Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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MW — lös -- ' - - V „Ah," Pfiff Krafft durch die Zähne. „Hat Ihr Herr Schwiegerpapa nicht Wort gehalten?" „Gewiß, auf die nobelste Weise; aber es langt eben nicht." „Dann ersuchen Sie doch den Schwiegervater um Zuschuß." „Das möchte ich vorläufig noch nicht. Der Mann hat eine ganz verfluchte Manier, einen auszufragen, und ich kann ihm doch nicht sagen, daß Eure liebenswürdige Gesellschaft so kostspielig ist. Wissen Sie mir Leinen Rat, mein Einkonn.nen, meine Zinsen zu vergrößern? Sie sind ja so etwas an einer Bank." Herr von Krafft, der einen Direktorposten an einer jüngst gegründeten Kolonialbank bekleidete, fragte ihn: „Wie haben Sie Ihr Vermögen denn angelegt?" „Mein Schwiegervater bot mir an, mein Geld zu verwalten und garantierte mir dann fünf Prozent Zinsen. Da ich dies jedoch nicht wünschte, kaufte er mir sichere Staatspapiere, die mir drei bis dreieinhalb Prozent bringen." „Das ist zu wenig. Sie müssen Ihr Geld anders anlegen." „Ich will aber sicher gehen, nicht spekulieren." „Ich Pflichte Ihnen darin bei, aber eben ist die Gelegenheit günstig." Krafft richtete sich lebhaft auf. „Ich muß leider wieder etwas von Juden sagen. Sehen Sie, die Banken, die fast alle unter jüdischer Aegide existieren, sind sicher, verdienen viel Geld, aber nicht für die Aktionäre Wir haben Gesellschaften, die ganz ohne Juden sind, die ihren Verdienst in der Tat den Aktionären zukommen lassen, anstatt den Direktoren und Aussichtsräten fürstliche Tantiemen zu zahlen. Dort legen Sie Ihr Geld an, dort verdienen Sie bis zu zehn Prozent und brauchen sich nicht bei jeder Pulle Sekt, die Sie mit der kleinen Cora trinken, zu fragen, ob es auch die Mittel Ihres Schwiegervaters erlauben." „Hören Sie einmal, ich traue der Sache nicht recht. Alle judenreinen Banken sind bis jetzt verkracht." „Das war früher, als wir das Geschäft noch nicht kannten. Jetzt sind wir jüdischer als die Juden. Ich nenne Ihnen beispielsweise die Glaustädter Bank, die, ganz ohne Juden, fest wie ein Fels dasteht. Kausen Sie Aktien von dieser Bank und Sie verdreifachen Ihr Einkommen." „Würden Sie selbst diese Papiere nehmen? „Besuchen Sie mich und ich zeige Ihnen, daß ich den größten Teil meines Vermögens darin angelegt habe." „Nun, dann kaufen Sie mir, aber bald, denn ich brauche Geld." „Gut," sagte Krafft phlegmatisch und notierte sich den Auftrag in einem kleinen Büchelchen. „Nun wollen wir hinüber gehen," fuhr Krafft fort, schob seinen Arm in den Hugos, und die Herren begaben sich in ein anderes Zimmer, aus den: ihnen Stimmengewirr und Glaserklingen entgegentönte. (Fortsetzung folgt.) Lltrrsrllchr Mittrilungm. — Ein alter Freund tritt im neuen Gewände vor uns hin und wir begrüßen ihn mit herzlicher Freude. Die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", die Zacharias Frankel einst begründet, die Prof. Graetz und Dr. P. F. Frankl nach dessen Tode fortgesetzt, die dann später Prof. David Kaufmann und Dr. M. Brann zusammen herausgegeben und die nun der letztere allein leitet, ist jetzt das Organ der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" geworden. In den Zielen und Aufgaben der Zeitschrift tritt dadurch eine Aenderung nicht ein. Sie wird nach wie vor einzig daraus bedacht sein, die Wissenschaft des Judentums in streng wissenschaftlichem Geiste zu pflegen und zu fördern. Nur die äußere Ausstattung ist eine bessere und der Umfang eines jeden Heftes soll ein stärkerer sein. Das erste Heft des neuen Jahrgangs , wird durch den glänzenden Vortrag von Prof. Hermann Cohen eingeleitet, den wir bereits in dem Bericht über die Generalversammlung der Gesellschaft besprochen haben.. Es folgten ein Aussatz von Prof. Dr. Gustav Bauch über den Unterricht des Hebräischen in Wittenberg, sodann eine interessante Biographie von! Dr. Philipp Bloch über Heinrich Graetz, schließlich eine bemerkens-! werte Zeitschristen-Revue von Dr. Ludwig