Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228587--60543-3274316
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

54 geben wollen, ob die Subventionen den Vereinen nach Errichtung einer orgelfreien Synagoge genommen werden könnten. Es gebe doch wohl keinen größeren Widerspruch, als daß. einerseits die Synagoge nach dem »Wünsche, der Vereine eingerichtet werden solle, andererseits aber "die Vertreter der Vereine sagen, daß die Vereine nicht entbehrlich werden würden. Betreffs des Standpunktes der Billigkeit solle man doch daran denken, daß^die wenigen hundert Manschen, die gegen die Orgel Bedenken hätten, auch Frauen, Söhne und Töchter hätten, für die in gottesdienstlicher Beziehung gesorgt werden müsse, daß die heutige Jugend in der Synagoge eine Orgel, einen Chor haben wolle. (Lebhafter Beifall.) Gemeindevorsteher Iacoby appelliert dringend an das Gerechtigkeitsgefühl der Konservativen, etwa 10 Prozent der Synagogenbesucher durch die Streichung der Orgel zufriedenzustellen und 90 Prozent die Orgel, die sie wünschen, zu verweigern. Die Folgen, die daraus entständen, hätten nur die Repräsentanten zu tragen, die sich gegen die Orgel erklären. Rechtsanwalt Ignatz Cohn ist der Ansicht, daß man sich nach den Reden der liberalen Repräsentanten und der Gemeindevorsteher wundern müsse, daß das Judentum überhaupt habe bis zur Einführung der Orgel bestehen können. Es sei der Orgelsrage ein Ansehen gegeben worden, das die Sache gar nicht verdiene. Die ganze Vorlage hätte überhaupt nicht in der vorliegenden Breite ausgearbeitet werden brauchen, weil für die Konservativen gar nicht die Frage zu erörtern sei, ob vom religionsgesetzlichen Standpunkt etwas gegen die Orgel eingewendet werden könne. Autzerhalb.des Saales habe man gern die Gelegenheit ergriffen, um die Wähler insofern irre zu führen, als man den Konservativen in schriftlichen Ergüssen (gemeint find die Mitteilungen des'„Liberalen Vereins". Anm.d.Red.) untergeschoben habe, prinzipielle Gegner der Orgel zu sein, indem man die Konservativen verleumdet habe, daß sie alles rückwärts redigieren und konservative Liebhabereien einsühren wollen. Dagegen müsse er protestieren. Es sei den Konservativen gar nicht eingefallen, ans der Vorlage eine Prinzipiensache zu machen. Die Konservativen hätten gar nicht dokumentieren wollen, daß sie Gegner der Orgel seien; er glaube sagar das Gegenteil versichern zu können (!!). Dr. Weiße habe ganz recht getan, die religionsgesetzliche Frage außer acht zu lassen, nachdem die Frage der Zulässigkeit der Orgel längst für Berlin entschieden sei. Wenn allerdings mit einem gewissen Pathos ans die Einführung der Orgel in anderen Gemeinden hingewiesen worden sei, so habe gerade in Beuthen die Einführung der Orgel zu einer Spaltung der Gemeinde geführt. In der hiesigen Gemeinde sei der Standpunkt der Gerechtigkeit maßgebend, ob es sich empfehle, im Norden der Stadt eine Orgelsynagoge zu schaffen. Gegenüber der vom liberalen Verein veranstalteten Enquete, bei der 700 Mitglieder ihr Votum abgegeben hätten, genüge es darauf hinzuweisen, daß die kleinen Privatgemeinden im Norden allein schon 2000 Mitglieder zählen. Er (Redner) kenne aus Grund einer 15jährigen Erfahrung als Einwohner der dortigen Gegend die Stimmung der Gemeindemitglieder und wisse, daß das Gros jener heute feine Orgel haben wolle. Es müsse doch aus die regelmäßigen Besucher der Synagogen Rücksicht genounnen werden und nicht auf die nur zu den hohen Feiertagen die Synagoge frequentierenden. Die Subventionskommission habe festgestellt, daß außer in den kleinen Gemeinden noch 4—5000 Menschen in den Synagogen der Privatunternehmer untergebracht worden seien. Selbst wenn die Synagoge auch ohne Orgel erbaut würde, so könnten die kleinen Gemeinden nicht verschwinden, weil eben noch mehr Menschen vorhanden seien, als die Synagoge fassen könne. Er sei in der Frage der Vorlage kein Konservativer, sondern ein Liberaler (lebhaftes Oho!), weil er sich sage, daß aus die Leute kein unzulässiger Gewissenszwang ausgeübt werden dürfe. Inzwischen ist der erste Schlußantrag eingelaufen. Professor Baginskh spricht für den Schluß, Louis Sachs sehr lebhaft gegen den Schluß, der auch abgelehnt wird. Landgerichtsrat Lo ewe weist das Argument zurück, daß das Judentum auch ohne Orgel bestanden habe. Es habe im Iudentume auch eine Zeit gegeben, wo Opfer veranstaltet worden seien, und diese wolle man doch wohl jetzt nicht wieder einführen. Er weist ferner darauf hin, daß der Gemeindevorstand die Frage in größter Ausführlichkeit habe behandeln müssen und laut statutarischer Verpflichtung die schriftlichen Gutachten