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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-22 · Heft 17 (22.4.1904) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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preußische höhere Schulwesen beherrscht hat, so begreift man wohl, welche ein Segen das Philantropin für glaubenstreue aber geistessreie jüdische Lehrkräfte war, die fast hier allein damals eine Stätte für ihr Wirken fanden. Als 1873 der Lehrer des Philantropins, Dr. G. Loewe, ein Sohn des Rabbiners zu Ratibor, eines der bedeutendsten Talmudgelehrten des vergangenen Jahrhunderts, erst 42 Jahre alt, einem Schlaganfalle erlag, der ihn mitten im Unterrichte traf, erwähnte Direktor Dr. Bärwald ausdrücklich die Kränkungen und Zurücksetzungen, die Loewe in der Raunrerschen Zeit seiner Religion wegen erdulden mußte. (S. 151 der Festschrift). Wie viele jüdische Oberlehrer haben, bevor sie an Philantropin ankamen, als Privatlehrer in unsicheren Stellungen und unter mannigfachen Entbehrungen jahrelang um ihre Existenz kämpfen müssen. Und welche hervorragenden Pädagogen unter den jüdischen Oberlehrern vorhanden sind, sehen wir aus den Lebensbeschreibungen, welche Dr. Bärwald und Dr. Adler von den früher an der Anstalt tätig gewesenen Lehrern gaben. So ist auch Dr. Hermann Dobriner nur 45 Jahre alt geworden, der als Mathematiker durch seine Forschungen über die Flächentheorie und seinen von ganz neuen Gesichtspunkten ausgehenden Leitfaden der Geometrie rühmlichst bekannt geworden ist. Lazarus Geiger, der 1871 vorzeitig starb, hätte jeder Universität zur Zierde gereicht, als Linguist. Gleichfalls hervorzuheben ist Gustav Wertheim, der länger als 30 Jahre am Philantropin gewirkt hat. Seine in Gemeinschaft mit Helmholtz vorgenommenen Uebertragungen physikalischer Werke haben nicht minder Anerkennung gesunden als seine Forschungen auf dem schwierigsten Gebiete der Mathematik, dem der Zahlentheorie. Als Wertheim studierte, ließ der Kultusminister noch jedem jüdischen Kandidaten nach bestandenem Examen eröffnen, daß ihm durch Bestehen der Prüfung ein Anspruch auf Anstellung nicht erwachse — ein Erlaß, den erst der Kultusminister Falk aufgehoben hat. -- Von ehemaligen Lehrkräften des Philantropins seien hier im Zusammenhang noch erwähnt: Harry Breßlau, gegenwärtig Professor der Geschichte an der Universität Straßburg, der aus Anlaß seiner späteren Fahnenflucht bereits in dieser Zeitung bei seinem kürzlich erfolgten Tode erwähnte Goethebiograph Albert Bielschowskh, der 1872 bis 1874 Lehrer am Philantropin war, Emil Philippson (Lehrer 1874'bis 1886), seitdem Direktor der Jakobsonschule zu Seesen a. H. und Ludwig Tachau (Lehrer 1881 bis 1888) gegenwärtig Direktor der Samsonschule zu Wolfenbüttel. Alle diese Lehrkräfte verdanken dem damaligen Leiter des Philantropins, Dr. Bärwald, einen hervorragenden Teil ihrer praktischen Ausbildung. Seine im Jahre 1868 erfolgte Berufung zum Leiter des Philantropins verdankt Dr. Bär?- wald p) keinem Geringen als Eduard Lasker. Vordem hatte Dr. Michael Sachs, ein treuer Freund Bärwalds, letzteren stets in seiner Berliner Lehrtätigkeit unter Horwitz sestgehalten. Ein Jahr hatte Bärwald in Berlin auch die Leitung der Religionsschule übernommen. Wir folgen hier seinen eigenen interessanten Ausführungen über seine Bestallung zum Direktor. y Die freundschaftlichen Beziehungen Bärwalds zu Lasker stammten aus dem Jahre 1848. Als Bärwald 1856 in Breslau fein Oberlehrer-Examen bestand, gingen die Wogen der Reaktion so hoch in Preußen, daß Bärwald nach Wien ging und dort eine Erzieherstelle im Hause des' preußischen Konsuls Moritz Ritter von Goldschmidt, eines ehemaligen Schülers des Frankfurter. Philantropins, annahm. Als Bärwald nach Preußen in der neuen Aera zurückkehrte, meldeteer sich in Breslau zum Probejahr, erhielt aber den Bescheid, daß das Provinzial - Schulkolleginm seinem wiederholten. Anträge. „nach Lage der Gesetzgebung nicht stattgeben könne". (9. April 1855). „Der landesherrlichen Bestätigung meiner Wahl hatte ein Oolloguium pro rectofatu voranzugehen, vorher aber hatte ich mich dem Herrn Provinzialschulrat Alix