Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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68. Jahrgang. No. 9. Berlin, 26. Februar W»4. Beilage zur „Allgemeinen Leitung i>eß Judentums" LorrelpondrnHM und Machrichten. Deutschland. 8. Berlin, 22. Februar. Der „Centrat-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hielt heute in: Saale der Gesellschaft der Freunde unter sehr großer Beteiligung seine diesjährige ordentliche Mitgliederversammlung ab. Einleitend sprach Herr Konsul AM. Simon aus Hannover, der verdienstvolle Begründer des Ahlemer Instituts, über: „Die Erziehung zur ^Bodenkultur und zun: Handwerk, eine soziale Frage". Der Redner verfolgte in fesselnder Weise und unter lebhaftem Beifall der Versammlung dieses eminent wichtige Thema bis in alle Einzelheiten, er wog die Chancen ab, welche die Landwirtschaft, und zwar speziell die verschiedenen Zweige des Gartenbaus gegenüber den anderen Bernsen bieten, und kam zu dem Schlüsse, daß es aus hygienischen und ökononiischen Gründen notwendig sei, daß die Juden in weit größerer Zahl als bisher dem Handwerk und) der Bodenkultur sich wieder zuwenden. Nach ausführlicher Darlegung der Erziehungsprinzipien, welche die Ahlemer Anstalt verfolgt, mahnte er ernstlich unsere Glaubensgenossen, in ihren Wohltätigkeitsbestrebungen nicht nur das Herz, sondern auch den Kopf sprechen zu lassen, rationell und denkend vorzugehen und verwies besonders ans den großer: Wert, welchen die Erziehung zur Bodenkultur und Landwirtschaft für die russischen und galizischen Juden haben muß. Alsdann erstattete, wie üblich, der Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, den Jahresbericht. Nach einem warmen Nachruf, den er den verstorbener: verdienstvollen Mitgliedern des Vereins widmete, berichtete er, daß die Zahl der Einzelmitglieder im verflossenen Jahr rrm nrehr als 2000 zugenomrrren hat, etwa 500 davon sind der Tätigkeit der Bnai Brith-Loger: zu verdanken, welche die Förderung der Ziele des Vereins ihren Mitgliedern empfohlen haben. In den Vorstand des Vereins sind drei neue Mitglieder kooptiert worden: Rechtsanwalt Samson-Harnburg, Wilhelm Wolfs-Hamburg, Rechsanwalt Dr. Waldstein-Altona, in die Rechtsschutzkommission ist noch Gerichtsassessor Dr. Rosenberg- Berlin gewählt worden. Die gesteigerte Tätigkeit des Vereins beweist aufs beste die Zahl der Eingänge, welche noch im Jahre 1899 nur 4800 pro Jahr betragen haben und jetzt bis ans 8600 gestiegen sind, die Zeitschrift des Vereins hat jetzt zu Beginn ihres zehnten Jahrganges das Fünffache der Exemplarzahl zu versenden als zur Zeit ihrer Begründung. Der Hauptteil der Tätigkeit des Vereins erstreckte sich naturgemäß auf den Rechtsschutz; hier gab es leider reichliche Arbeit zu leisten, doch sind auch wesentliche Erfolge zu verzeichnen gewesen, die der Redner im einzelnen aufführt. Auch die Parteiverhaltnisse in den Parlamenten zog er in den Nahmen seines Berichts und hob besonders hervor, daß bei der demnächst anstehenden Wahl in Eschwege-Schmalkalden der wegen ihrer antisemitischen Unterströmungen verdächtigen Freisinnigen Volkspartei die Gelegenheit geboten sei, zu zeigen, ob sie bei aller politischen Abneigung gegen die Sozialdemokratie bereit sei, das ihrige zur Verhinderung der Wahl des ausgestellten Antisemiten zu tun. Er schloß unter lebhaften: Beifall mit der Versicherung, daß der Verein sortsahren werde, den: Ziele nachzustreben, daß alle Juden sich mit den Ideen des Vereins erfüllen, daß dann die imposante Macht der Juden sich ihr Recht dort verschaffen werde, wo es ihnen bisher verkümmert worden sei, Die auf der Tagesordnung stehenden Formalien fanden schnelle Erledigung. Nach einem kurzen Revisionsbericht wurde den: Schatzmeister Decharge erteilt. Der Antrag der Ortsgruppe Hamburg, den Vorstand zu beauftragen, zu erwägen, in welcher Weise neben die Mitgliederversammlung eine Delegiertenversammlung zu setzen sei, um entsprechende Anträge der Generalversammlung des Jahres 1905 zu unterbreiten, wurde nach Befürwortung des Herrn Rechtsanwalt Dr. Löbinson debattelos angenommen. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes wurden sämtlich durch Zuruf wiedergewählt. Herr Freymark sprach im Namen der Mitglieder den: Vereinsvorstand für seine mühselige und verdienstvolle Tätigkeit den Dank aus. Eine anderthalbstündige sehr angeregte und anregende Diskussion über die in den: einleitenden Vortrage erörterte soziale Frage beschloß den heutigen Abend; sie hatte, wenn auch die Redner sich nicht in allen Einzelheiten mit den: Referenten einverstanden erklärten, das Resultat, daß niemand dem Kernpunkt widersprach, alle Kräfte daran zu setzen, die Heranwachsende jüdische Jugend, soweit sie dazu veranlagt ist, mehr und nrehr den: Ackerbau und dem Handwerk zuzusühren. — Berlin, 19. Februar. Au: Mittwoch abend winde Geheimer Baurat Rathenau, Generaldirektor der Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft durch einen mehrstündigen Besuch des Kaisers ausgezeichnet. In der Privatwohnung Rathenaus hatten sich die Minister Freiherr v. Rheinbaben, v. Härnmerstein, v. Podbielski, Dr. Studt, Budde, Möller, die Staatssekretäre Kraetke, Graf Posadowsky-Wehner und Hollmann,- Generaloberst v. Hahnke, Konuuerzienrat Loewe, die Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft Dr. Walter Rathenau und Karl Fürstenberg, und zahlreiche höhere Offiziere der Armee und Ntarine versammelt, als der Kaiser, von Generaldirektor Rathenau im Vestibül empfange::, un: 8 Nhr erschien. Zunächst hörte er einen längeren Vortrag Prof. Klingenbergs über Dampfturbinen und ihre Zukunft. Der Kaiser nahm dann den Tee und einen kalten Imbiß bei Generaldirektor Rathenau und verweilte bis gegen 12 Uhr in angeregter Unterhaltung, in die er zahlreiche : der Anwesenden, darunter auch Herrn Dr. Walter Rathenau, zog. s. Berlin, 19. Februar. Der Verein zur Unterstützung jüdischer Schüler, früher Jüdischer Studienbeförderungs-Verein - Chebrat Bachurim, der im Jahre 1846 begründet wurde, hat feine Statuten zeitgemäß umgearbeitet. Der Verein hat naturgemäß in:! Laufe der letzten Jahrzehnte viele seiner Mitglieder durch den Tod! verloren und wegen ungenügender Propaganda bisher keinen Ersatz! für den erheblichen Ausfall an Beiträgen gesunden. Die Mittel; reichen daher durchaus nicht mehr aus, um den Zwecken des Vereins! gerecht zu werden. Das Weiterbestehen des Vereins erscheint aber dringend geboten in: Hinblick auf die zahlreichen Untersti'chuugsgesuche. Es soll dabei ausdrücklich betont werden, daß der Verein keinen mittelmäßig begabten Schülern beisteht, sondern nur den für das Studiun: besonders Befähigten. Dadurch füllt er eine Lücke in den Wohltätigkeitsbestrebungen unserer Gen:eii:de ans, inden: er an j solchen jungen Leuten, die sich zu Religionslehrer:: oder Rabbinern! ausbilden wollen, die zu den vorbereitenden Studien erforderlichen - Mittel gewährt. Durch diesen Verein ist schon eine Anzahl von hervorragenden Gelehrten der Wissenschaft gewonnen worden. Mögen deshalb alle Mitglieder der Gemeinde dem Verein in seinen edlen Bestrebungen beistehen und durch die Erklärung ihres Beitritts denselben vor einer Auslösung bewahren. Es wäre das im Interesse der Sache, die der Verein seit mehr als einem halben Jahrhundert vertritt, sehr zu beklagen. Aber wir hoffen zuversichtlich, daß die Eventualität nicht eintreten, sondern daß eine gute Propaganda dem Verein eine große Anzahl von neuen Mitgliedern und Gönnern zusühren wird. Der Vorstand besteht aus den Herren: Geh. Sanitätsrat Dr. I. Blumenthal (Viktoriastraße 31); Dr. Holzmann, Semiuardirektor; Dr. Gustav Karpeles; Julius Magnus, Rechtsanwalt; Dr. Leopold Feilchenfeld; M. Hanff, Lehrer und den Herren S. Sachs und A. Kirschstein. g. Berlin, 21. Februar. An: 9. v. M. hielt die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zuBerlin" eine außerordentliche Ge::eralversa:nn:lu::g ab. Nachdem zwei neue Mitglieder ausgenommen waren, teilte der Vorsitzende mit, daß zu Ostern eine neue, die 3. Auflage der „Biblischen Erzählungen von Auerbach, kleine Ausgabe" nötig sei. Er bittet die Kollegen, etwaige Ausstellungen und Abänderungsvorschläge, die sich ihnen als wünschenswert herausgestellt hätten, der Kommission, bestehend aus den Herren: städtischer Lehrer und Dirigenten . der 6. Religionsfchnle