aller Rabbiner habe einholen müssen. Die erstatteten Gutachten seien eben nur den Konservativen unbequem. Endlich bemerkt er zur Richtigstellung, daß vorläufig nur drei Vereine in Frage kämen, bei denen eine Einziehung der Subvention erfolgen könnte. Nach der Schätzung des Gemeindevorstandes kämen daher nur etwa 500 Mitglieder der Synagogenvereine als Besucher. der Rykesträße in Betracht- Pros.. Blaschke hat den Eindruck gewonnen, daß die Ausführungen Cohns nur eine Wahlrede gewesen seien; die Angriffe desselben gegen dem „Liberalen Verein" seien nicht anders als zum Fenster hinaus gesprochen. Die bei der vom Liberalen Verein veranstalten Enquete abgegebenen Voten seien dem Gemeindevorstand eingeschickt und. geprüft worden; die Stimmzettel seien nur an die bei der Frage beteiligten Gemeindemitglieder gesandt worden, die Zahl sei deshalb nicht so aus'der Luft gegriffen wie die über die Frequenz der Versammlung des Centralvereins. In scharfen Worten wendet er sich gegen die Behauptung Cohns, daß die Mitteilungen des Liberalen Vereins Verleumdungen und Insinuationen gegen die Konservativen enthalten. Herr Hirsch habe in seinen Ausführungen schwere Rätsel ausgegeben und man wisse in der Tat nicht, was dem Billigkeitsprinzip der Konservativen zu Grunde liege. Die subventionierten Gemeinden hätte,: ihre Verpflichtungen den Wählern gegenüber. Auch wenn jene sich nicht auflösen, werde es der neuer: Synagoge an Besuchern nicht fehlen. Der 15jähriger: Erfahrung Cohns wage er gar nicht die Erfahrung gegenüber zu stellen, die er (Redner) 23 Jahre hindurch als Lehrer der Schüler aus dem Norder: Berlins gemacht habe und die nur zu Gunsten der Orgelsynagoge spreche. Er habe den Eindruck, daß unter den Konservativen gar manche wissen, wie sie stimmen wollen, aber leider auch wisse::, wie sie stimmen sollen. Herr Si es kind wünscht die Orgelfrage-bis zu der: nächsten Gemeindewnhlen anfzuschieben, um die Wähler selbst entscheiden zu lasser:; die Orgel könne man jederzeit in der Synagoge errichter:. Auch Herr Louis Sachs bezeichnet es als sehr schlimm, aus gewissen Parteirücksichten gegen etwas zu stimmen, wofür man irr: Herzen sei. Es werde immer rnit Billigkeitsrücksichter: gefochten, als ob die Orgelfreunde nicht diese Rücksichten für sich ins Feld führen könnten. Dafür müsse doch ein ausreichender Beweis sein, daß bei der Enquete unter 700 abgegebenen Stimmen circa 660 für und nur einige 30 gegen die Orgel votiert hätten. Nach dieser Logik müßte die Orgel angeschafft werden, und dem Urteil der Rabbiner, welche die Verhältnisse kennen, rverde n:ar: sich wohl mehr fügen, als den: Urteil des Dr. Cohn. - Ans eine kleine Minderheit dürfe man nicht Rücksicht nehmen, sondern, man müsse der Majorität Rechnung tragen, die zweifellos für die Orgel sei. Die Orgelsrage, welche in: Vordergründe der ganzen jüdischen Bewegung stehe, werde nun von den Konservativer: als völlig bedeutungslos geschildert. Diese Frage sei so bedeutend, daß sie zuerst vor: den Konservativen durch die Einberufung einer öffentlichen Versammlung zu einer Parteifrage gemachtworden sei. Erst nachher habe sich der Liberale Verein mit der Nachprüfung befaßt und habe die Enquete verarlstaltet, die ein glänzendes Resultat für die Orgel ergeben habe. Die ganze Frage werde im Publikum wahrscheinlich so aufgefaßt werden, daß die Konservativen darunter zu leider: haben werden. Gemeindevorsteher Martin Simon macht noch auf den Punkt aufu:erksam, daß die Verwaltung bei Einrichtung eines gemischten Chores alleir: 17 000 Mark jährlich zu ersparen in der Lage sei. Dies dürfe zwar nicht in einer so wichtiger: Frage ausschlaggebend sein, aber müsse doch mit in Erwägung gezogen werden. Er weist ferner darauf hin, daß die Orgel gar. kein christliches Instrument sei, sondern eine Art Orgel bereits in Jerusalem verwendet worden sei. Endlich zitiert er unter demonstrativem Beifall der Liberaler: der: Paragraphen des Gemeindeftatuts, daß jedes Mitglied der Repräsentantenbersamrnlung nach seiner Ueberzeugung zu stimmen habe. Ein vor: den: bereits sehr unruhigen Professor Baginsky gestellter Vertagnngsantrag wird abgelehnt, ein erneuter Schlußantrag zurückgezogen. Nach einiger: kurzen Worten der Abwehr der gegen ihn erhobenen Vorwürfe seitens des Rechtsanwalts Dr. Cohn folgt ein neuer Schlußanträg. Geger: den Schluß ivendet sich Professor Geiger in lebhaften-Worten und rnit besonderer Spitze geger: Professor Baginsky, der bereits rnit Hut und Mantel gerüstet zum Aufbruch steht. Der Schluß wird abgelehnt, Professor Baginsky, der Präsenz nach nennte Konservative,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.