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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 verläßt den Saal. Landgerichtsrat Lo.ewe teilt die interessante Tatsache mit, daß sür die Synagoge Kaiserstraße bei ihrer Errichtung vorläufig das alte Gebetbuch zur Verwendung gelangte, daß aber der Gemeindebeschluß dahin lautete, die Kaiserstraßen-Shnagoge definitiv.mit dem Ritus einer neuen Synagoge und mit Orgel einzurichten. lieber diesen Beschluß sei man später bei der Errichtung der Synagoge Oranienbnrgerstraße stillschweigend hinweg gegangen und habe in der Kaiserstraße einen etwas reformierten Gottesdienst eingesührt. Ein Schlußantrag wird wiederum abgelehnt. Erst nachdem noch Herr Berthold Israel einen feierlichen Gottesdienst ohne Orgel wohl sür möglich erklärt hatte, falls man die geeigneten Rabbiner und Kantoren anstelle, wird ein erneuter Schlußantrag mit großer Majorität angenommen. Der Referent Professor Geiger empfiehlt in seinen: Schlußwort noch ganz kurz den Antrag des Ausschusses, dessen Nichtannahme trotz der Genehmigung durch beide Ausschüsse, wie er hinzufügt, ein seltsames Schauspiel sein würde. Ans" Antrag der Herren Louis Sachs, Geiger und Blaschkc ist die Abstimmung eine namentliche; auf Antrag. S a ch s erfolgt sie auch für die Orgel und für den Ritus getrennt. Herr Martin Simon weist noch daraus hin, daß die Vorlage für den Gemeindevorstand eine untrennbare sei. Bei der Abstimmung stinunen gegen die Orgel die Konservativen: Bodenstein, Hirsch, Professor Landau, Israel, Sieskind, Löwenberg, Geheimer Rat Blumenthal, Dr. Ignatz Cohn; für die Orgel die Liberalen- Professor Blaschke, Professor Geiger, Manheimer, Louis Sachs, Kommerzienrat Friedländer, Adolph Mayer, Stadtrat Dr. Weigert und Dr. Minden. Das Ergebnis war also 8 gegen 8 Stimmen, die Stimme des konservativen Vorsitzenden gab inithin den Ausschlag und so wurde die Orgel abgelehnt. Für den für die Rhkestraße vorgeschlagenen Ritus Kaiserstraße stimmten nur die acht Konservativen, während sich die Liberalen absichtlich an der Abstimmung nicht mehr beteiligten. Die Abstimmung kann wohl nicht anders als geradezu kläglich bezeichnet werden. Unserer Ansicht nach hätte der Vorsitzende bei einer so wichtigen Vorlage auf fein Recht verzichten sollen, durch seine Stimme den Ausschlag zu geben und die Versammlung dadurch zu majorisieren. Die heutige Debatte wird jedoch nicht so bald aus dem Gedächtnis der Gemeindemitglieder schwinden und noch zu häufigen und für die „siegreiche" Partei . recht unliebsamen Erörterungen Veranlassung geben. Aus den sonstigen Verhandlungen erwähnen wir nur folgende Punkte: Der Vorsitzende Geheimrat Blumeuthat eröfinete die Sitzung mit einen: warnlempfundenei: Nachruf auf den verstorbenen Repräsentanten Imanuel Sachs, er bringt ferner ein Dankschreiben des Herrn Julius Oppenheim auf den ihn: gesandten Glücknnmsch zun: Geburtstag zur Kenntnis sowie eine Beschwerde eines Gemeindemitgliedes über die allzu lange Schließung der Synagoge Kaiserstraße. Der Vorsitzende teilt in: Anschluß daran mit, daß die Kaiserstraßen-Synagoge bereits an: nächsten Sonnabend wieder eröffnet werden wird. Der bisherige Stellvertreter Julius Bodenstein ist nun definitiv als Repräsentant einbernfen. Seine Wahl in den Ausschuß I, in die Waisen-Konnnission und Sübventionskommission wird bestätigt wie auch diejenige des Herrn Loewenberg in den Ausschuß III. — Der in der vorigen Sitzung bereits verlesene Antrag Blaschke und Genossen betr. Abhaltung von Gottesdienst in den Religionsschuleu wurde mit einer kleinen Aenderuug nach einer kurzen Begründung des genannten Antragstellers angenommen. Der bisher rein theoretisch ausgenbte Unterrichtsgegenstand soll nunmehr praktisch durchzuführen versucht werden. Die Satzungen für die Synagogenvorstände werden auch in zweiter Lesung en bloe angenonunen. Ein Antrag des Herrn Israel, daß dem Shnagogenvorsitzenden zwei Stellvertreter (bisher