vorzustellen. Nicht ohne Beklemmung trat ich bei dem Herrn Schulrat ein. Ich wurde mit harter Unfreundlichkeit empfangen. „Sie wollen", rief er mir entgegen, „ein berühmter Direktor werden!" „Ein guter Direktor möchte ich dereinst werden", war die Antwort. „Das ist doch dasselbe." „Ich war immer der Meinung, daß gute Direktoren zumeist diejenigen sind, von denen man draußen nicht viel spricht" „Das meine ich auch, ich war 13 Jahre Direktor.in Glogau." Und nun erzählte er mir, wie er sich dort unter mancherlei Schwierigkeiten behauptet habe. Einige Wochen später, am 20. Mai 1868, saß ich in einem Saale des königlichen Provinzial-Schulkollegiums in Berlin dem Herrn Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg von Jagow und zwei Schulräten gegenüber. Herr Schulrat Alix wünschte zunächst eine Darlegung der in den Ploetzschen französischen Lehrbüchern beobachteten Methode unfeinen Vergleich derselben mit dem in jüdischen Schulen bei dem hebräischen Unterricht zumeist befolgten Lehrverfahren. Als das erledigt war, kamen Fragen über deutschen, geographischen und Geschichtsunterricht und über Schuldisziplin. Wohl über anderthalb Stunden hatte das gedauert, da ergriff der Herr Oberpräsident das Wort: „Sie sollen in der alten Reichsstadt, die erst vor kurzem in den preußischen Staatsverband ausgenommen worden ist, ein wichtiges Amt übernehmen. Sie werden als Preuße Vorurteilen begegnen.^ Wie wollen Sie dieselben entkräften? Sie treten in ein Lehrerkollegium ein; da sind alte, in ihren: Beruf ergraute Lehrer, daneben auch jüngere, alle wohl kaum in der bei uns üblichen Disziplin. Was werden Sie zur Erlangung des unerläßlichen guten Willens und der freudigen Mitarbeit der Lehrer und zur Behauptung Ihrer Autorität tun? Wie werden Sie das Vertrauen und die Liebe namentlich der gereifteren Schüler gewinnen?" Ich erwiderte, nicht ohne innere Erregung, sofort: „?rimum incipere a se ipso. Ich werde mich selbst in Zucht nehmen und jederzeit meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Ich habe früh aus innerer Neigung den Lehrberuf ergriffen, ich liebe meine Schüler, mir ist jede Unterrichtsstunde eine Stunde der Weihe, des Gebens und Enrpfangens. Mich erfüllt jede wahre Lehrerpersönlichkeit mit hoher Achtung. Von denen, die ich dort im Lehrerkollegium als solche erkenne, werde ich lernen, mit ihnen werde ich mich verbinden, allen aber möchte ich ein Beispiel werden treuer Pflichterfüllung. Ich bin entschlossen, mit aller Kraft und mit Einsetzung meiner ganzen Persönlichkeit der Schule zu dienen. So hoffe ich nach und nach aller Schwierigkeiten Herr zu werden." So hatte das Philantropin, da Heß noch Autodidakt war, in feinen ersten drei Direktoren ein Stück Kulturgeschichte verkörpert. War doch am Ende des 18. Jahrhunderts für die jüdische Jugend noch kaum die Möglichkeit gegeben, sich eine geregelte Schulbildung anzueignen; hatte doch Dr. Bärwald im Anfänge seiner Schullaufbahn noch staatlicherfeits erhebliche Schwierigkeiten vorgefunden. Die Schule hatte auch ohne den Staat schon unter Heß gute jüdische Lehrkräfte und stand auf der Höhe der Zeit. Noch in demselben Jahr 1839, in dem Friedrich Fröbel seine Anstalt in Keilhaü „zur Pflege des Beschäftigungstriebes für Kindheit und Jugend" eröffnet hatte, war vom Philantropin der Lehrer Hochstätter hingeschickt worden. Hochstädter und Tendlau richteten eine Spielanstalt nach Fröbelschem Muster ein. lieber den unter Bärwald eingerichteten Handfertigkeitsunterricht berichtet ausführlich Dr. S. Adler, der gegenwärtige Direktor des Philantropins. Die Schule ist mit der Aufnahme dieses Faches den Bestrebungen ihrer Begründer gefolgt, die wie alle Philantropinisten der Pflege der technischen Arbeit besondere Beachtung widmeten. Auch Stenographie wird am Philantropin gelehrt. In dem Teil der Schulgeschichte von 1868 bis 1904, den Dr. S. Adler verfaßt hat, wird auch der am Philantropin bestehenden Stiftungen gedacht, so der Creizenach-Stiftung, welche einer der edelsten Männer Frankfurts, Benedikt Hayum Goldschmidt, begründete. Aus den Rat Bärwalds erweiterte Goldschmidt

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