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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-26 · Heft 43 (26.10.1894) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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- 516 .—- - . Jizchak saß zu Hause die sieben Bußetage ab und sann in seiner düstern Einsamkeit nach. Finster und schweigend saß er auf der bloßen Erde ohne Schuhe, ungewaschen und ungekämmt. Neben dem Bette, in dem die Mutter verschieden war, glomm ein Docht für ihre Seele. Der Jüngling betrachtete ihn, wie er flimmerte und aufflackerte in dem Maße, wie Wasser oder Oel hinzugegosfen wurde. Ich werde eine große Helle Fackel entbrennen, träumte er. Mit Hellem Schein wird sie erglänzen in einem großen Raume, auch für deine Seele, du arme Mutter. Und vor ihrem Lichte werden die Gespenster des Aberglaubens und der Dunkelheit schwinden; und vor der aus ihr strahlenden Wärme werden die Ketten schmelze», welche meine unglücklichen Brüder drücken, damit sie sich von dem Mißgeschicke ihres Geistes, von der Krankheit ihres Leibes erholen können. Die Macht des Wissens und des Geistes sollte seine Rüstung sein. Was aber nun beginnen? Das praktische Leben war ihm wenig bekannt. Er verstand es nicht, ein Stückchen Brod zu erwerben. Er hatte keine Hilfe, keine Unterstützung und versiel daher in tiefe Betrübniß. Am sechsten Tage trat in das bescheidene Stübchen der Grass — der junge Bauer. Jizchak freute sich, wiewohl er sehr gut wußte, daß dieser Gast Verdacht erregen und die bösen Zungen in Bewegung setzen würde. Aber er war schon fest entschlossen, die alte Bürde abzuschütteln. Ludwig sagte, daß er sich zu verabschieden komme, weil sie zu verreisen gedächten. Und noch einmal redete er ihm aus ganzer Seele zu, sich möglichst bald nach Lemberg zu begeben. „Dort" — sagte Ludwig — „ist gerade die Welt, wie Ihr Sie erträumt, dort werdet Ihr finden, was Ihr sucht und was Euch Roth thut. Nur Muth und Ausdauer. Lemberg ist eine europäische Stadt, und ein fleißiger, regsamer Mensch wird dort sicherlich nicht nntergehen. Uebrigens" — fuhr er fort — „giebt es dort viele treffliche Persönlichkeiten, die sich mit jüdischen Angelegenheiten befassen; wir haben sogar sehr gediegene Vereine, die sich die Aufklärung der Inden zur Aufgabe gemacht haben. Die werden Euch Mittel zum Studiren verschaffen. Dann steht Euch unser Haus immer offen. Ich verreise zwar bald nach Krakau, auf die Universität, aber zn Hause bleibt mein jüngerer Bruder, ein eifriger Anwalt unserer Ideen, der wird sich Eurer herzlich und mit Erfolg annehmen. Nur Muth und Ausdauer." Zuletzt übergab er Jizchak Grüße von Mutter und Schwester und verabschiedete sich. Jizchak beschloß, sich um jeden Preis loszureißen. Er ließ beit Vater von der Heirath gar nicht spreche», aber er änderte vollständig seine Lebensweise. Den größten Theil des Tages verbrachte er wieder in der Klaus, Misrochim (Bilder) aus Papier ausschneidend. Diese seine Erzeugnisse wurden allgemein geschätzt, und in den jungen Knaben hatte er sogar Schüler. Seine Wünsche und sein Sehnen bemeisternd, mit seinen Gedanken und tausenderlei Leiden kämpfend, verfertigte Jizchak diese Machwerke. Und die Zukunft lachte ihm in kühnen Träumen und Hoffnungen, und an ihrem Himmel glänzte ihm immer ein blaues, durchdringendes Augenpaar. Wenn man sie doch Wiedersehen, das süße Händchen drücken dürfte! So bald war dies jedoch nicht möglich. Nach zwei Monatm hatte Jizchak keine vollen zehn Gulden vom Verkaufe seiner künstlerischen Werke gesammelt. Und zur Zeit, als er die Zuneigung seiner Feinde wiederzugewinnen begann, hielt es