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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-26 · Heft 43 (26.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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-*?''***• v"<"' "" ~ T" ’ ’ " vv-rwws**' 58. Ächrgang. Ar. 43. ff|tlj*tj|) J^4 Gerlin, 26. Oktober 1894. Weikage zur „Allgemeinen JeiLung des InöenLHnms". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. F. Berlin, 19. Oktober. Gestern war es dem Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur vergönnt, eine würdige Nachfeier zu Ehren des70.Geburtstages des Geh. Regierungsraths Professor Dr. Lazarus zu veranstalten. In der Aula des Friedrich-Werderschen Realgymnasiums hatten sich mehr als 500 Personen, unter ihnen viele Honoratioren der jüdischen Gemeinde, eingefunden, so daß der Saal überfüllt war und viele umkehren mußten. Herr Dr. Karpeles begrüßte die Versammlung und bat dieselbe, sich zu Ehren des anwesenden Jubilars, in Anbetracht seiner Verdienste um das Judenthum, von ihren Plätzen zu erheben, was auch geschah. Herr Professor Lazarus begann;sodann seinen Vortrag: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man jüdische Geschichte und Literatur?" Schillers berühmte Antrittsvorlesung in Jena: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" gab den Grundgedanken für den geistvollen Vortrag. Eine jüdische Geschichte giebt es nicht mehr, da das jüdische Volk als solches auf der Weltbühne nicht mehr in Aktion tritt, die Geschichte der Juden aber, welche fort und fort Antheil an der Weltkultur nehmen, ist noch lange nicht abgeschlossen. Zu welchem Ende beschäftigt sich der Jude mit seiner Geschichte? Vor Allem, um das für Das Martyrium seines Stammes notwendige Selbstbewußtsein zu erlangen. Die jüdische Geschichte giebt uns stets den Gedanken an den Chai Olomim. Unsere Literatur, reich an den von allen Völkern verehrten Perlen der Poesie, ist eine Nationalliteratur, denn wir sind ein am lwodod jischkon. Redner gab in humoristischer Weise zu verstehen, daß Vorträge in den Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur die Klippe der Langeweile vor Allem vermeiden müßten, und erinnerte an ein Wort des sel. Michael Sachs, der da sagte, das beste Studium der Homiletik bestehe darin, daß die Predigt nicht langweilig sei. Herr Professor Lazarus forderte die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur auf, ihrer großen Aufgabe auch ferner mit Eifer nachzustreben. Lauter Beifall dankte dem durch alle Gaben, die den Redner machen, ausgezeichneten Manne. Nach Beendigung des Vortrags vereinigte ein Souper im Hotel Cassel eine illustre Gesellschaft, viele Freunde und Verehrer des Jubilars mit ihren Damen. Herr Benas Le w y, als Vorsitzender des Agitationskomitee's des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, begrüßte die Gäste und feierte im Namen des Berliner Vereins den Jubilar als den „Unsrigen", weil sein Hauptwirken sich im Rahmen der Berliner Gemeinde abgespielt habe. Darauf trug Herr Kantor Friedmann das hebräische Gedicht von Jehuda Halewi vor, „Jöh Sehimcha Aromimcha“, das mit großem Beifall ausgenommen wurde. Herr Justizrath Mako wer feierte die Verdienste des Professors Lazarus als langjährigen Repräsentanten um die Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde; er habe, während er Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums war, stets ein Gefühl der Sicherheit gehabt, wenn der Jubilar ihn mit seiner zündenden Beredtsamkeit und seinem reichen Wissen unterstützte. Daß diese Gabe der Rede ihm noch heute eigen, bewies der Jubilar in seiner jugendfrischen und launigen Antwort auf diese Toaste, die wiv noch kurz skizziren wollen, obwohl sie einen abgerundeten Vortrag für fich bildete. Der Redner warf einen Rückblick aus seine Jugend, die er in Filehne verlebte, das damals mit seinen 1000 Juden, 1000 polnischen Katholiken, 1000 deutschen Protestanten so recht die Bildungsstätte für einen Völkerpsychologen gewesen sei; als Jude habe er sich hier schon als Knabe zu einer Friedenssendung unter den Völkerstämmen vorbereiten können. So wurzele auch sein philosophisches Grundwerk der Völkerpsychologie im Judenthum. Wenn er einst dort in Neuteich, das die Grenze zwischen polnischen und deutschen Dörfern bildete, als Jüngling seine Beobachtungen gemacht habe, so sei ihm schon früher die psychologische Betrachtung