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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-04-22 · Heft 17 (22.4.1904) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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199 des Philäntropins die Mitteilungen Dr. Bärwalds über den ersten deutschen Geschichtsschreiber der Juden, Isaak Markus Jost, der 29 Jahre am Philanthropin gewirkt hat. Es sei gestattet, diese Mitteilungen wiederzugeben. „Am 1. Juli 1835 trat er an unserer Schule ein. Hier hat er bis zu seinem am 20. November 1860 erfolgten Hinscheiden 25 Jahre als Lehrer und Prediger im Andachtsaale, vor allem durch den Adel seiner Persönlichkeit, überaus segensreich gewirkt. Als einer der unermüdlich tätigsten und berühmtesten jüdischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts hat er das Ansehen unserer Schule erhöht. Durch sein ganzes Leben begleitete Jost die Dankbarkeit für die Samsonschule in Wolfenbüttel und seinen Lehrer Ehrenberg, und früh hatte er sich gelobt, sich verwaister, armer Kinder anzunehmen. Dieses Gelübde hat er erfüllt. Er hat 1847 den Israelitischen Frauen- Verein und mit dessen Hilfe ein Mädchen-Waisenhaus gegründet. Er hat dafür ein Grundstück erworben, ein Haus gebaut und eingeweiht; die Fürsorge für diese Anstalt hat den Abend seines Lebens erhellt. Dort, in diesem Hause, das inzwischen erweitert worden ist und zur Aufnahme von 30 armen, verwaisten israelitischen Mädchen ausreicht, und in welchem seitdem 160 Kinder zu allem Guten erzogen und angeleitet worden sind, lebt sein Andenken fort. Seine Schöpfung hat hier Anregung und Beispiel zur Gründung einer zweiten „Israelitischen Waisenanstalt" gegeben, die sich reich entfaltet, sowie zu der hier seit 1875 im stillen segensreich wirkenden „Siegmund Sternschen Waisenstiftung". Von dem jüdischen Philantropin und unserer aus ihm hervorgegangenen Realschule ist eine Belebung des Wohltätigkeitssinnes für.Kulturzwecke ausgegangen, die zur Gründung einer großen Zahl milder Stiftungen für Schulunterricht, Beförderung des Handwerks und wissenschaftlicher Studien geführt hat: Isaak Marcus Jost hat nach dieser Richtung das Beste geleistet." Creizenachs Nachfolger als Prediger und Religionslehrer war der durch seinen Briefwechsel mit seinem Vetter Berthold Auerbach bekannte Dr. Jakob Auerbach (1843—1879), ein durch philosophische und theologische Gelehrsamkeit ausgezeichneter, selbständig denkender, hohen Idealen nachstrebender Lehrer. Durch seine mit feinen: Sinn, pädagogischen: Takt und großer Sorgsamkeit bearbeitete Schul- und Hausbibel hat er sich um den jüdischen Religionsunterricht ein bleibendes Verdienst erworben. Der Nachfolger des Oberlehrers Heß in der Leitung der Schule war der aus Berlin berufene Dr. Sigismund Stern. Er war 30 Jahre' jünger als Michael Heß, und in seinen: Bildungsgänge ist der in den: Erziehungswesen der Juden in diesem Zeitraum gemachte große Fortschritt deutlich erkennbar. Eine Reihe sprachwissenschaftlicher Schriften hatte Stern in der Zeit von 1835 bis 1845 veröffentlicht. Seine im Winter 1844/45 in Berlin vor einem großen Hörerkreise gehaltenen Vorlesungen über die Ausgabe des Judentums hatten die Gründung der Genossenschaft für Reform im Judentum zur Folge. Als Pädagoge hatte sich Stern als Leiter einer von Jost bisher geführten Schutanstalt bereits in. Berlin bewährt. Er war ein begeisterter Jude, ein Mann von Charakterfestigkeit und hoher persönlicher Würde. Unter der Direktion Sterns trat Dr. Ludwig Oelsner in das Lehrerkollegium ein. Er war der erste pro facultate docendi geprüfte Lehrer am Philanthropin, ein gründlicher Historiker, der in den „Mitteilungen des Vereins für Geschichte" rc. (III, 1999) Stern ein biographisches Denkmal errichtet hat. Stern wurde in Frankfurt auch zum Mitgliede des gesetzgebenden Körpers gewählt, wo er für eine freiere Gestaltung der Verfassung eintrat. Die Ideale, welche Stern in seinen Reden 'im Nationalverein und in seinen historischen Schriften begeistert vertreten hat, gingen im Jahre 1866 in Erfüllung. Ueber die Entwicklung der Schule in der