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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 49. Weikage ■JP£X (St?fr£tf0^rlin. 7. Dezember 1894. zur „Akkgemeinen JeiLung des IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. K. Berlin, 4. Dezember. Am heutigen Tage waren 25 Jahre verflossen, seitdem Herr Rabbiner Dr. R. Ungerleider sein Amt als Rabbiner der Hauptgemeinde Berlin angetreten hat. Die herrliche Entwickelung unserer Gemeinde, welche mit dem schnellen Emporblühen der Reichshauptstadt Hand in Hand ging, hat in Dr. Ungerleider eine alles Edle fördernde Kraft gefunden, so daß sein Name mir der Geschichte des Berliner Rabbinats unzertrennlich verknüpft bleibt. Ist ein Vierteljahrhundert an und für sich in dem Leben eines Seelsorgers eine umfassende Spanne Zeit, so waren diese letzten 25 Jahre in dem Leben unserer Gemeinde mit die bedeutsamsten ihrer Gesammtentwickelung. Noch vor der Einweihung der neuen Synagoge war der unvergeßliche Michael Sachs gestorben (1864), vier Jahre vorher war ihm Jakob Joseph Oettinger im Tode vorangegangen. Im Anfang des Jahres 1866 trat Joseph Aub ins Amt, zu dessen ersten Amtshandlungen die Einweihung der neuen Synagoge gehörte. Erst nach drei Jahren wurde neben ihm Dr. Abraham Geiger und im Oktober 1869 Dr. Ungerleider erwählt. Es hatte in jener für die Geschichte der Gemeinde bedeutsamen Zeit jene Richtung gesiegt, die im Sinne des Friedens auf dem Boden des historischen Judenthums im lebendigen Zusammenhang mit der geschichtlichen Tradition fortarbeiten wollte. Dr. Ungerleider stand auf dieser Grundlage allezeit als Mann des Friedens. Der 4. Dezember war der Tag seiner Amtseinführung. So hatten sich denn an diesem Tage alle Richtungen in unserer Gemeinde in dem Hause Oranienburgerstr. 57 zusammengefunden, um dem Jubilar ihre Hochachtung und Verehrung auszudrücken. Es folgten Deputationen auf Deputationen, Vorstand und Repräsentanten der Hauptgemeinde unter Führung des Herrn Justizrath Meyer, der eine das Wirken des Jubilars feiernde Adresse überreichte, die Vorstände der Synagogen, des Rabbinerverbandes, in dessen Vorstand Dr. Ungerleider wirkt, seine hiesigen Amtsgenossen, eine Abordnung des Vereins „Amicitia" die Kantoren der Gemeinde, sowie eine Deputation der dem Herrn Rabbiner unterstellten Gemeindeschächter, welche eine mit einem von Dr. Bernfeld verfaßten hebräischen Gedicht eingeleitete Adresse übergab. Ferner waren vertreten die Kuratorien der Alterversorgungsanstalt, der Waisenhäuser und Schulen der Gemeinde, der Nauen'schen Stiftung, des Kolberger israelitischen Kurhospitals und viele andere Abordnungen, Freunde und Verehrer des Jubilars. Dr. Ungerleider beantwortete mit hoher geistiger Frische und Beredtsamkeit die an ihn gerichteten Ansprachen der Deputationen. Die Amtswohnung des Jubilars war vom frühen Morgen bis in die vorgerückten Abendstunden mit Gratulanten gefüllt, die Herrn Dr. Ungerleider und seiner durch wohlthätiges Wirken ausgezeichneten edlen Gattin ihre Glückwünsche überbrachten. Ein ausführlicher Bericht wird unsere heutigen Mittheilungen demnächst ergänzen. n. Berlin, 2. Dezember. Die Gemeinde „Adaß Jefchurun", die einst unter dem Rabbinat von Dr. Landsberger stand und früher in der Oranienstraße, alsdann in der Jerusalemerstraße wohl vorhanden war, jedoch nicht zu bestehen vermochte, nimmt, nachdem Herr Rabbiner Dr. Ellenbogen die Leitung übernommen, immer mehr an Mitgliedern zu und blüht nunmehr, wie wir bereits mitgetheilt, im Centrum der Stadt wieder auf. So hat vor Kurzem Herr A. Magnus, der Vorsteher der Magnusschen Privatsynagoge, Neue Friedrichstraße, der nunmehr mit dem Häuserkomplex, den die „Aktien-Gesellschaft Rosenstraße" niederreißt, auch sein Grundstück verschwinden sieht und deshalb sich gezwungen sahdie Synagoge aufzugeben, der obengenannten Gemeinde zwei „Sephorim" (Thorarollen), eine „Keßer" (Silberkrone) und „Jad" (Silberhand zum Zeigen beim Thoravorlesen) gespendet. Auch die von ‘ Herrn Rabbiner Dr. Ellenbogen gegründete Religionsschule erfreut sich eines nicht unbedeutenden Zuspruches und berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Diesen Sonnabend wurde hier für die Religionsschule ein Jugendgottesdienst veranstaltet, bei welchem Cand. Jos. Feuerring die Predigt übernommen hatte. z. Berlin, 5. Dezember. Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig sprach gestern Abend im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" über „Judenthum und Islam". Die elegante, schöne Sprache des Vortragenden, die Fülle des wissenschaftlichen Materials, von ihm in allgemein verständlicher Weise behandelt, verfehlten nicht ihre tiefe Wirkung auf die zahlreich erschienenen Zuhörer, welche dem Redner wohlverdienten Beifall zollten. J. Schneidemühl, 30. November. Am 19. d. Mts. beging der greise Rabbiner der hiesigen Gemeinde Herr Salomon Braun seinen 80. Geburtstag. Dieser Tag gestaltete sich für die Gemeinde und weitere Kreise zu einem wahren Festtag. Einen Beweis für die Liebe und Hochachtung, deren der Jubilar in hiesiger Gemeinde und Stadt sich erfreut, gab die sehr rege Betheiligung an dieser Feier. Gesang eines gemischten Chors, aus ehemaligen Religions-Schülern und Schülerinnen bestehend, eröffnete unter Leitung des ersten Lehrers Joseph um lll/2 Uhr Vormittags in der Wohnung des Jubilars die offizielle Feier. Die erste Ansprache hielt Lehrer Joseph. Unter Zugrundelegung des Schlußsatzes aus Psalm 92 „Der Gerechte blüht wie die Palme", feierte er den Jubilar in erster Reihe als Religionslehrer, sodann als Königlichen Lokalschulinspektor, hierbei besonders hervorhebend, wie der Jubilar in seiner Eigenschaft als Vorgesetzter stets nur durch sein eigenes Beispiel treuester Pflichterfüllung auf Lehrer und Schule wie ein väterlicher Freund günstig eingewirkt habe. Der erste Bürgermeister Wolff feierte den Jubilar als treuen Bürger der Stadt. Gymnafialdirekter Professor- Braun und Töchterschuldirektor Ernst dankten dem Jubilar für die guten Erfolge, welche derselbe durch Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts an genannten Lehranstalten erzielt habe. Der erste Gemeindevorsteher, Bankier H. Berliner, entrollte sodann vor dem Jubilar ein Bild seiner mehr als 4l Jahre währenden hiesigen segensreichen Thätigkeit als Gemeinderabbiner, das man unter dem Gesammtausdruck von der Wiege bis zum Grabe bezeichnen kann. Sodann übergab Redner dem Jubilar eine Urkunde über ein von der Gemeinde zum Andenken an diesen Tag gestiftetes Legat von 500 M., welches den Namen „Rabbiner Salomon Brannsche Stiftung" führen soll. Die Verwendung der Zinsen zu wohlthätigen oder wissenschaftlichen Zwecken bleibt dem Jubilar anheimgestellt. Schließlich verlas Redner den Gemeindebeschluß, welcher bestimmt, daß Herrn Rabbiner Brann das jetzige volle Gehalt auch dann verbleiben solle, wenn derselbe einst in den Ruhestand trete. Für die Chewra Kadischa verlas und überreichte Herr Julius Edel eine Dankadresse. Desgleichen dankte Herr Isert Asch im Namen des Wohlthätigkeitsvereins dem Jubilar für seine Thätigkeit als Kassenrendant und übergab Namens des Vereins 100 M. zur „Rabbiner Salomon Brannschen Stiftung". Der Frauenverein gratulirte durch die Vorsteherinnen Frau Herz und Frau Berliner, und erfreute den Jubilar durch einen Schreibtisch und Sessel. Auch die ehemaligen Schüler, sowie die Kinder der hiesigen Schulen verehrten dem Jubilar Geschenke und herrliche Blumenspenden. Auf alle Ansprachen erwiederte der Jubilar in geistreicher Weise. Im Laufe des Tages trafen sehr zahlreiche Glückwunschtelegramme und Schreiben ein. — Am Abend versammelten sich viele Gemeindemitglieder mit ihren Damen, im Ganzen ungefähr 1Ä) Personen, zu einem Festmahl, an dem auch auswärtige Rabbiner theilnahmen. Auf die hier gehaltenen Reden näher einzugehen, verbietet wohl der Raum Ihrer Zeitung. Erwähnt werden sollen nur der Kaisertoast, ausgebracht von Herrn Berliner, und die Rede des Herrn Dr. M. Brann aus Breslau, eines Sohnes des Jubilars, in welcher den Festtheilnehmern ein kurzer Ueberblick über die Entstehung und Entwickelung der hiesigen jüdischen Gemeinde gegeben wurde. Am Schluß des Mahles dankte der Jubilar noch einmal für alle Ehrenbezeugungen und sprach das Tischgebet lau und stehend, was auf die Theilnehmer einen tiefen Eindruck hervorbrachte.

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