Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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firah benannte, war nur von kurzer Dauer; denn noch in demselben Jahre wurde er von der Regierung als Nachfolger Jakob Eichenbaums zum Inspektor der Rabbinerschule in Sitomir berufen, welches Amt er, vereint mit dem Amt eines j Zensors für hebräische Schriften, bis zu der 1873 durch - die j wüste Agitation der Finsterlinge erfolgten Schließung der i drei Rabbinerschulen des Landes bekleidete. Kurz entschlossen lenkte ’ er seine Schritte abermals nach Berlin, wo er, von Herrn Leon Horowitz (jetzt in Hamburg als Fabrikant lebend) als fleißiger Mitarbeiter kräftig unterstützt, die Hazefirah zu neuem Leben erweckte. Als er kurze Zeit darauf von der russischen Regierung die j Konzession erhielt, sein Matt in Warschau erscheinen zu lassen,! übersiedelte er 1875 dorthin und widmete sich nun ausschließlich j der publizistischen Tätigkeit. Im Gegensatz zu den änderen! hebräischen Wochenblättern, mit Ausnahme des von Silbermann! und später von David Gordon in Lyk herausgegebenen Hai magid, vertrat die Hazefirah stets eine gemüßigte Richtung, j immer das eine Ziel verfolgend, belehrend und veredelnd auf i die große Masse des jüdischen Volkes zu wirken. Später ver-! band er sich mit Herrn N. Sokolow und verwandelte ans dessen! Anregung Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts - die Hazefirah in eine Tageszeitung, an deren Leitung er in i seinen letzten Lebensjahren begreiflicherweise nur noch nominell! beteiligt war. Obwohl Slonimski, wie die meisten Hebraisten,! einer freieren religiösen Richtung huldigte, so hat er sich doch nur selten auf religiöse Streitigkeiten eingelassen. Wie der ihm vorangegangene I. B. Levinsohn, hatte auch er sich die Aufgabe gestellt, das von Moses Mendelssohn begonnene Werk der Aufklärung und der inneren Emanzipation Israels fortzusetzen j und der Vollendung entgegenzuführen. Mit seiner publij zistischen Tätigkeit hat er zugleich, wie selten einer vor ihm, j eine kulturelle Mission erfüllt. Seine naturwissenschaftlichen! Werke, von welchen wir sein 1869 erschienenes mathematisches! Buch „^esocle Chochmath Haschiur“ ganz besonders erwähnen, j haben in den finsteren Judengassen des Ansiedelungsrayons : helles Licht verbreitet und deren Bewohner zu jener Lebensl . quelle geführt, die wir Bildung und Wissen nennen. Sein Nanre! wird in der Kulturgeschichte der russischen Judenheit fortleben.! Das Fläschchen.; Eine Neiseskizze aus dem Litauischen von I. Stutz in. j ©hemjon Jossisowitsch Kremarenko, ein rundlich blonder! Herr von „liberalen" Anschauungen, der „mit geheimen! Aufträgen" die litauischen Gonvernements bereiste, fügte eines! Tages folgendes Reiseerlebnis einem seiner Memoirenheste bei. Als wir — heißt es dort — mein Kutscher und ich nämlich in den Schlitten stiegen, war der Himmel ein einziger bleigrauer Fleck. Ein heftiger Wind schlug uns harte Schneekörner; die er der eingefrorenen Schneedecke entrissen, ins Gesicht. Es war außerdem schön kalt, 19" R. Nach einer halben Stunde brach die Nacht herein. Es war gegen Monatsende, und der Mond kam nicht zum Vorschein. Stockfinster. Nicht einmal den Schnee kann man sehen, 1 Dabei blies uns der Wind fortwährend die Augen voll, und ohne Augen und dazu noch im