Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 H. Posen, 4. Dezember. 40 Volksschnllchrer waren am 21. v Mts. im Vereinslokal des hiesigen interkonfessionellen Lehrervereins versammelt. Nach 10 Uhr Vormittags erbrausten aus 40 Kehlen unter Klavierbegleitung die ersten beiden Strophen des herrlichen Liedes „Brüder, reicht die Hand zum Bunde," worauf Kollege Herbst die Versammlung mit einer kurzen Ansprache und einem Hoch auf den Kaiser, sowie auf die Kaiserin Friedrich, die ihren Geburtstag feierte, eröffnete. Der Eingang einiger Zuschriften wird mitgetheilt, deren Verlesung aber für die gelegenen Zeitpunkte Vorbehalten. Punkt 1a der Tagesordnung: „Das Bibellesen in der israelitischen Volksschule, die Auerbach'sche Schul- und Hausbibel" von Behle-Lissa findet seine Erledigung. Eine sehr lebhafte Debatte knüpft sich daran und zeitigt folgende Leitsätze: 1. Das Bibellesen ist in der jüdischen Volksschule zu pflegen. 2. Zum Lesen werde ein geeigneter Auszug in deutscher Sprache verwendet. 3. Die Bibelstunde soll eine Erbauungsstunde sein, in welcher den Kindern die Schönheiten der Bibel klar gemacht werden; doch soll das Lesen nur bei geeigneten Momenten stattfinden, nicht aber als besonderer Gegenstand gelten. — Diese Sätze fanden fast einstimmige Annahme. Zu Satz 2 beantragte noch Kollege Katz - Gnesen, die Versammlung möge beim D. I. G. Lunde den Antrag stellen: „Der D. I. G. Bund wolle unter Mitwirkung von Volksschullehrern einen geeigneten Bibelauszug zu billigen Preisen Herstellen lassen." Die Versammlung beschließt demgemäß. — Punkt 2b: Referat des Kollegen Becker-Wollstein „Ueber die jüdische Geschichte von Dr. Braun" wird sehr ausführlich und gründlich vorgetragen und von der Versammlung mit Beifall belohnt. — Punkt 2e: „Der D. I. Lehrerbund und der Reichsverband jüdischer Religionslehrer" wird durch das Vorlesen zweier Briefe von Blumenfeld - Adelebsen, der die Sache des geplanten D. I. Lehrerbundes vertritt, und von Neustadt-Breslau, welcher für den Reichsverband plädirt, und durch die Erklärung des Vorsitzenden, daß es ihm geziemend erschienen sei, wenn ein Lehrerverein tage, auch ein Wort über den neuerstandenen „Verband" zu sprechen, und daß der Verein sich schlüssig zu machen habe, welcher von beiden Vereinigungen er den Vorzug gebe, ob dem „Bund" oder dem „Verband", erledigt. Ter Verein erklärte sich einstimmig für die Bildung eines D. I. Lehrerbundes, daß die konstituirende Versammlung desselben schon in den Weihnachtsferien in Berlin unher der Aegide des D. I. G. Bundes stattfinden solle, und wählte zu seinen Delegirten 1. seinen Vorsitzenden, Kollegen Herbst-Lissa, und 2. Kollegen Becker- Wollstein. Damit war eine der aufregendsten Debatten glücklich beendet. — Die Rechnungslegung des Kollegen Auerbach-Tremessen wurde gutgeheißen. — Wegen Mangels au Zeit und wegen Uebermüdung der Versammlung wurde Punkt 5, „Unsere Jugendschriften", für die künftige Versammlung, welche in den Weihnachtsferien 1895 stattfinden soll, zurückgestellt. — Ein gemeinsames Mittagessen hielt den größten Theil der Versammlung noch ein Stündchen zusammen. Lp. Aus der Provinz Posen, im Dezember. In der letzten Zeit wurden wieder mehrere Hundert jüdische Auswanderer von Ltbau nach Stettin befördert, von wo dieselben sich nach Bremen begeben, um von dort aus die Reise nach Argentinien fortzusetzen. Vielfach wird angenommen, daß nur die ärmsten Juden zur Auswanderung herangezogen werden. Das ist ein Jrrthum. Diese Leute müssen sämmlich Mittel, wenn auch bescheidene, haben. Die baaren Gelder werden dem Komitee übergeben, und die Leute erhalten vom Abgangshafen, wohin sie die Reise für eigene Rechnung zu bestreiten haben, dis nach Argentinien einschließlich Reise, Verpflegung, Aufenthalt u. s. w. durchweg frei. — Dieser Tage wurde ein wenig mehr als 14 Jahre altes jüdisches Mädchen aus Huta-Baukowa bei Dombrowa in Russisch-Polen entführt. Die Kleine verschwand unter Mitnahme von 700 Rubel, und man muthmaßt, daß sie einem Liebhaber in den oberschlesischen Jndustriebezirk (Zabrze und Umgegend) . nachgereist ist.' Sie ist von großer Statur und brünett. Die Nachforschungen nach dem Mädchen sind im Gange. — Der Rechtsanwalt Paul Aron in Könitz hatte vor einiger Zeit einen Kaufmann Rudolf Cohn, früher in Pr. Holland, zur Zett in Berlm wohnhaft, in einem Prozesse vertreten. Die Prozeßakten wurden auf Wunsch dem Cohn zugestellt. Da Cohn die Gebühren an Rechsanwalt Aron nicht beglichen hatte, so erinnerte Letzterer den Cohn in höflicher Weise an die Bezahlung. Als Antwort hieraus fing Cohn die Anrede im Schreiben wie folgt an: „An den jüdischen Rechtsanwalt Aron", auch