einer) beigegeben werden, wird ebenfalls genehmigt. Zur Reparatur der Orgel in der neuen Synagoge und zur Einrichtung elektrischen Bälgebetriebes werden 4000 Mark bewilligt. Der Rechnungsabschluß der Neuen Synagoge wie derjenige der Waisenkommission, welcher einen Minderverbrauch von 1094,93 Mark ergeben hat, werden dechargiert. Alsdann folgt die große Vorlage über den Kultus Rhkestraße, mit deren Erledigung die Sitzung schloß. Lin Schuljudrlsum. Berlin, im Januar, in sür das Schul- und Lnterrichtswesen unserer Berliner Gemeinde wichtiger Gedenktag ist nach außen hin fast spurlos vorübergegangen. Am 4. Januar d. I. wären es fünfzig Jahre her, seit die jetzige erste und bis vor 18 Jahren einzige Religionsschule der hiesigen jüdischen Gemeinde besteht. Nach langen vorhergegangenen heftigen Kämpfen beschlossen die Gemeindehörden im Jahre 1853 besonders auf Anregung und durch , die Energie der Dr. Michael Sachs und Dr. Moritz Veit die Errichtung einer Religionsschule, zu deren Dirigenten am 9. November 1853 der gelehrte und trotz seines verhältnismäßig jugendlichen Alters als Pädagoge bereits bewährte Dr. David Rosin gewählt wurde. Dieser eröffnete am 4. Januar 1854 die Schule mit 71 Zöglingen (43 Knaben und 28 Mädchen), und unter seiner Leitung erhob sich die Anstalt bald zu bedeutendem Ansehen und zu einer unentbehrlicher: Einrichtung unserer Gemeinde. Als Rosin 1866 einem Rufe an das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau Folge, leistete, übernahm der spätere Direktor des Philantropins Dr. Hermann Baerwald die interimistische Leitung der Schule, zu deren Dirigenten dann Ostern 1867 Dr. Moritz Kirschstein berufen wurde. Rosin und Kirschstein waren es, welche dieser Schule ihr jetziges Gepräge aufgedrückt haben. Und wenn später, nachdenr diese Schule mehr als drei Jahrzehnte lang die einzige Reli-! gionsschule der größten Genreinde Deutschlands gewesen, die Errichtung neuer Anstalten so leicht von statten ging, so war es deswegen, weil diese Schule ihren jüngeren Schwestern in Bezug auf Lehrplan rrnd Einrichtungen als Muster und Beispiel dienen konnte. Da der Schul- und Talrnud-Tora-Vorstand von einer Feier des Jubiläums in rveiterem Rahmen Abstand genommen wissen wollte, wurde diese mit der an: Ende des 50. Schuljahrs (20. Dezember 1903) stattgehabten Ehanukahfeier der Schule im engen Kreise der Schüler und deren Eltern vereinigt und in der Aula der 21.'24. Gemeindeschüte abgehälten. Nach gesanglichen und deklamatorischen Vorträgen von seiten einer Anzahl von Schülern rrnd Schülerinnen nahm der jetzige Leiter der Anstalt, Herr I. Marcuse, zu einer eindringlichen Ansprache das Wort, in welcher er die beider: Bedeutungen der Doppelfeier zu vereinigen verstand. „Scheinbar," so führte er arrs, „haben diese beiden Anlässe nichts rniteiuander gemein; dort Schwert rrnd Lanze, blutiger glorreicher Sieg und unvergleichlicher Kriegsruhrrr — hier friedliches, stilles Schaffen an Geist rrnd Seele der Jugend an ihrer religiös sittlichen Erziehrrng. Und doch sind sie beide eng rrriteinander verknüpft." Nachdem Redner für die Bedeutung der Ehanukahfeier die Psälrnworte Psalrrr 129, Vers 1—4 zu gründe gelegt hatte, wies er darauf hin, daß an diesem Feste wir alljährlich nicht nur die Siege auf den Schlachtfeldern von Bethroon, Errrrrraus und Betzur feiern, sondern alle die zahllosen Kämpfe, die unsere Vorfahren seit jenen: ersten gegen uns) geführten Religionszwange lange Jahrhunderte hindurch mit williger Einsetzung aller ihrer Lebensgüter, ja, des Lebens selbst sür die väterliche Religion geführt haben. Daß sie diese Kümpfe durchgeführt haben, daß sie, die scheinbar Besiegten ihre Besieger überdauerten, dazu verhalf ihnen der Gottesgeist, der nach dem Prophetenworte über sie ausgegossen war. Diesen Gottesgeist in unserer Gemeinschaft lebendig zu erhalten, ihn in die Herzen der Heranwachsenden

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