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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-14 · Heft 42 (14.10.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 42. Der Gemeindevote. Merlin, 14. Oktober 1904. Veilage zur „Allgemeinen Leitung deK Z>udentum§°° Lorrrlpondkn?en und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 9. Oktober. Die heutige Repräsentantenversämmlung wies eine große Reihe von Vorlagen Nuß die im Nahmen .der Verwaltung einer Großgemeinde ja unbedingt erledigt werden müssen, die aber nur sehr wenig das Interesse der Gemeindemitglieder wachzurnfen imstande sind. Außer zwei kleineren Vorlagen standen nur Geldbewilligungen und Kvmmissionswahlen zur Verhandlung. Unter den geschäftlichen Eingängen lag die Mitteilung des Gemeindevorstandes vor, wonach der Steuersatz für die jüdische Gemeinde auf "/ec> Prozent der staatlicherseits veranlagten Steuer festgesetzt worden ist. Es ist ferner ein konservativer Antrag Sachs eingegangen, in den Synagogen an den predigtfreien Sabbaten Schrifterklärungen stattfinden zu lassen. Wie wir von zuständiger Seite erfahren, hat der Gemeindevorstaud eine derartige Vorlage bereits fertig gestellt und wird dieselbe voraussichtlich der nächsten Sitzung zur Beratung vorlegen. — Eine Zuwendung der Kinder der Frau Henriette Gerschel geb. Hagelberg im Betrage von 30000 Mark zur Begründung einer Henriette Gerschel-Stiftung wird angenommen. Die Stiftung soll einer bereits bestehenden Hagelberg-Stiftung, welche über 80000 Mark Kapital verfügt, angeschlossen werden und dazu dienen, Waisen oder Kindern armer Eltern dauernd oder vorübergehend Unterhalt zu gewähren. — Die nachträgliche Aufnahme von 12 Zensiten in die Wählerliste wird debattelos beschlossen. — Die Einrichtung von Kursen zur Ausbildung von Seminaristinuen im Religionsunterricht findet ebenfalls die Genehmigung der Versammlung. Der Kursus soll unter Leitung des Rektors Dr. Guttmann auf drei Jahre sich erstrecken und den Unterricht in Hebräisch, biblischer Geschichte und Religionslehre umfassen. Die hierzu erforderlichen Summen, für das erste Jahr 780 Mark, für das zweite 1935 Mark und für das dritte Jahr 2330 Mark werden bewilligt. Der vorberatende Ausschuß hat noch den Wunsch ausgesprochen, den praktischen Unterricht der Seminaristinuen bereits im zweiten Jahre beginnen zu lassen. Professor Blaschke bittet, außer dem Königlichen Seminar auch die Privatseniinare von der Einrichtung der Kurse in Kenntnis zu setzen, und befürwortet die sofortige Einrichtung eines Kursus für Vorgeschrittenere. Die Erledigung dieser Wünsche wird vom Gemeindesyndikus Justizrat Lilienthal zugesagt. — In dringlicher Vorlage wird die Einrichtung eines jüdischen Religionsunterrichtes an der Charlottenburger höheren Töchterschule, in der sich 67 Jüdinnen befinden, von denen bisher nur drei Religionsunterricht genießen, beschlossen. Die jüdische Gemeinde trägt zwei Drittel der Kosten dieses Unterrichts, zu dessen Leitung Herr Dr. Galliner vorgeschlagen worden ist. — In das Kuratorium der Nanny- Julius- und Rosalie Böhm-Stiftung wird Herr Siegfried Jacob gewählt; in die gemischte Deputation in Sachen der Aufnahme des Hebräischen in den Lehrplan der Volksschulen und der Abhaltung von Gottesdienst in den Religionsschulen werden die Herren Hirs ch und Professor Blaschke, in die gemischte. Deputation in Sachen der Beaufsichtigung eines koscheren Restaurants die Herren Louis Sachs, Isidor Sachs, Dr. Cohn und Adolph Mayer abgeordnet. An Stelle des verstorbenen Herrn Oppenheim tritt Herr Hans Friedländer in den Ausschuß III, Herr Hirsch in die Kommission für die baulichen Angelegenheiten ein. Für den Neubau des Verwaltungsgebäudes Nosenstraße, welcher auf 170 000 Mark veranschlagt war, werden 38000 Mark nachbewilligt. Die Bedenken des Herrn Manheimer, daß die Petenten der Armenkommission die Besucher des ebenfalls im neuen Verwaltungsgebäude zu errichtenden Bureaus für die Friedhofsangelegenheiten belästigen könnten, werden von Herrn Netter widerlegt. Es werden ferner bewilligt: zur Einrichtung von Gasglühlichtbelenchtung in der Turnhalle der Knabenschule 133 Mark, für das Inventar der Mädchenschule 