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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-17 · Heft 25 (17.6.1904) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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- 298 —— einem Leben in der Vergangenheit verurteilt, dem Gedächtnis des gegenwärtigen Geschlechts schon so gut wie entschwunden und lebte nur noch als verblassendes Bild in der Erinnerung einzelner, die, nach einem sinnigen Ausspruch der Alten, auch die zerbrochenen Bundestafeln in Ehren halten. Allein die Nachricht von seinem Ableben hat alle Kreise, die sein srüheres Schaffen und Wirken kannten und würdigten, fast unerwartet getroffen und mit so aufrichtiger Trauer und Teilnahme erfüllt, als wäre er in der Blüte seines Lebens, in der Vollkraft seiner Jahre von dannen geschieden. -In Bjalystok am 10. März 1810 als Sohn frommer Eltern geboren, genoß der Entschlafene die unter den Juden in Litauen damals üblich gewesene Erziehung und Ausbildung: das Eheder und das Beth Hamidrasch waren feine Bildungsstätten, die Bibel und der Talmud die Disziplinen, die feinem Geiste Nahrung zuführten. Im jugendlichen Alter von kaum 18 Jahren bereits verheiratet, begann er im Hause seiner Schwiegereltern aus einigen dürftigen hebräischen Werken Astrononrie und Mathematik zu studieren, die bald sein ganzes Sinnen und Denken gefangen nahmen und ihm eine neue Welt offenbarten. Dem Rate eines älteren Freundes folgend, bemühte er sich, die deutsche Sprache zu erlernen, die ihn rnit den Geistesprodukten der deutschen Gelehrtenwelt vertraut machen sollte. Nach wenigen Jahren fleißigen Selbststudiums veröffentlichte er 1834 unter dem Titel „Mosde Chochmah“ ein hauptsächlich für die Jugend berechnetes Lehrbuch der Physikalischen Wissenschaften, und ein Jahr später seine berühmte Schrift „Kochba de Schebit“, die, in sechs Abschnitte gegliedert, sich über mannigfache Gegenstände der Astronomie verbreitet. 1838 erschien sein scharfsinniges astronomisches Werk „Toldoth Schamaim“, das neben einem von Rapaport an ihn gerichteten Schreiben bezüglich seiner Schrift über die Kometen auch ein anerkennend gehaltenes Vorwort des Professors Arminski und des Astronomen Baranowski in polnischer Sprache enthält. Besonders rühmend hervorgehoben zu werden verdient eine unter dem Titel „Jesode Haibur“ von ihm verfaßte Abhandlung über die Berechnung der jüdischen Schaltjahre, sowie ein 1852 erschienenes wissenschaftliches Werk über die Unsterblichkeit der Seele. Indessen kamen alle diese in der hebräischen Sprache verfaßten Werke hauptsächlich seinen engeren Landsleuten, insbesondere der wißbegierigen jüdischen Jugend in Rußland zugute, die damals außer der hebräischen noch keine andere Sprache verstanden haben. Die nichtjüdische Welt erhielt Kunde von diesem aus dem Beth Hamidrasch hervorgegangenen Astronomen, Mathematiker und Physiker erst durch einige von ihm gemachte - glückliche Erfindungen, die ihm neben manchen verdienten Ehrungen auch materielle Vorteile einbrachten. Für eine von ihm erfundene Rechenmaschine, deren Eigentumsrecht später eine englische Gesellschaft für die Summe von 400 Pfund Sterling erwarb, erhielt er 1845 von der Petersburger Akademie der Wissenschaften den Demidow-Preis in Höhe von 2500 Rubel und wurde von der Negierung, zufolge einer Anregung des Ministers für Volksaufklärung, Uwarow, mit dem Titel „Ehrenbürger" beehrt. Diese von so gutem Erfolg gekrönte Erfindung führte Slonimski 1844 auch nach Preußen, dessen Hauptstadt damals noch mehr als gegenwärtig auf die nach Wissen und Bildung strebenden Juden des Ostens eine große.Anziehungskraft ausübte. Er machte in Berlin die Bekanntschaft der berühmten Physiker Enke, Krelle, Jacobi und Befiel und trat in.nähere Beziehung zu Alexander von Humboldt, der von der außerordentlichen Begabung und eigenartigen Genialität dieses jungen jüdischen Gelehrten so sehr eingenommen war, daß er ihn mit Beifallsbezeugungen