Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Türkei. if. Konstantinopel, 29. November. Einem in Jerusalem erscheinenden hebräischen Blatte entnehmen wir folgende Meldung aus Bagdad in Babylonien. „Einen in Hamadan wohnenden, aus Bagdad stammenden Juden beschuldigte ein Perser, der von ihm eine größere Summe Geldes geliehen, daß derselbe freventlich das mohammedanische Gesetz geschändet und gelästert hätte. Die erregte Volksmasse brachte hierauf den Beschuldigten zu dem dortselbst wohnenden Konsul des Osmanischen Reiches, damit dieser Jenen richte und bestrafe. Vergebens betheuerte der Unglückliche seine Unschuld; dem Perser gelang es, falsche Zeugen zu stellen, die seine Aussagen bestätigten. Der Israelit wurde hierauf, nachdem er schreckliche Mißhandlungen hatte erdulden müssen, ns Gefängniß gebracht. Als dann die in Bagdad lebenden Angehörigen des Mißhandelten und. seiner Freiheit Beraubten von der ihrem Anverwandten in Hamadan widerfahrenen Schmach in Kenntniß gesetzt wurden, wandten sie sich beschwerdeführend an den Gouverneur Hoali, den Regenten Babyloniens. Auf Veranlassung des Letzteren wurde alsdann dem ungerechter Weise Jnhaftirten die Freiheit wiedergegeben. Mittlerweile hat es sich herausgestellt, daß die Beschuldigungen des Persers Verleumdungen gewesen. Trotzdem giebt es kein Gesetz und keinen Richter in diesem Lande, die den Perser für seine verleumderischen Behauptungen und die daraus dem Israeliten erwachsenen Folgen zur Rechenschaft ziehen würden. Bulgarien. M. G. Sofia, im November. Der erste bulgarische Deputirte ' jüdischer Konfession, Herr Peter Gabe, ist ein tüchtiger Oekonom und hat, so lange es ihm gestattet war, in seinem noch jetzt von ihm heißgeliebten Vaterlande Rußland zu leben, in russischer Sprache als ökonomischer S chriftsteller Beachtenswerthes geleistet. In Elisawethgrad im Jahre 1857 geboren, absolvirte er die dortige Realschule und besuchte dann die Handelsschule in Odessa, im Jahre 1684 verließ er seinen Geburtsort und lebte seit dieser Zeit in Bulgarien und zwar zuerst itr Visz-Kiö und seit fünf Jahren in Ali-anife (Bezirk Dobritsch). Herr Peter Gabe, dessen Familienname Gabe-Gabbaj darauf hinweist, daß religiöser Sinn in seinem Elternhause herrschte, hat sich das Bulgarische, das allerdings dem Russischen sehr verwandt ist, in rascher Zeit völlig angeeignet und gilt als einer der bedeutendsten bulgarischen Schriftsteller. Schon im Jahre 1889 veröffentlichte er die Schrift: „Po zemedelski vopros“ (Die ökonomische Frage) und die zweite epochale Schrift: „Kredit i lichvarstro“ (Kredit und Wucher). Letztere Schrift trug ihm auch das Ehrenamt eines Deputirten ein. Wie mir Herr Peter Gabe bei seinem Besuche mittheilte, ist sein Haus allen Mitgliedern seines Dorfes zu jeder Zeit geöffnet, und er liebt Land und Leute sehr. Herr Peter Gabe ist natürlich ein Kenner und Freund der russischen Sprache und Litteratur und ist durch intime Freundschaft mit dem weit über die Grenzen Rußlands bekannten russisch-jüdischen Dichter Frug (dessen Gedichte nicht nur ins Böhmische, sondern auch ins Deutsche übertragen wurden) verbunden. Von Nah und Fern. Als Privatdozenten in der medizinischen Fakultät der Berliner Universität werden sich demnächst die Doktoren Adolf Loewy und Martin Mendelsohn habilitiren, Ersterer für Physiologie, Letzterer für innere Medizin. Beide leben seit einer Reihe von Jahren als praktische Aerzte in Berlin. Dr. Mendelsohn ist Vorsitzender des „Centralvereins jüdischer Staatsbürger". — Auf eine Klage gegen den Buchhändler Glöß (Dresden) und Gustav Adolf Dewald (Berlin) wegen Anreizung zum Klassenhaß, deren diese sich durch Verbreitung des Politischen Bilderbogens Nr. 14 schuldig gemacht, ist vom Ersten Staatsanwalt beim Landgericht I die Nachricht zugegangen, daß hie Strafverfolgung eingestellt ist. — Der verstorbene Bankier Albert Arons hat der jüdischen Gemeinde zu Bromberg 200,000 Mark zyr^ Einrichtung eines jüdischen Krankenhauses testamentarisch vermacht, und außerdem der Gemeinde ein Haus in der Viktoriastraße überlassen. — Eine abscheuliche Roheit begingen mehrere christliche Knaben, hoffnungsvolle Antisemitensprößlinge, in der Ortschaft Kölln im Posener Kreise Neustadt. Sie gossen dem etwa vierjährigen Töchterlein des jüdischen Handelsmannes Michaelis Petroleum über die Hand und zündeten es an. Glücklicherweise eilten auf das Geschrei des armen Kindes sofort Helfer herbei, welche die Flammen löschten und schlimmere Folgen dieses antisemitischen Bubenstreiches