747 Mark, für Klempnerarveiten in der Synagoge Lntzowstraße 375 Mark, zur Ausführung von Reparaturen im Krankenhanse 6000 Mark, zum Zwecke des Baues der Turnhalle für das II. Waisenhaus in Pankow 2455 Mark. Endlich werden noch für festgottesdienstliche Veranstaltungen in der Friedhosssynagoge in Weißensee 300 Mark gewährt. Herr Hirs ch fragt bei dieser Gelegenheit, ob vom Gemeindevorstand Schritte getan sind, auch für die Bewohner anderer Teile der Peripherie Berlins regelmäßigen Gottesdienst einzurichten. Herr Jacob y stellt eine diesbezügliche Vorlage baldigst in Aussicht. ' s. Berlin, 7. Oktober. Der Zentral verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat am 5. d. M. seine Wintersaison in glänzender Weise eröffnet. Der große Saal in der Gesellschaft der Freunde war dicht gefüllt und das Auditorium folgte mit großer Spannung und zum Schlüsse mit lebhaftem Beifall' dem höchst interessanten Vortrage des Herrn Professors Dr. Martin Philippfon, der mehr, viel mehr bot, als das Thema (das Judentum und der Staat) vermuten ließ. Der Vortragende entwarf nämlich ein anschauliches Bild der Grundsätze, von denen der jüdische Staat getragen war, und wies nach, daß dieser das wahrhaft nachahmenswerte Vorbild einer Humanitären, freiheitlichen, sozialen und milden Gesetzgebung gewesen sei. Die jüdische Lehre schreibe auch den Juden in ihrer Zerstreuung unter den Völkern Vaterlandsliebe, Königstrene und Unterordnung unter die Gesetze ihrer neuen Heimat vor. „Das Gesetz des Landes, in dem du lebst, sei auch dir Gesetz", heißt es im Talmud. Und in der Tat hätten Juden in allen Ländern, wo man sie zu Aemtern und Ehrenstellen zugelassen habe, im Dienste des Vaterlandes als Staatsmänner, Parlamentarier und Soldaten hervorragendes geleistet. Nur da fänden wir die Inden im sozialdemokratischen Lager, wo man ihnen volles Bürgerrecht versage, oder wo ihre Gleichberechtigung bloß auf dem Papier stehe. In England, Amerika, Italien, Frankreich sei ihre Zahl unter den Sozialisten verschwindend. Die Juden seien, wie schon ihr dreitausendjähriges Festhalten an ihrer Religion und den alten Bräuchen beweise, ihrem innersten Wesen nach eher konservativ und gemüßigtliberal. In Rußland und Rumänien, wo sie schlimmer behandelt würden als Tiere, dürfe man sich allerdings nicht wundern, Juden im staatsfeindlichen Lager zu treffen. Daß sie sich die schmähliche Behandlung, die ihnen zuteil werde, nicht ruhig gefallen lassen, sei ein erfreuliches Zeichen von Kraft, Ehrgefühl und Nechtsbewußtsein. Langanhaltender Beifall zeigte dem Vortragenden, daß alle Antvesenden seinen Ausführungen freudig zustimmten. Herr Rechtsanwalt Horwitz, der Vorsitzende des Vereins, gab hierauf eine ausführliche, mit frischem Humor gewürzte Darlegung der augenblicklichen Lage und der Arbeit des Zentralvercins, die auch in diesem Sommer keine vergebliche gewesen sei. ■A- Berlin, 10. Oktober. Eine der wichtigsten Fragen des Alltagslebens ist namentlich für jüdische Familien heutzutage die Dienstboten frage. Wir brauchen nur auf die Erfahrungen hinzuweisen, die unsere Hausfrauen jeden Tag machen. Ist es doch so weit gekommen, daß in den Vermietungsbureaus jetzt schon sehr oft gefragt wird: „Sind die Herrschaften jüdisch?" und daß ziemlich oft auf die Bejahung dieser Frage die Antwort des Mädchens erfolgt: „Dann bedauere ich". Wie seltsam dies auch klingen mag, da ja erfahrungsgemäß die Dienstmädchen es gerade in jüdischen Häusern sowohl inbezug auf den Lohn, wie auch aus die Kost und Behandlung zumeist besser haben als in vielen anderen. Die antisemitische Hetze hat eben auch auf diesem Gebiet ihre Früchte getragen. Gerade deshalb aber ist ein Verein, Her sich die Aufgabe gestellt hat, einerseits der Dienstbotennot unserer Familien entgegenznwirken und andererseits für arme jüdische Mädchen ein soziales Erziehungswerk zu schaffen, von .ganz besonderer Bedeutung. Unter allen Schöpfungen des jüdischen Lebens der Gegenwart sind tatsächlich nur wenige, die so ausgiebige und unermüdliche Förderung verdienen, wie dieser Verein, Hier ist Boden für soziale Arbeit! Hieran sollten sich alle

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