der Verstorbene mit dem bekannten Reformtürken Midhat Pascha geführt hat und die keinen geringeren Zweck hatten, als Palästina für die Juden anzukaufen! Mr. Gnedalla war nämlich Präsident der türkischen Dette-Publique und da schlug er Midhat Pascha, der 1876 Großvesir war, vor, an Stelle der fälligen Zinsen den Inhabern der türkischen Bons Palästina abzutreten. Da die öffentliche türkische Schuld damals nicht weniger als fünf Milliarden betrug, so wäre ein Eingehen auf den Vorschlag einer Abtretung Palästinas an die Gläubiger der Türkei gleich gekommen. Midhat Pascha, dem eine Reform der türkischen Finanzen erwünscht gewesen wäre, begann über die Angelegenheit mit Guedalla ernstliche Verhandlungen, diese zogen sich aber in die Länge, bis der kurz darauf ausgebrochene Krieg mit .Rußland allen Reformplänen in der Türkei ein jähes Ende bereiteten. Mit Guedalla starb der letzte große Zeitgenosse und Mitarbeiter jener Männer, deren Streben und Wirken weit über den engen Rahmen der eigenen Heimat hinansgingen. Ehre seinem Andenken! Von MH und Fern. Kommerzienrat Isidor Loewe ist zum Geheimen Kommerzienrat ernannt worden. — Der Religionsverein Westen hat Herrn Rabbiner Dr. E. Lewy zum Leiter seiner Religionsschule und' als Prediger angestellt. — Am 3. d. M. ist im Alter von 77 Jahren der Sanitätsrat Dr. Wilhelm Wiener hier gestorben. Derselbe hat an gemeinnützigen und jüdischen Interessen stets lebhaften Anteil genommen. Ehre seinem Andenken! —..Die deutsche Akademie in Posen war im letzten Sommersemester von 825 Personen besucht. Darunter waren 403 Protestanten, 154 Katholiken, 206 Juden und 62 Personen ohne Angabe der Konfession. — Am 2. d. M. ist im Alter von 52 Jahren der Amtsgerichtsrat Max Kuznitzky in Kofel gestorben. Die Beerdigung fand in Breslau statt. — Am 8. d. M. feierte der Kantor der jüdischen Gemeinde zu Neustrelitz, Herr Isidor Berendt, unter lebhafter Teilnahme weiter Kreise sein 25. Amtsjbuiläum. — Dem Lehrer Blumenthal in Deutz ist anläßlich seines 50jährigen Lehrerjubiläums der Kronenorden IV. Klasse verliehen worden. — In Frankfurt a. M. werden zwei neue Synagogen gebaut werden, eine von der Hauptgemeinde und eine von der Israelitischen Religionsgesellschaft. — Aus Anlaß eines konkreten Falles hat der ungarische Handelsministerin Budapest ausgesprochen, daß das Backen der jüdischen Osterbrote wohl eine zeitweilige, aber keine gewerbsmäßige Beschäftigung sei. Diese Beschäftigung untersteht daher nicht den im Gewerbegesetze enthaltenen Bestimmungen. — Der durch sein gemeinnütziges Wirken und seinen Wohltätigkeitssinn weithin bekannte Kommerzienrat Lazar I. Brodsky aus Kiew ist auf einer Reise in Basel einem Gehirnschlag erlegen. Ehre seinem Andenken! — König Carol von Rnmänien hat den Oberrabbiner von Bukarest, A. Tauber, zum „Ritter" ernannt. Die Auszeichnung erfolgte „in Anerkennung der Dienste, welche der Oberrabbiner sich auf dem Gebiete der „Wissenschaft und des Unterrichts" erworben hat. — In London ist am 30. v. M. der bekannte Schriftsteller und Vorleser Alexis Sidney Krause, ein genauer Kenner der ostasiatischen Verhältnisse, im 45. Lebensjahre gestorben. — In Thanet wurde der jüdische Bankier Marks (konservativ) an Stelle von M. I. Lawther (liberal) ins englische Parlament gewählt. — In Rudnia im Gouvernement Mohilev brachen Exzesse gegen die Juden aus, gerade als eine Jnfanteriereserveabteilung durch das Städtchen marschierte. Die Bauern aus den Nachbardörfern beteiligten sich an den Exzessen. Eine Sicherheitswache war nicht zu sehen. Die Juden wurden mißhandelt, die Fenster der Häuser, in denen Juden wohnten, wurden zertrümmert. Als die Exzedenten in die Häuser eindrangen, setzten sich die Juden zur Wehr und drängten sie zurück. — Die im offiziellen „Invalid" veröffentlichte dritte Verlustliste aus dem russisch-japanischen Kriege weist weitere 29 jüdische Namen auf, die bei Wafangou verunglückt sind. Davon werden 2 als gefallen, 14 als verwundet und 3 als vermißt gemeldet. 10 Juden sind zum Teil nach erheblicher Verwundung in die Gefangenschaft der Japaner geraten. — Bekanntlich hat das Kischinewer Komitee von den ihm zugeflossenen Unterstützungssnmmen einen Betrag von 100 000 Rubel zur Begründung einer jüdischen Kolonie in Bessarabien reserviert. Diese Kolonie ist nun mit besonderer Genehmigung des Zaren auf einem dem Baron Ginzburg in Petersburg gehörenden Gute tatsächlich ins Leben gerufen worden. Dieselbe ist im Kreise Orgijew gelegen und führt den Namen Naissa- Anna. Sie umfaßt gegen 3020 Hektar, von denen 2500 Hektar unter 125 Kolonisten verteilt, der Rest als gemeinsames Weideland resp. als Reserve für kinderreiche Familien verwendet werden sott. — Die Fortsetzung der Verhandlung gegen die Exzedenten in Kischinew findet, wie der „Hazofeh" meldet, vom 3. bis zum 6. d. M. dortselbst statt. Angeklagt sind diesmal 100 Personen. Die Zahl der vorgeladeaen Zeugen soll sich auf ungefähr 200 belaufen. — Die Verhandlung wegen der Judenexzesse in Homel wurde für den 24. d. M. anberaumt. Von den 80 Angeklagten sind 44 Bauern und 36 Juden. Zur Verhandlung sind 500 Zeugen vorgeladen, darunter 474 von der Staatsanwaltschaft, der Rest von der Verteidigung. Der Prozeß dürfte einen vollen Monat in Anspruch nehmen. —' Die „Nowoje Wremja" erzählt' aus der Schlacht bei Kiulientschang folgende Episode: Wie bekannt, hat in der Schlacht hei Kiulientschang der griechisch-orthodoxe Priester Szczerbakowski mit dem Kreuze in der Hand die russischen Truppen gegen die Japaner angeführt und wurde von einer feindlichen Kugel getroffen. Er drohte zusammenzusinken und rief um Hilfe. Da sprangen ihm zwei Hornisten bei und stützten den Priester, der, von den beiden Soldaten gehalten, das Kreuz hochhaltend, noch eine Strecke weit der Truppe voranging. Die beiden Hornisten waren Söhne jüdischer Familien aus dem Moskauer Gonvernement.