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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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1 - - "' *-■' 11IL "J -- ' tluJ- -.1.^ 1 t 3 Geschichte des Judenthums zu geben, und zwar vom Gesichtspunkte des Inhalts und vom Gesichtspunkte des Schauplatzes aus. Was den Inhalt anbetriffr, so unterscheide sich derselbe von der übrigen Geschichte dadurch, daß ihren Inhalt nicht blutige Kriege, sondern nur Leiden und Geisleswerke bilden. Man habe die Geschichte des jüdischen Volkes ein gewaltiges Drama genannt; wenn dies der Fall ist, so strafe sie die Definition des Aristoteles Lügen, der vom Drama bekanntlich Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung verlange. Der Schauplatz der nachbiblischen Geschichte sei stets die ganze Kulturwelt. Überhaupt sei es eigenthümlich, daß sich die Juden stets theils gezwungen, theils freiwillig, der aufgehenden Kultur zuwendeten, wie dies Redner an der Hand der Geschichte erläuterte. Der geistreiche Vortrag fand bei dem zahlreichen Publikum lebhaften Beifall, ebenso wie der nachfolgende Vortrag des Herrn Dr. Feilchenfeld über „Die Wiederrichtung des jüdischen Staates nach dem babylonischen Exil", auf den wir leider aus Mangel an Raum nicht näher eingehen können. UK-r Hannover, 3. Dezember. Die Zahl der Mitglieder des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur hat sich erfreulicherweise anläßlich des jüngsten Vortrages des Herrn Geheimraths Professor Lazarus erheblich vermehrt. Am Dienstag den 27. d. Mts. wird Herr Prediger Dr. Caesar Seligmann aus Hamburg, dem der Ruf eines guten Redners vorausgeht, über das Thema: „Die Einwirkung des Judenthnms auf das griechisch-römische Heidenthum" sprechen. A. Göppingen, 2. Dezember. Die hiesige israelitische Gemeinde beging am 24. v. M ein Fest, wie es wenigen Gemeinden zu feiern vergönnt ist, nämlich das Doppelfest der 50jährigen Amtsthätigleit und des 80. Geburtstags ihres allbeliebten Rabbiners Herz. Dieses Fest gestaltete sich zu einer großen Kundgebung für den ehrwürdigen Herrn Jubilar und lieferte den besten Beweis für die Liebe und Verehrung, die der Gefeierte nicht allein von Seiten der israelitischen Gemeinde, sondern auch von allen Mitbürgern der Stadtgemeinde Göppingen ohne Unterschied des Standes und des Glaubens genießt. Die Feier konnte nicht schöner und erhebender eingeleitet werden, als durch die beredten und herzlichen Worte des Herrn Kirchenraths Dr. Kroner von Stuttgart, theologischen Mitglieds der König!. Israel. Oberkirchenbehörde, der sich schon Freitag den 23. v. M. Vormittags mit Herrn Oberamtmann Dr. Schönmann und den Mitgliedern des hiesigen israelitischen Kirchenvorsteheramts in der Wohnung des Herrn Jubilars einfand, um diesem das Dekret zu überreichen, nach welchem Seine Königliche Majestät geruht haben, dem Rabbiner Herz öeit Titel und Rang eines Kirchenraths zu verleihen. Ferner überbrachte Herr Dr. Kroner die Grüße und Glückwünsche Seiner Excellenz des Herrn Kultusministers Dr. von Sarway, der König!. Israel. Oberlirchenbehörde und des Vereins der Rabbiner Württembergs. Der Gefeierte dankte bewegt für die ihm gewordene Auszeichnung und die Überfrachten Glückwünsche. Am Abend desselben Tages wurde dem Herrn ^irchenrath von Seiten des hiesigen Liederkran^es ein sehr schönes Ständchen gebracht. Der eigentliche Festtag wurde durch eine erhebende Feier in der Synagoge eingeleitet, bei der der Herr Jubilar selbst die Festpredigt hielt. Die Feier wurde besonders erhöht durch die Anwesenheit der evangelischen und katholischen Geistlichkeit, der Herren Rektoren der höheren Lehranstalten und sonstiger Verehrer des Jubilars. Nach beendigtem Festgottesdienste überbrachten die Kirchenvorsteher und der gewählte Ausschuß die Glückwünsche der israelitischen Gemeinde. Hierauf begrüßten und beglückwünschten die Schüler und Schülerinnen ihren geliebten Zehrer und Rabbiner. Ferner ließ die evangelische Gemeinde durch ihren Herrn Dekan ihre Glückwünsche übermitteln. Abends fand zu Ehren des Herrn Jubilars ein Festessen statt, zu dem sich die ganze israelitische Gemeinde, ferner Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, der evangelischen und katholischen Geistlichkeit, sowie der höheren Schulen als Festgäste einfanden, und bei welchem in verschiedenen trefflichen Reden die großen Verdienste unseres Jubilars und dessen vielseitiges, segensvolles Wirken gefeiert wurden. Möge es Herrn Kirchenrath Herz beschieden sein, noch eine lange Reihe von Jahren in ungetrübter Gesundheit und ungeschwächter Kraft zum Wohle unserer Gemeinde zu wirken. * Aus Bayern, 2. Dezember. In Traunstein hat sich ein Verein gegen