fehlte am Schlüsse des Schreibens das Hochachtungsvoll. Durch dieses Schreiben fühlte sich Herr Aron bele digt und strengte die Beleidigungsklage an. Das Schöffengericht verurtheilte Cohn zu 15 Mark Geldstrafe. Lp. Aus der Provinz Posen, im Dezember. Am 7. d. M. verstarb in Breslau Herr Moritz Moll, ein früherer Mitbürger der Stadt Lissa, im Alter von 79 Jahren. Der Verstorbene bekleidete hierselbst mehrere Ehrenämter und gehörte eine Reihe von Jahren dem dortigen Magistrat als Mitglied an. Auch nach seinem Umzug nach Breslau erlosch das Interesse für seine frühere Gemeinde bei dem Verewigten nicht, da er ihr zahlreiche Schenkungen und milde Stiftungen für das Wohl derselben vermacht hat. — Der Antisemitismus, von dem man in Bromberg längere Zeit nichts gehört und wahrgenommen hat, fängt nun wieder an, sich zu regen. So fand man Anfangs d. M. an den Anschlagsäulen und an verschiedenen Häusern der Stadt Plakate antisemitischen Inhalts angeklebt, und kurz darauf wurde sogar in den Häusern ein antisemitisches Weihnachts-Extrablatt Nr. 1 ausgetheilt. In demselben, welches in Leipzig gedruckt ist, werden die Hausfrauen aufgefordert, ihre Weihnachtseinkäufe nur in christlichen Geschäften zu machen. Außerdem enthält das Extrablatt die bekannten Judenhetz- Redensarten, auf die näher einzugehen es sich nicht der Mühe verlohnt. — Am 8. d. M. wurden in Bromberg die sterblichen Ueberreste des daselbst verstorbenen Kaufmanns und Rittergutsbesitzers H. Aronsohn zur letzten Ruhe nach dem jüdischen Friedhof gebracht. Das leidtragende Gefolge bestand nicht nur aus Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, sondern auch aus Personen anderer Konfessionen, den verschiedenen Gesellschaftsklassen angehörig. Die Trauerrede am Grabe hielt in ergreifenden Worten Rabbiner Dr. Walter. Bon den Hinterbliebenen wurden am Tage vor der Beerdigung verschiedenen jüdischen uno christlichen Wohlthätigkeitsanstalten 1500 Mark zur Verkeilung übergeben. SE Frankfurt a. O., 2. Dezember. Auf Anregung unseres Rabbiners Herrn Dr. Blumenthal ist in unserer Gemeinde eine neue Institution ins Leben gerufen worden, nämlich der öffentliche Jugendgottesdienst. Am Sonnabend den 17. v.Mts. Nachmittags fand der erste Gottesdienst in feierlicher Weise in der festlich erleuchteten Synagoge statt. Die Liturgie wurde von unserem Kantor Herrn Abraham abgehalten, die Gesänge von dem Synagogenchor und den Schülerinnen und Schülern unserer Religionsschule vorgetragen. Unsere Jugend, welche vollzählig erschienen war, lauschte der ausgezeichneten Predigt unseres Rabbiners, deren Text, die Opferung Isaaks, dem vorgelesenen Schriftabschnitt entnommen war. Auch auf die zahlreich erschienenen Mitglieder unserer Gemeinde hat dieser Gottesdienst einen erhebenden Eindruck gemacht. — Möge die schöne Einrichtung, die bestimmt ist, die herannahende Generation zur verständnißvollen Theilnahme an dem Gemeindegottesdienst zu befähigen, sich ihre Anziehungskraft wahren und in den empfänglichen Gemüthern die Liebe und Treue für die väterliche Religion stärken und kräftigen. M. Hamburg, 3. Dezember. Vor etwa 3 Wochen starb in Paris die durch ihre Wohlthätigkeit bekannte Gattin des Generalkonsuls Lieben, Frau Veronika Lieben, geb. Herz. Auf Wunsch wurde die Leiche nach Hamburg gebracht, und die Beerdigung fand hier statt. Im Sterbehause widmete Herr Prediger Dr. Leimdörfer der Dahingeschiedenen einen tiefempfundenen Nachruf. D.rselbe betonte insbesondere, daß sie nicht nur manche Thräne getrocknet, sondern es auch verstanden habe, die Bedrückten und Bedrängten durch Worte des Trostes aufzurichten. — In der vorigen Woche verstarb hier der von Kopenhagen nach hier verzogenen Rentier M. S. Ehrlich, welcher sich sowohl durch seine aufrichtige Frömmigkeit, als auch durch seine Wohlthätigkeit in weiteren Kreisen hohe Achtung erworben hatte. Im Trauerhause, woselbst sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefunden hatte, hob Herr Oberrabbiner Hirsch die großen Verdienste des Dahingeschiedenen hervor. Thatsache ist, daß der Verstorbene, als er vor circa 20 Jahren nach Hamburg kam, sich, wie dem Schreiber dieser Zeilen bekannt ist, an einen leider auch schon verstorbenen Freund von ihm, welcher als großer Wohlthäter bekannt war, mit der Bitte wandte, er möge ihm doch arme Leute zuschicken, er sei hier zu wenig bekannt. Gewiß eine seltene Erscheinung! — Der in unserer vorigen Korrespondenz erwähnte „Cyklus für nachbiblische Geschichte" wurde am Sonnabend der vergangenen Woche mit einem Vortrag des Predigers Dr. C. Seligmann eröffnet; derselbe betonte, daß es ihm nur darum zu thun sei, hier einige einleitende Ideen zur