neuesten Epoche berichtet der Nachfolger Sterns Dr. Bärwald Seite 191 der Festschrift : „In dem Kampfe um die Vorherrschaft in Deutschland knüpfte sich zum Segen der Zivilisation und des Fortschrittes der Sieg an die preußischen Fahnen. Frankfurt verlor die Souveränität, die ihm, wie jedem Staate, dem die Macht fehlt, aus eigener Kraft seine Unabhängigkeit zu schützen und zu behaupten, längst eine gefahrvolle Bürde geworden war; es wurde eine preußische Stadt. Wie für seine gesamte Entwicklung, so begann damit auch für sein Schulwesen eine neue Aera. Am 19. November 1866 richtete der preußische Zivilkommissar, Landrat von Madai, an den Senat das Ersuchen, ihm anzuzeigen, welche von den hiesigen höheren Lehranstalten den preußischen Gymnasien und Realschulen in der Weise gleichständen, daß denselben die Berechtigung zugestanden werden könne, ihren Schülern das Zeugnis der wissenschaftlichen Qualifikation für den einjährig - freiwilligen Dienst zu erteilen. Auf dem Instanzenwege wurde diese Angelegenheit in der Weise entschieden, daß durch Erlaß des Kultusministers von Mühler vom 25. Juni 1867 die Schule als Realschule zweiter Ordnung anerkannt wurde unter dem Bemerken, daß christliche Schüler aus ihr keine Berechtigung erwerben könnten. Durch Protokollauszug der gemischten Kirchen- und Schulkommission vom 18. Juli 1867 wurde der Schulrat von diesem Ministerialreskript benachrichtigt. Der Bericht, auf Grund dessen diese Berechtigung erlangt wurde,!oar die letzte Arbeit, welche Stern für die Schule geleistet hat. Die anstrengende pädagogische, wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit hatte seine Kräfte im Laufe der Jahre erschöpft. Am 10. Januar 1867 erkrankte er. In seinen: langen Leiden, das er mit Ruhe und stiller Ergebung trug, wurden ihm rührende Beweise der Liebe und Verehrung von seinen Schülern und Schülerinnen, dem Lehrerkollegium und ganz besonders vom Schulrat zuteil. Am 9. Mai 1867 ist er im 55. Lebensjahre verschieden." Im Januar 1867 hatte Stern an den Oberregierungsrat L. Wiese in Berlin eine Uebersicht der Organisation der Schule gesandt. Wiese erschien, bevor die Berechtigung für den Einjährigen - Dienst erteilt wurde, persönlich in Frankfurt und revidierte auch das Philantropin. In seinen „Lebenserinnerungen" (I, S. 271) tadelt Wiese die damaligen Frankfurter Schulverhältnisse, sagt aber nichts gegen das Philantropin, von dem er nur kurz bemerkt: „Zu den Eigentümlichkeiten des Frankfurter Schulwesens gehört das Bestehen von zwei jüdischen Realschulen, einer Real- und Volksschule des Philantropinums und einer andern, in: Gegensatz dazu von von den altgläubigen Juden errichteten. Mein Weg dahin nötigt rnich jedesmal durch die von Goethe beschriebene enge Judengasse zu gehen, die seitdem nicht anziehender geworden war." Wiese, der allergetreueste Schildknappe des Ministers von Mühler, erwähnt auf Seite 303 seiner Schrift die Gründe, weshalb 1867 noch christliche Schüler eine Berechtigung auf dem Philantropin überhaupt nicht erwerben konnten, nämlich, weil der Lehrplan für sie keinen Religionsunterricht enthält und „weil sie ferner nicht sechs, sondern nur fünf Schultage in der Woche haben, da am Synnabend in dieser jüdischen Schule nicht unterrichtet wird. Nach einigen Jahren verlangten die freisinnigen Frankfurter Beseitigung des die christlichen Schüler betreffenden Vorbehalts. Der Minister von Mühler konnte nicht anders als ihre unberechtigte Forderung zurückweisen. Daraus wandten') sie sich an den Fürsten Bismarck, und 1871 gab dieser durch das Reichskanzleramt dem Minister die Weisung, gedachte Beschränkung aufzüheben, was denn auch geschah." Soweit Herr Wiese, der unter Raumer und Bethmann-Hollweg als Kultusministern jeder jüdischen Lehrkraft die Möglichkeit abgeschnitten hatte, an einer deutschen höheren Lehranstalt zu unterrichten. Liest man die gehässigen 'Ausführungen dieses Mannes, der ein halbes Menschenalter das *) Wiese irrt. Die Aufhebung der Beschränkung erfolgte nach der Interpellation Sonnemann am 25. April 1871.

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