unlauteren Wettbewerb gebildet. In den Statuten heißt es, kein Mitglied dürfe einen Juden in sein Haus aufnehmen, noch an einen Juden ein Haus oder Grundstück verkaufen. Der Verein verfolgt also in der Hauptsache antisemitische Tendenzen. Traunstein war bekanntlich vor einiger Zeit schon der Schauplatz der „Antisemiten der That". Vor einigen Monaten wurde dort eine mit Pulver geladene Blechröhre in ein Haus gelegt und zur Explosion gebracht, um den Hausbesitzer durch Einschüchterung zu veranlassen, die Vermiethung eines Ladens an einen israelitischen Kaufmann rückgängig zu machen!! GD Ingolstadt, 29. November. Die Nr. 3t des antisemitischen „Deutschen Volksblattes" vom t9. April 1894 enthielt unter der Spitzmarke „Judas Makkabäus" einen Artikel, in welchem ohne Nennung des Namens ein in einer kleinen Garnisonstadt zu Uebungen der Reserve eingezogener Premierlieutenant jüdischer Konfession verhöhnt, mit Worten wie „Schmulchen", „Jtzig", „Jüdlein" re belegt wurde. Außerdem war noch beigefügt, daß seine Kameraden ihn schon längst zum T. wünschen; aber das genire einen ordentlichen Makkabäer nicht, der tackelt einfach mit seiner Sarahleben und im Bewußtsein des zukünftigen Hauptmanns ruhig seiner Wege u. s. w, kurz, es wurde der Offizier in einer Weise charakterisirt, daß er iit der Achtung seiner Kameraden verlieren mußte. Eine Nummer dieses Blattes war unter Kreuzband auch dem Gouverneur der Festung Ingolstadt, Generallieutenant v Sauer, und dem Regiments-Adjutanten des 10. Regiments, Premierlieutenant v. Reuter in Ingolstadt, zugegangen, so daß, wie die „Münch. N. N." berichten, der damals in Ingolstadt zu Uebungen der Reserve als Premierlieutenant beim 10. Regiment eingezogene Kaufmann Moritz Süß-Schülein den Artikel, auf seine Person gemünzt betrachtete, umsomehr, als auch die übrigen Personalbeschreibungen auf ihn paßten. Er stellte daher gegen den verantwortlichen Redakteur des „Deutschen Volksblattes" Gustav Geister Klage wegen Beleidigung. Redakteur Geister erklärte, daß ihm jede Absicht, den Privatkläger zu beleidigen, gefehlt habe, da er diesen gar nicht kenne. Im Uebrigen könne sich der Kläger durch den Artikel gar nicht beleidigt fühlen, weil in demselben kein Name genannt sei und auch der als Zeuge vernommene Brigadekommandeur Generalmajor Lobenhofer nicht angeben konnte, ob zu fraglicher Zeit nicht noch andere Offiziere jüdischer Konfession in anderen Garnisonstädten zu Uebungen eingezogen worden waren. Das Gericht kam jedoch zu der Ueberzeugung, daß kein anderer als Süß- Schülein in dem Artikel gemeint sein konnte, um so mehr, da gerichtsbekaunt sei, daß die im „Deutschen Volksblatt" angegriffenen Personeil regelmäßig die betreffende Nummer zugeschickt erhalten und in diesem Falle es zur Evidenz hervorgehe, daß das zu diesem Zwecke beschriebene Kuvert mit der Handschrift des mit der Redaktion des „Deutschen Vottsblattes" in engster Beziehung stehenden Ingenieurs Weng identisch sei. In 'Anbetracht der schweren 5Lränkungen, welche in gänzlich ungerechtfertigter Weise einem zur Hebung eingezogenen Offizier an den Kopf geschleudert wurden, um ihil bei seinen Kameraden zu diskreditiren, glaubte das Gericht, obwohl Geister damals noch nicht wegen Beleidigung vorbestraft war, von einer Geldstrafe absehen zu müssen und verurtheilte den Redakteur Geister zu einer Gefängnißstrafe von drei Wochen. Gleichzeitig wurde dem Privatkläger das Recht zugesprochen, den Urtheilstenor nach Rechtskraft im „Deutschen Bolksblatl" und in der „Jngolstädter Zeitung" zu veröffentlichen. Großbritannien. 8t Bradford, 2. Dezember. Kürzlich haben wir hier einen Mann zu Grabe getragen, dessen Name verdient, auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden. In den besten Jahren seines Mannesatters, er erreichte nur 48, von einer heimtückischen Krankheit plötzlich hinweggerafft, hat es Herr Martin Wolfs verstunden, sich überall Freunde zu machen. Die Grundzüge seines Charakters waren Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit. Ein Mitglied des Gemeindevorstandes und Schatzmeister des Bradford cr Zweiges der Anglo-Jewish-Association, hat er stets reges Interesse sürs Judenthum gezeigt. Als Theilhaber der in Bradford und Hamburg etablirten großen Firma Simon Israel & Co. war es ihm vergönnt, einen schöner», und glücklichen Hausstand zu begründen. Von Frau und Kindern tief betrauert, wird er auch in weiteren Kreisen hier sehr vermißt. Ein großer Zug von Freunden und Bekannten folgte seinem Leichenbegängnisse zum jüdischen Friedhofe, wo der Rabbiner Reverend Dr. Strauß seinem dahingeschiedenen Freunde einen warmen Nachruf hielt.

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