ihn nicht länger, und ec konnte seinen Wünschen, die ihn in die Welt zur Arbeit zogen, nicht mehr widerstehen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. In der zweiten Hälfte des September verließ er das väterliche Haus, ein kleines Bündel unter dem Arm. Dem Vater ließ er einen Zettel zurück: „Suche mich nicht; ich gehe weit fort, um zu arbeiten und ein größeres Glück zu erringen, als ich hier bei Euch finden konnte." Es war eine dunkle Nacht, als er zu Fuß ins nächste Dorf wandelte, um Pferde dis zur Bahnstation zu miethen. Da er den Weg nicht kannte, strauchelte er und fiel oft. Ein kalter, dünner Regen und Wind peitschten sein blaffes Gesicht, welches keine Thräne des Schmerzes um das Vaterhaus, wo er so viel erlebt hatte, um die Stadt, wo er eine erhabene, aber trübe Jugend verbracht, befeuchtete. Auch ihm sagte Nienmud ein Lebewohl, Niemand einen Segeu mit. Weder von der Fnmilie, noch von den Fremden Einer. Er floh von den Seinigen, wie ein gejagter Verbrecher. Als er im Dorfe ankam, erglühte das Helle Morgenroth am Himmel. Aus der Dämmerung und dem Nebel traten bereits die noch grünen Bäunie und die Hütten hervor, in denen es von Leben und Arbeit zu wimmeln begann. Jizchak empfand weder Furcht noch Sehne». „Die Zuknust gehört uns," wiederholte er mit Ludwig. „Ich werde einmal wiederkehreu, aber nicht einsam und verstohlen. Mit dem Siegesbanner werde ich kommen, um mich werden sich die Legionen der bekehrten, denkenden, glücklichen Brüder schaaren! Und wie der finstern Nacht jetzt ein schöner Tag entstieg, so werde ich einen lichten Tag der Liede und der Arbeit anfachen!-Mir gehört die Zukunft." (Schluß des 1. Theiles.) Kpvechfaal. Geehrter Herr Doktor! <&u dem Artikel in Nr. 38 der „Allg. Zeitung des Judenthums" über die israelitische Kuranstalt in Soden ist noch zu bemerken, daß die vielen tausend Flaschen Wein re., von denen dort die Rede ist, ein einziges Mitglied der Frankfurt-Loge, Herr M. A. Wolfs spendet. Wer da weiß, daß die Kuranstalt Soden überhaupt ein Werk der Frankfurt-Loge ist, und welche Opfer die Mitglieder dieser Loge Jahr für Jahr für Soden bringen, der wird auch wissen, daß es der Br. Wolfs aus Frankfurt ist, welcher sich, so lange ihm Gott das Leben schenkt, zur unentgeltlichen Hergabe särnmtlichen Weines für Soden bereit erklärt. Berlin, 14. Oktober. Achtungsvoll D. W. * Geehrter Herr Redakteur! /gestatten Sie mir zur Einsendung des Herrn Goldschmidt-Hamburg im Sprechsaal der Nr. 41 Ihres geschätzten Blattes folgende Bemerkungen: Es ist Thatsache, daß der Pfarrer Bachmann in Hebel die Aufnahme der jüdischen Krieger auf die Kriegertafel verweigert hat mit der Begründung, daß die Juden nicht in die Kirche gehörten. Es ist mir dies von einem der Kirchenältesten, demgegenüber dieAeußerung geschah, mitgetheilt worden. Die Kirchenältesten find insofern Mitschuldige, als sie einer solchen Ungerechtigkeit schließlich zustimmten. Daß Moses Fränkel nicht auf dem Schlachtfelde gefallen, sondern dem Typhus erlegen ist, den er sich bei der sehr langen Belagerung von Metz zugezogen, ist meiner Ansicht nach bei Beurtheilung der Angelegenheit belanglos; Fränkel ist doch für sein Vaterland gestorben, und sein Name verdient ebensogut auf der Kriegertafel verzeichnet zu werden, als die Namen derjenigen „Krieger", die das Feindesland gar nicht betreten haben. — Auch in den übrigen Punkten der Einsendung ist Herr Goldschmidt nicht richtig informirt. Hochachtungsvoll Falkenberg b. Hebel, 17. Oktober. S. Heilbronn. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. üiliiiiiii

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