Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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402 er angehörte, an allen Orten der Kolonie sich niederlassen; alle Bewohner sollten im Genüsse gleicher Rechte sein. Drei Monate nach seiner Rückehr wurde Roger Williams zum Präsidenten der vereinigten Kolonien gewählt und einige Jahre später ließen sich die ersten Juden in Newport nieder. Sie waren aus Amsterdam nach Neu-Amsterdam, dem heutigen New-Iork, gekommen, das sie aber infolge der Beschränkungen seitens des damaligen holländischen Gouverneurs Stuyvensant bald wieder verließen und mit dem freien Newport vertauschten. In Newport bildete sich die erste jüdische Gemeinde Amerikas. Wir kommen demnächst daraus zurück. Der „kleine" SifrL. Von Dr. B. Königsberger in Breslau. in Jahrhundert ist dahingegangen, seitdem die Welt und besonders das Judenthum das Glück erfuhr, Zunz den Seinen zu nennen. — Sein Leib ist längst in Staub zerfallen, akr sein Geist und die von ihm besonders durch seine unvergänglichen Werke geschaffene Anregung wirkten lebhaft weiter in seinen Jüngern fort, und so bleibt der Ausbau seiner Forschungen der Nachwelt über laffen, in deren wiffenschastlich thätigen Kreis auch ich mich gestellt. Im Begriff, mit der Drucklegung des überschriftlich genannten, zu den ältesten Erzeugniffen der jüdischen Litteratur gehörigen Werkes zu beginnen, das ich verehrungsvoll dem Andenken Leopold Zunz' zu widmen gedenke, sei es mir gestattet, die geehrten Leser ein wenig mit der Geschichte und der Bedeutung des „kleinen" Sifre vertraut zu machen, dessen erste wissenschaftliche Behandlung eben auf unfern Altmeister Zunz zurückgeht. Seitdem Zunz der wiffenschaftlichen Welt in seinem berühmten Werke „Gottesdienstliche Vorträge der Juden, historisch entwickelt", eine Geschichte des litterarischen Geisteslebens des Judenthums geboten und gar manches jüdische Litteraturwerk, das im Laufe der Zeit verloren gegangen zu sein schien, kompilatorisch entdeckt und aufgefunden hatte, ist manches Produkt des jüdischen Geistes in Handschriften aufgefuuden und von gelehrten Männern herausgegeben worden — der verstorbene Wiener Oberrabbiner Dr. Adolf Jellinek und der Lemberger weltbekannte Salomon Buber stehen bei Weitem oben an — und die meisten Resultate seiner Forschung aufs Glänzendste bestätigt worden; aber e i n Werk war es besonders, das überaus stiefmütterlich behandelt wurde und in das Meer der Vergessenheit gesenkt zu sein schien. Hieß es doch der „kleine Sifre" (Sifre sutta), schien es doch nach seinem Beinanilin keine andere Berechtigung in der Wiffenschaft zu haben, als die eines unmündigen, unbedeutenden Stiefkindes. — Zunz hat des Sifre sutta in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen" S. 48, Anm. d (2. Ausl. S. 51) in Kürze unter Anführung einiger Stellen, an denen derselbe zitirt wird, gedacht; rühmend hervorgehoben werden muß auch die Herausgabe der Mechiltha und besonders des SifrL des greisen Wiener Lektors I. H. Weiß, der auch im 2. Bande seines mehrtheiligen, hebräischen Werkes „vor dor wedorschow“ den halachischen Midraschim seine Kritik und Darstellungsgabe zugewandt hat. Nachdem nun auch der gelehrte Lektor am Wietter Beth ha-midrasch und dem neugegründeten Rabbinerseminar in Wien, Herr M. Friedmann, in seiner bekannten Edition der „Mechiltha" in einem Anhänge der zugehörigen Sifrö sutta-Stellen in Maimonides' Sefer ya-mizwoth Erwähnung gethan, ließ es sich der der jüdischen Wiffenschaft leider allzufrüh entrissene Frankfurter Rabbiner Dr. Nehemias Brüll angelegen sein, unfern vergessenen Midrasch in einer monographischen Arbeit „Der kleine Sifre" zu