der ethnischen Unterschiede nahe gelegt geworden, welche entscheidend für seine wissenschaftliche Laufbahn wurden. Nie habe er sich, als ihn diese aufwärts führte, seines Judenthums geschämt. dem er das Beste seines geistigen Wesens verdanke, und nie habe es ihm einfallen können, dieses lautere Gold mir anderer Münze zu vertauschen. Mit großem Jubel war dieser durch Jugenderinnerungen verklärte Rückblick des Gelehrten von der Versammlung ausgenommen worden; nicht minderen Beifall zollte man dem sich hieran schließenden Trinkspruch des Herrn Dr. Karpeles, der dem Mitarbeiter des Jubilars, seinem gelehrten Schwager Professor Dr. Steinthal, galt, der leider durch Gesundheitsrücksichten an der Theilnahme verhindert war. Herr Kantor Friedmann erfreute die Anwesenden noch durch ein deutsches Lied in der vortrefflichen Komposition von William Wolf und trug dann noch das Hejehim pifioth aus der Liturgie an den hohen Festtagen vor. Alle Theilnehmer des Festmahls vereinigten sich hierauf zum gemeinsamen „Benschen", und als um iy2 Uhr die Tafel aufgehoben wurde, trennte man sich mit dem Bewußtsein, an einem echt jüdischen Feste Theil genommen zu haben. Berlin, 24. Oktober. Ein Hilferuf, der verdient, in allen jüdischen Kreisen gehört und beachtet zu werden, geht von dem Vorstande und dem Komitee des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinder- Krankenhauses aus. Die segensreiche Wirksamkeit dieser aus der Initiative wohlthätiger Bürger hervorgegaugenen Musteranstalt ist bekannt. Seit ihrer vor vier Jahren erfolgten Eröffnung hat sie in den stationären Abtheilungen 6517 Kinder verpflegt, und 23,700 Kinder haben in der Poliklinik Hilfe gefunden. Unendliches Leid hat die Anstalt aus zahlreichen Familien ferngehalten. Die Anforderungen, die an sie gestellt werden, sind aber in stetem Wachsen begriffen, und besonders in diesem Moment, wo die Gewinnung eines neuen Heilmittels gegen die tückischste Kinderkrankheit, die Diphtherie, die Herzen besorgter Eltern mit frohen Hoffnungen erfüllt, blickt man auf das Kaiser und Kaiserin Friedrich- Kinderkrankenhaus als auf eine Stätte der Hilfe in großer Noth. Seit deyr Bestehen der Anstalt haben 1152 diphtheriekranke Kinder in derselben Pflege gefunden. In den jüngstverflossenen Monaten sind die kranken Kinder mit dem von der Scheringschen Fabrik unentgeltlich gewährten Heilsermn behandelt worden, und die Erfolge waren außerordentlich glückliche. In der Zeit vom 1. bis zum 22. Oktober sind bei einem Durchschnittsbestand von 30 bis 34 an Diphtherie erkrankten Kindern nur 4 Todesfälle vorgekommen, während sonst weit über die Hälfte der erkrankten Kinder dem Tode verfiel. Die Fabrik ist nun fernerhin nicht mehr in der Lage, das Heilserum kostenlos abzugeben, und die Hilfsmittel der Anstalt sind außerordentlich geringe. Die Stadt, die früher einmal einen Zuschuß gewährt hatte, hat ihn im letzten Jahre nicht bewiüigr. In Folge eines kürzlich veröffentlichten Aufrufs ist wohl ein Betrag von etwa 33,000 Mark eingegangen, aber so beträchtlich diese Spenden barmherziger Nächstenliebe auch find, für die großen Aufgaben, welche sich die Anstalt gestellt hat, reichen sie doch bei Weitem nicht aus. Deshalb ergeht ein neuer Appell an unsere wohlhabenden Mitbürger, dem so segensreich wirkenden Institut, das unter dem Protektorate der Kaiserin Friedrich seine Pforten geöffnet hat, eine ausgiebige Unterstützung zu gewähren. Es handelt fich um ein Werk der edelsten Menschenliebe, das den Hilflosesten unter den Hilflosen, den Kindern, ohne jeden Unterschied des Bekenntnisses, zu Gute kommt und unsägliches Herzeleid zu verhindern vermag. Im Uebrigen verweisen wir auf den hierauf bezüglichen Ausruf im Inseratenteil unserer heutigen Nummer. Lp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. In der kürzlich renovirten Synagoge zu Rogasen ist anfangs dieses Monats ein Kronleuchter herabgestürzt, indem das ihn tragende Seil abriß. Glücklicherweise geschah der Unfall nicht während des Gottesdienstes, so daß Niemand verletzt wurde. — Der Rentier Herz Berliner und seine Ehefrau in Schneidemühl haben der Stadt ein Legat in Höhe von 3000 Mark übergeben mit der Bestimmung, daß das Legat den Namen „Herz und Rosa Berliner-Stiftung" führen soll und die Zinsen im Betrage von Zweidrittel an christliche Arme und zu einem Drittel an jüdische Arme

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