verhüteten. Das Kind hat indeß schwere Brandwunden erlitten. — Am 2. November verschied in Stanislau der rühmlichst bekannte jüdische Gelehrte Salomo Frankel im 78. Lebensjahre. Der Verstorbene entstammte einer Familie aus Uzcie zielone, in der die jüdische Wiffenschaft von jeher gepflegt wird. — Der 1882 verstorbene Kaufmann Joseph Michaelis hat die Stadt Köln zur Universal-Erbin seines Nachlasses im Betrage von rund 80,000 Mark eingesetzt, mit der Maßgabe, daß ein Drittel für das Blindeninstitut, ein Drittel für das Asyl für israelitische Kranke, das letzte Drittel als Honorar für Schriftsteller verwendet werden soll, welche öffentliche Fragen in Schriften oder Reden im Interesse der Bürgerschaft behandeln. — Der wegen Unterschlagung von Kirchengeldern, unheiligen Lebenswandels und anderer Delikte angeklagt gewesene Pfarrer Scherzer wurde von den Geschworenen.in Kvrneuburg mit knapper Majorität freigesprochen. — Aus wenig zuverlässiger Quelle kommt die Nachricht aus Petersburg, daß, als in der im Ministerium zusammen gestellten Leichenbegräbniß-Ordnung auch der Judendeputation eine Stelle in der Kirche angewiesen wurde, diese Bestimmung Zar Nikolaus durchstrich und mit Bleistift eine Stelle außerhalb der Kirche bezeichnete, indem er bemerkte, daß es eine Profanirung des heiligen Ortes wäre, wenn man Andersgläubige in eine christliche Kirche einlassen würde, während daselbst die religiösen Andachten vorgenommen werden. — Aus Jalta berichtet der „Woschod", daß die Ausweisung der Juden aus dieser Stadt, welche Ende Oktober beendet sein sollte, ststirt worden ist. Dasselbe Blatt berichtet: Während der Anwesenheit des Protohierei Johann am Sterbebett des Zaren empfing dieser eine Deputation der jüdischen Gemeinde von Jalta und sagte derselben: „Ich liebe alle Menschen und kenne dabei keinen Unterschied der Nationalität. Wir stammen Alle von einem Gott und kehren Alle zu demselben Gotte wieder." — Eine Deputation der jüdischen Gemeinde in Moskau drückte dem Kaiser durch Vermittlung der Großfürstin Sergius ihr Beileid anläßlich des Ablebens seines Vaters aus. Den Blättern zufolge ließ der Kaiser der Deputation seinen herzlichen Dank aussprechen. — Rabbiner I. Wagenaar zu Friesland wurde zum Rabbiner von Gelderland erwählt. Er ist der Nachfolger des Rabbiners T. Tal, der zum Oberrabbiner in Haag ernannt wurde. — Die Viktoria-Universität zu Manchester hat den Rev. L. M. Simmons zum Lector für nachbiblische Geschichte und jüdische Litteratur erwählt. — Das Exekutiv- Komiteeder Central-Konferenz amerikanischer Rabbiner hat in seiner letzten Sitzung in Cincinnati beschlossen, die nächste Sitzung am 6. Dezember in New-Orleans in Verbindung mit dem dort tagenden Konzil der Union der amerikanisch-jüdischen Gemeinden stattfinden zu lassen. — Die Rabbiner von Baltimore, Guttmacher, Levy, Rosenau und Schanfarber haben eine Gesellschaft organisirt, um das Studium moderner kritischer Bibelexegese zu treiben. — Adolf Sutro ist zum Mayor von San Francisko gewählt worden. Das ist der erste Fall in einer amerikanischen Stadt von dem Range San Franciskos, wenn es auch in kleineren Städten wiederholt vorkam. Herr Sutro, der einer angesehenen deutschen Rabbinerfamilie entstammt, hat sich bisher von der Politik ferngehalten und ist nur als Mäcen der Wissenschaften aufgetreten. Seine Bibliothek enthält auch eine reichhaltige Kollektion orientalischer Manuskripte, die neulich durch den Ausspruch des Bibliothekars, die von Maimonides geschriebene Thorarolle gefunden zu haben, in öffentliche Diskussion kam. — Rev. Dr. I. Krauskopf in Philadelphia wurde einstimmig zum Mitglied der philosophisch-litterarischen Gesellschaft der Princeton-Universität gewählt. Es ist dies die älteste \ mit einer Universität verbundene litterarische Gesellschaft in Amerika. Auf Einladung wird er vor der Fakultät und den Studenten im Dezember einen Vortrag halten über das Thema: „Ein Abend bei Tolstoi." Er wird auch eine Reihe von Vorträgen über seine russische Reise im Tempel Keneseth Israel halten und zwar: „Rußland und die Russen", „Rußland und der Jude" und „Von den Ufern der Newa bis an das Gestade des schwarzen Meeres". — Augenblicklich ist nur ein einziger Jude im Königreich Korea. Es ist dies Herr Isaak Steinbeck aus Galizien, der sich in der Seestadt Tschi-Mal-Po niedergelassen und daselbst eine Hotelwirthschaft betreibt. Da Oesterreich in Korea keine Vertretung hat, so hat sich derselbe unter deutschen Schutz gestellt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.