Finstern läßt sich schwer sehen. Wir müssen uns an die Telegraphenstangen halten, um vom „großen Weg" nicht abzuweichen. Wir halten uns . . Wir gucken uns die Augen blind. Das Pferd watet im Schnee. „Fahren wir gut?" „Ja, Herr." '' Mein Kutscher ist ein phlegmatischer litauischer Bauer, den nichts aus seinem starren Phlegma heraustreiben kann. Es ist eine geraume Zeit, seitdem ich die dunklen Umrisse der Telegraphenstangen nicht mehr wahrzunehmen glaube. Ich fange an zu zweifeln, ob wir richtig fahren. „Fahren wir noch immer gut?" „Noch immer gut, Herr." „Ich selsi die Telegraphenstangen nicht." „Ich feh' sie, Herr." Und das sagt er mit einer so großartigeinfachen, überzeugenden Gewißheit, daß sie selbst die ängstlichsten Gemüter beruhigen könnte. Merkwürdig, sage ich mir, welche Augen diese Litauer haben! Er sieht und ich nicht! . . Ich lege die Hand schräg vors Auge, starre mit weitausgerissenen Augen in die bleigraue Finsternis hinein — ich sehe keine Spur, kein Atom einer Telegraphenstange. Ich setze die Hand kreisförmig vors Auge, starre wiederum in die bleigraue Finsternis hinein — ich sehe wiederum keine Spur, kein Atom von einer Telegraphenstange . . . Und mein Kutscher, der siebzigjährige Bauer, sieht sie! . . . klar, deutlich . . . ohne jegliche „optische Hilfsmittel". ... Ich ziehe den Kragen' meines Reisepelzes -in die Höhe, schiebe die Pelzmütze auf die Stirne herab. Nun bin ich ganz vermummt. Auch Nase und Augen sind verhüllt. Warum auch nicht. Sehen kann ich ja sowieso nicht . . . „Mm ja — setze ich meinen Gedankenmonolog fort, „natürlich müssen sie gute Augen haben. Haben nicht nächtelang vor der Lampe geschwitzt, haben sich mit kleinen Buchstaben, verdrehten Handschriften, Kommabazillen, „optischen Apparaten" und derartigem Teufelszeug nicht abgeplagt — warum sollten sie also keine guten Augen haben. . ." Da hielt mein Kutscher das Pferd an. „Wir haben uns verirrt, Herr." - Und das sagte er mit derselben großartig einfachen, überzeugenden Gewißheit, mit der er vor zwei Minuten versicherte, die Telegraphenstangen zu sehen. Ich schlage meinen Pelzkragen zurück. Wie eine heulende Bestie fährt der Wind über mein Gesicht her. „Irren wir schon lange?" „Wer kann's wissen." „Warum sagten Sie eben, daß wir gut fahren?" „HatU mich geirrt." Wiederum dieselbe großartig einfache, überzeugende Gewißheit, gegen die nicht anzukommen ist. Ich bekomme die Leine in die Hand, mein Kutscher aber beginnt den Weg zu suchen, indem er mit dem Peitschenstiel in den Schnee schlägt und sorgsam darauf horcht, ob er nicht etwas Hartes anstößt. Einige Minuten bleibe ich allein im stürmischen Dunkel. Tausende glühender Nadeln scheinen mir das Gesicht zu zerstechen. Meine Nase, mein Schnurr- und Knebelbart werden zu Eiszapfen. Eiskalte Ströme umziehen mir den Leib. Mein Kutscher kommt von seiner „Rekognoszierung" zurück. Ich sehe nur, wie sich ein dunkler Gegenstand, aufsteigend und versinkend, durch die Finsternis näherwälzt. „Haben Sie den Weg gefunden?" „Nein." „Was werden wir also tun?" „Fahren ... . oder befehlen Sie, hier zu warten?" Die Ironie meines Kutschers schmeckt mir gar nicht. Ich murmle ärgerlich ein „Hol Dich der Teufel" zwischen die Zähne, vermumme mich wiederum in meinen Pelz, schiebe eine Hand in den Pelzärmel der anderen und schließe die Augen.