Levh, die fortgesetzt j werden soll; ebenso wird in jedem Quartal eine systematisch geordnete > bibliographische Uebersicht über die einschlägige .neuere Literatur I gegeben werden. Hoffentlich erwirbt sich die Monatsschrift zu den! alten auch viele neue Freunde und Leser, damit es ihr gelingt, die Teilnahme der wissenschaftlichen und der gebildeten Kreise für das Judentum und seine Wissenschaft zu erwecken und zu beleben. Aus der ziemlich stark angewachsenen Literatur über die Massakres von Kischinew ist eine soeben erschienene Schrift von Siegmund Berget: „Kischinew und die Lage der Juden in Rußland", (Berlin 1904. Max Cohn) mit besonderer Anerkennung zu erwähnen. Der Autor war selbst bald nach den Unruhen an Ort und Stelle und hat dort Land und Leute sowie die Verhältnisse genau kennen gelernt. In ruhiger und sachlicher Weise, so objektiv, j als es unter den gegebenen Verhältnissen möglich, mit eminenter j Sachkenntnis und feiner Beobachtungsgabe schildert der Verfasser in! sehr fesselnder Darstellung, nachdem er zunächst die Vorgeschichte der j Juden in Rußland gegeben, die Lage der Inden nach der gegen-; würdigen Gesetzgebung seit Mai 1882. Viele neue Daten find in z diese Darstellung verwebt, die nicht verfehlen werden, großes Aufi sehen zu erregen. Die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind, ergeben sich von selbst. Nach den Ereignissen in Kischinew wurde Herr Bergel von der Großloge des U. O. B. B. und vom Hilfsverein der deutschen Juden mit der Mission betraut, das Hilfswerk in Kischinew zu leiten. Er hat diese sehr schwierige Aufgabe in einer Weise durchgeführt, die die höchste Anerkennung verdient. Der i Bericht, den er darüber abgegeben, bildet den Hauptteil feiner Schrift, j Er behält dauerndes kulturgeschichtliches Interesse und wird einmal j eine wertvolle Quelle für den Historiker sein, der daraus die Ver- -! hältnisse und Vorgänge besser kennen lernen wird, als aus allen anderen j Schriften und Berichten der einschlägigen Literatur. Aber als ein i praktischer Mann begnügt sich der Autor nicht bloß mit der Schilj derung der traurigen Ereignisse. Er machte auch positive Vorschläge j für ein dauerndes Hilfswerk und zwar solche, die nicht auf Utopien sich gründen, sondern realen Hintergrund haben und durchführbar sind. Wir empfehlen die lesenswerte Schrift allen, die sich für die Lage unserer unglücklichen Glaubensbrüder im Osten interessieren, auf das Wärmste. Hermanns Heijermans fr.: Sabbat. Eine Studie. Einzig autorisierte, nach dem Manuskript hergesteltte Uebersetzung von R. Rüben. Bruno Feigenspann, Pößneck i. Thür. 1904. Das neueste Werk des bekannten holländischen Schriftstellers Heijermans „Sabbat", übersetzt von R. Rüben, ist soeben erschienen. Es zeichnet sich, wie alle Schöpfungen dieses Dichters — man erinnere sich nur an seine „Ausgewählte Falkland-Skizzen" und „Interieurs" — durch eine ungewöhnliche Behandlung des Stoffes und durch eine spannende! Schreibweise aus. Im Mittelpunkt der kulturhistorischen Studie steht das Leben und Treiben des Amsterdamer Judenviertels. Mit plastischer Schärfe treten die Typen jener Bewohner vor den Geist des Lesers. Die eingehende Beobachtung und mehr noch die meisterhafte Wiedergabe des jüdischen Familienlebens ist bewundernswert. Mit stark hervortretender Tendenz weiß der Schriftsteller das alte orthodoxe Judentimt äußerst naturgetreu zu treffen. Wer einmal ganz in diese Gesellschaft, in die kein Körnlein duftiger Frühlingsluft hineinweht, schauen will, der wird und muß nach Heijermans „Sabbat" greifen. Mit dieser Lektüre wird er am besten auf seine Rechnung kommen. Das Werk ist gewiß eine scharfe, dabei äußerst interessante Studie-in dieser Hinsicht. Für die Erklärung der zahlreichen Ausdrücke des Judendeutfch, die in der Erzählung Vorkommen, ist am Schluffe dankenswerter Weise ein allerdings nicht immer korrektes und zuverlässiges verdeutschendes Verzeichnis gebracht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.