behandeln, welche der Professor Grätz zum 70. Geburtstag gewidmeten Jubelschrift einverleibt ist (S. 179—193). Sind auch die von Brüll zusammengestellten Citate des Midraschs nicht durchgängig korrekt und vollständig, so legen sie doch deutlich Zeugniß ab für die bekannte Akribie und Belesenheit jenes bekannten Forschers, mit der sich unablässig eine hilfsbereite, warme Theilnahme anderer Forscher, auch Anfänger verband. — Mein verehrter Lehrer, der als Midraschkenner wohlbekannte Dozent am Berliner Rabbinerseminar. Herr Dr. D. Hoffmann, hat in seiner Programmarbeit „Zur Einleitung in die halachischen Midraschim" (Beilage zum Jahresbericht des Rabbinerseminars, 5647 — 1886/87) S. 59—66 in dem Kapitel „Sitre sutta" die Untersuchungen Brüll's weiter fortgeführt, gar manches berichtigt und hinzugefügt und dadurch die Wege geebnet, eine kompilatorische Edition des genannten Midraschs vorzunehmen. Dr. Hoffmann richtete damals an mich die Aufforderung, den Sifre sutta zu kompiliren und, soweit als möglich, textkritisch zu bearbeiten; natürlich sollte mit dieser Publikation die erforderliche Quellenangabe und Berücksichtigung der talmudischmidraschischen und anderer einschlägiger Parallelen verbunden sein. Ich war „bei der Arbeit," als „ein Wort über die Mechilta des R. Simon" vom hiesigen Seminarrabbiner Dr. I. Lewy, als Beilage zum Jahresbericht des hiesigen jüdisch-theologischen Seminars (1889) erschien, eine hochinteressante, scharfsinnige Schrift. Das für meine Midraschedition Wichtigste an Dr. Lewy's Arbeit ist immerhin der Hinweis auf den noch immer handschriftlichen, in einem Exemplar auch der Königlichen Bibliothek zu Berlin gehörigen, auf den Pentateuch bezüglichen Midrasch ha-gadol, in dem „reichhaltige und korrekte Excerpte aus Sifre sutta" enthalten sein sollten (S. 2, Anm. 1). Durch den Anschluß an den Midrasch ha-gadol, der in seinem Theile zu Numeri, dem 4. Buche der heiligen Schrift, den Sifrö sutta zum größten Theil enthält, und das midraschische Sammelwerk „Jalkut Schimeoui" war mir ein vortrefflicher Leitfaden für die Herausgabe und Kommentirung des Sifre sutta gegeben, den ich willig in Anspruch nahm, wenn ich auch erfahren hatte, daß Herr S. Schechter, Lektor für Talmud an der Cambridger Universität, die Herausgabe des ganzen Midrasch ha-gadol plant. (Leider hat dieselbe bis hellt noch nicht ihren Anfang genommen.) Aber man wird mich, falls es dessen wirklich bedarf, sicherlich schon darum entschuldigen, weil ich bereits an die Herausgabe des Sifre sutta dachte, bevor ich von der Existenz des Midrasch ha-gadol eine Ahnung hatte, und wohl thöricht gehandelt hätte, hätte ich den letzteren, nachdem ich won ihm Kenntniß erhalten, für meine Edition nicht verwerthet. Zudem durfte ich mir sagen, daß Herr Schechter sich bei der Herausgabe des Midrasch ha-gadol wohl nicht so sehr in Einzelheiten einlassen würde, als es mir bei der Bearbeitung eines Theiles desselben geboten erschien, und man in seinem Midrasch ha-gadol doch keinen selbst- und vollständigen Sifrö slltta haben würde, woran gerade mir gelegen war. — Ich ging nun daran, die genannte Arbeit Dr. Hoffmann's unter Verwerthung des Midrasch ha-gadol und eigne sonstige Resliltate zu ergänzen uub legte der jüdischen Wissenschaft meine Erstlingsarbeit: „Die Quelle» der Halachah, I. Theil: der Midrasch, unter Benutzling handschriftlichen Materials bearbeitet, (Berlin 1890)", vor. Auch über den Sifre sutta konnte ich (S. 111—127) einiges Neue niederlegen; Ergiebigeres dürfte jedoch erst aus der vollständigen Bearbeitung und Herausgabe des Midraschs resultiren. Dankbar für die mir seitens der verehrlichen Zunzstiftung zur Drucklegung