überhäufte und ihm sogar eine Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. erwirkte. Trotz aller Erfolge aber scheint die materielle Lage Slonimskis um diese Zeit keine besonders günstige gewesen zu sein. Die Akademiker Fuß und Bunjakowski berichteten in ihrem Memorandum vom 10. April 1845 über ihn: „er lebte in einem unaufhörlichen Kampfe seines wißbegierigen Geistes mit harter Not." Innige Freundschaft verband Slonimski auch mit Aron Bernstein, mit dem zusammen er die berühmt gewordene Methode konstruierte, vier Telegramme auf einem Draht gleichzeitig zu befördern. Ein von ihm erfundenes neues System für den Bau von Dampfmaschinen verkaufte er durch Bernsteins Vermittelung für eine namhafte Summe an die Firma Borsig und gewann so die Mittel, um die Reise in die Heimat antreten und dort einige Jahre sorgenlos leben zu können. 1857 kam Slonimski zum zweiten Male nach Berlin, und ein Jahr darauf erschien von ihm im Verlag von Veit & Comp, unter dem Titel „Oth Sikaron“ eine biographische Skizze Alexander von Humboldts zu dessen 88. Geburtslage. „Die Lektüre dieses vortrefflichen Buches muß jeden davon überzeugen, daß Humboldt sich keinen besseren Biographen hätte wünschen können, als er in Slonimski gefunden hat. Die Gabe ist, mit einem Worte, des Gebers vollständig würdig. Das Merkchen zerfällt in zwei Teile, wovon der erstere die Biographie des „Nestors des Wissens" umfaßt, der letztere eine gedrängte Uebersicht des Kanons der Naturwissenschaften, des Kosmos, darbietet. Beide Teile sind sowohl in wissenschaftlicher wie sprachlicher Form mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit ausgearbeitet. — Bedenkt man noch die Schwierigkeit, welche sich dem gelehrten Verfasser, besonders im zweiten Teile, in der Anwendung des hebräischen Idioms auf die moderne naturwissenschaftliche Terminologie bieten mußte, so wird man mit Erstaunen über die Leichtigkeit und verhältnismäßige Reinheit des Stils erfüllt." (Frankels. Monatsschrift,. VII. Jahrgang, S. 459.) Diese vorzügliche Schrift übersandte Slonimski an Alexander v. Humboldt zu dessen 88. Geburtstage, der, von dieser zarten Aufmerksamkeit äußerst angenehm berührt, an den Verfasser nachstehendes Dankschreiben richtete: Verehrtester Herr Slonimski! Ich bin tief in Ihrer Schuld durch so lange Verzögerung des Dankes für eine Ehre, die Euer Wohlgeboren mir so wohlwollend bereitet haben. Die unruhige Lage, in der ich lebe, in einer politisch und gesellschaftlich so sehr bewegten Zeit, kann mich kaum rechtfertigen. Der hebräischen Literatur leider entfremdet, aber von früher Jugend an mit den edelsten Ihrer Glaubensgenossen innigft verbunden, ein lebhafter und ausdauernder Verfechter der ihnen gebührenden und so vielfach noch immer entzogenen Rechte, bin ich nicht gleichgültig für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben. Das Zeugnis eines tiefen, orientalischen Sprachkenners, des vortrefflichen,, so mannigfach ausgebildeten Dr. Michael Sachs, kann eine solche Auszeichnung nur erhöhen. Es ist für den biographisch Belobten fast eine Beruhigung, der Ursprache nicht mächtig zu sein. Ich werde von Dienstag an wieder einige Wochen in Berlin wohnen, und von Dienstag an wird jeden Tag zwischen 1 ^ind 2 Uhr es mir eine Freude sein, Herrn Slonimski, falls er nicht schon nach Warschau zurückgekehrt ist, in Berlin zu empfangen und Ihnen den Ausdruck der innigen Hochachtung mündlich zu erneuern, die Ihren schönen stüheren wissenschaftlichen Bestrebungen gebührt. Euer Wohlgeboren gehorsamster Alexander von Humboldt. Slonimskis Bemühungen, in Berlin festen Boden, eine gesicherte Existenz zu finden, erwiesen sich erfolglos. Nach vielfachen hier erlebten Enttäuschungen kehrte er nach kurzem Aufenthalt nach Warschau zurück, wo er 1862 den schon längst gefaßten Plan, ein hebräisches Wochenblatt herauszugeben, verwirklichte. Doch das Erscheinen des Blattes, das er Haze-

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