Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die junge Frau erfüllte ihr;e gesellschaftlichen Pflichtentadellos. Sie hatte sichin ihre neue Stellung ganz hineingelebt. ' Eine herzlichere Aussprache mit ihrem Mann fand nicht statt, jedes schien einer solchen auszuweichen. An den wenigen Abenden, wo sie keinen gesellschaftlichen Pflichten Zu genügen hatten, war Erna abgespannt und blieb gern zu Hause, während Hugo Verabredungen mit Freunden hatte, denen er sich nicht entziehen konnte. Wenn er dann zu später Stunde heim kam, schien seine Frau zu schlafen, und er hütete sich, sie zu wecken. Heinrich führte ein flottes Studentenleben. Er besucht seine Schwester häufig, meistens in den Mittagsstunden, wo er seinen Schwager selten antraf. Wenn er ihn sah, wurde er von ihm auf die freundlichste Weise eingeladen, seine Abendgesellschaften zu besuchen, was Heinrich immer bestimmt ausschlug. „Ich langweile mich in Euren steifen Soireen," sagte er, und Hugo mußte den Grund gelten lassen. Die Taufe seiner Schwester betrachtete er als die notwendige Folge des ersten Schrittes. Die Aufforderung seines. Schwagers, ebenfalls überzutreten, beantwortete er mit einer ganz gesunden Grobheit. Heinrich studierte Jura und Nationalökonomie, er hielt es aber für seine Pflicht, sich nicht durch allzueifriges Studium auszureiben. Er war ein eifriges Mitglied der freien wissenschaftlichen Vereinigung und wirkte mit Feuereifer, wenn auch ohne Erfolg, für die Gleichstellung der Juden in der Berliner Studentenschaft. Er hatte viele Freunde, schloß sich niemals aus, und ging oft später zu Bett, als seine Mutter ahnte. — Es war ganz abscheuliches Wetter. Der Sturm schleuderte die Regenschauer in kurzen Stößen gegen die Scheiben, sodaß es im gemütlich erwärmten und erhellten Zimmer doppelt heimisch war, Hugo schob seinen Teller zurück und stand mit einem Seufzer der Behaglichkeit auf. Erncn hielt ihn mit einer bittenden Geberde fest. „Nun Kind, Du befiehlst?" „Hugo, bitte, bleibe heute bei mir; ich bin immer so allein." „Aber Närrchen," sagte er, sie am Kinn fassend, „ich bin doch sonst immer bei Dir, was ficht denn heute an?" „Ach.Hugo, am Tage bist. Du. im Bureau,. abends sind wir in Gesellschaft, und wenn wir keine Verabredung haben, gehst Du allein aus und kommst zu später Stunde-zurück. Ich schlafe ja nicht, wie Du zu glauben scheinst." Sie umfaßte ihn und weinte. Er machte ein unbehagliches Gesicht. „Aber Liebchen, rege Dich doch nicht auf. Es geht eben in meiner Stellung nicht anders, ich muß den Verkehr mit meinen ^Freunden kultivieren, und die Stunden, die ich der politischen Tätigkeit zu widmen habe, so wie heute Abend, sind sehr wichtig. Wir können eben nicht wie Philemon und Baucis leben." „Ich will doch nichts Unbilliges verlangen. Aber sieh', Hugo, ich habe doch nur Dich, mein Bruder verläßt ja bald Berlin. Ich will Dir Dein Heim so gemütlich machen, wie Du es Dir als Bräutigam immer ausgemalt, ich lese Dirvor" . . . - - > Er lachte auf. ' „. . . und dann ziehe ich Schlafrock und Pantoffeln an, Grete holt Dir eine geblümte Nachtjacke und eine Haube mit großen Bändern." Sie mußte unwillkürlich lachen. - -.Nein Erna, das darfst Du nicht verlangen. In unfern Klubs sind manche jung''verheiratete Ehemänner; keiner bleibt zu Hause. Lasse Dir Mama oder Liska kommen, wenn Du Dich langweilst." . ' „Hugo, ich fühle mich wirklich nicht wohl, bleibe bei mir. Du mein Gott" — sagte sie, die Hände zusammenschlagend — „wie öde wird das lange, lange Leben sein, wenn Du mich innner bei den mir feindlichen Menschen allein läßt!" Er stand hastig ans. „Liebes Kind, Szenen sind mir ein Gräuel, ich lasse Dich deshalb jetzt allein. Ich muß in der Tat fort, zu einer wichtigen Besprechung habe ich mich für heute Abend fest verpflichtet. Gute Nacht." Und fort war er. Erna aber sank ins Sofa zurück und weinte bitterlich vor sich hin., - Kapitel 21. - " In einer feinen Weinkneipe riß der Portier dienstbeflissen die Tür auf, als Hugo nahte. Er nickte nachlässig und ging die teppichbelegte Treppe hinauf. Auf der Tür des Korridorabschlusses glänzte ein Messingschild mit der Aufschrift „geschlossene Gesellschaft". Ein Diener in einfacher schwarzer Livree öffnete und Hugo trat ein. In dem Biblioth'ekzimmer traf er einen Herrn, der die Zeitung weglegte und Hugos Gruß mit nachlässiger Freundlichkeit erwiderte. Dieser Herr hatte einen sehr schneidigen rötlichen Schnurrbart, einige wenige Haarstreisen sorgsam auf.dem sonst kahlen Schädel geordnet, so-daß es nach etwas aussah, und trug ein Monocle. Hugo setzte sich schweigend neben ihn und trommelte mit dem Finger auf den Tisch. ' „Sie scheinen etwas verstimmt, lieber Rode, ist etwas passiert?" „Meine Frau beklagt sich, daß ich sie vernachlässige, und sie hat auch, weiß Gott,, recht. Ich lasse sie zu viel allein." . „Aber das kann Ihnen doch keine Gewissensbisse verursachen, wir bleiben doch auch selten bei unseren Frauen daheim." „Daß wohl, aber Eure Frauen haben Kinder, Verwandte, sind schließlich froh, wenn sie. Euch einmal los sind. Aber meine Frau hat nur mich, sie schließt sich so schwer an andere an." „Ja, lieber Rode,, dann muh Ihre Frau Gemahlin sich eben mehr zu. den anderen herablassen. Sie verkehrt ja mit Ihrer Frau Mama und Fräulein Schwester sehr förmlich; meine Frau und alle Damen würden ja mit Vergnügen innigere Beziehungen anbahNen, dies scheitert aber an dem passiven Widerstand Ihrer Frau Gemahlin." „Weil es die Damen alseinen Sport betrachten, bei meiner Frau so viel über Juden zu reden. Wissen Sie, lieber Krafft, was meine Iran behauptet?" fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, „verbietet einmal den Damen das Sticheln über Juden und Jüdinnen, dann können sie den Mund nur noch zum Konfektessen öffnen." Krafft biß sich auf die Lippen. Nun ja, wenn Ihre Frau Gemahlin so empfindlich wie eine Mimose ist, muß sie sich auch wie eine solche zurückziehen. Aber brechen Sie jetzt auch Lanzen für die Juden?" „Ich liebe sie so wenig wie Sie, obgleich ich wahrlich keinen Grund zum Hasse habe. — Ich habe aber andere Sorgen, , die ich Ihnen als "meinem Freund anvertrauen darf. Mein Einkommen reicht nicht mehr."