Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-08-24 · Heft 34 (24.8.1894) · p. Seite 401

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 34 (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228075--51058-3273901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

401 Unterricht, in welchem dem Knaben das Verständniß für-die große Vergangenheit seines Volkes beigebracht werden sollte, und das Fehlen des jüdischen Wissens in Verbindung mit allgemeiner Bildung hat jene eben berührte Einseitigkeit zur Folge, die eine gewisse Spaltung herbeisührt. Bei Allen macht sich aber dieselbe Lauheit in Betreff der Fragen, welche das Judenthum bewegen, bemerkbar, wenn auch die Veranlassungen dazu nicht dieselben sind. Während bei dein Gros der Höhergebildeten die Gleichgiltigkeit aus der Entfremdung herrührt, sehen die Uebrigen in der Beförderung anderer, als ausschließlich religiöser Bestrebungen, eine Gefährdung des Altüberlieferten. So erklärt sich's denn auch, daß z. B. die Kolonisationsbestrebungen in de» Ostseeprovinzen neben manchen Gleichgiltigen und Gegnern nur wenig Gönner aufzuweisen haben. — Nicht wenig trägt zu diesem Jndifferentismus weiterer Schichten der jüdischen Bevölkerung der Umstand bei, daß die dortigen Rabbiner fast ausschließlich ihrem talmudischen Wissen leben und jede Kultusfrage bei ihnen alle übrigen Interessen der Nation in den Hintergrund drängt, wobei der Mangel einer allgemeinen Bildung sie von vornherein von der Intelligenz, welche für die talmudische Weisheit kein Verständniß haben kann, trennt. Nur die größten Städte, wie Riga, Mitau und Libau, besaßen und besitzen Rabbiner, welche durch das Gewicht ihrer allgemeinen Bildung auch nach dieser Richtung hin von Einfluß zu sein vermögen. In den kleineren Städten aber ist das Hauptstreben darauf gerichtet, das Talmudstudium möglichst zu verbreiten, und werden dazu, wie im übrigen Rußland, Kinder im frühesten Alter herangezoge», welche, ohne irgend einen andern Unterricht als den jüdischen genossen zu haben, uiimöglich das richtige Verständniß dafür besitzen können. Aber leider sieht ein sehr großer Theil der Inden auch hier noch in diesem Studium allein de» Anfang aller Weisheit, und wie vor längstvergangener Zeit können Sie auch allsonnabendlich in den kleineren Städten der Ostseeprovinzen eine zahlreiche Menge wahrnehmen, die am Nachmittage in das Beth Hamidrasch strömt, um sich hier an den Worten des Wanderredners vulgo Magid zu erbauen, der mit Dantescher Meisterschaft seinen Zuhörern die Qualen des Gehinnom (der Hölle) auszumalen versteht, »ach welchen er ihnen dann freilich auch ein Stück des Leviathan in Aussicht stellt. D. F. Roger Williams, ein Apostel der Glaubensfreiheit und Anwalt der Inden. Von Dr. M. Kayserling. einigen Jahren hat Herr Oskar S. Straus in New-Iork, der frühere Gesandte der Nordamerikanischen Freistaaten Js btt der Pforte und der gegenwärtige Präsident der „Amerikanisch-Indisch-Historischen Gesellschaft", auf Grund umfassender Studien in seinem Werke „The Origin of republican form of government in the United States“ den Nachweis geliefert, daß die Gründer der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten die Bibel, d. h. die altjüdische Verfassung, zum Muster für ihre Verfassnngsform genommen haben. Gewissermaßen im Anschluß an diese auch ins Französische übersetzte Schrift hat jetzt Herr Straus als Ergebniß sorgfältiger Studien das Lebens- und Charakterbild Roger Williams, eines der frühesten Kämpfer für Glaubens- und Gewissensfreiheit, des Gründers von Rhode-Jsland, in einem umfassenden Werke zum ersten Male dargestellt.*) Roger Williams, in Wales geboren, studirte auf Wunsch seines Gönners, des großen Rechtsgelehrten Eduard Cocke, unter dessen Führung die englischen Presbyterianer sich eine völlige Organisation gegeben hatten, zuerst Jurisprudenz, widmete sich aber bald, seiner Neigung folgend, dem Studium der Theologie und wurde Kaplan in einem kleinen Orte in Essex. Schon als junger Mann stand er auf Seite der radikalen Puritaner, so daß er, von dem Primas von England, dem päpstlich gesinnten Bischof Land, verfolgt, mit mehreren Anderen sich entschloß, nach Amerika auszuwander». Aber auch hier gerieth er mit den weltlichen und geistlichen Behörden bald in Konflikt: sein ganzes Leben war ein fortwährender Kampf für sein Prinzip, für die Freiheit des Glaubens und des Gewissens. Unerschütterlich treu seinem Prinzip wurde er auch ein Anwalt der Juden. Ec übte, was bisher nicht erkannt wurde, direkten Einfluß auf die Freiheit, welche ihnen in England eingeränmt wurde, ebensowohl wie auf die freie Stellung, welche sie sehr früh in Amerika genossen. Mit Hngh Peters, den Sekretär Cromtvells, der schon im Jahre 1648 für den Wiedereintritt der Juden in England seine Stimme erhob, mit Thomas Goodwin und Philipp Nye, welche Mitglieder der Kommission waren, der die von Menasse ben Israel dem Protektor Cromwell überreichte Petition zur Begutachtung überwiesen worden, mit dem Dichter John Milton, der in seiner „Areopagitica" mit zündender Begeisterung die Freiheit, die Mutter aller großen Gedanken, sowie die Wahrheit als die höchsten Güter der Erde pries, und mit anderen Independenten, welche Gleichheit in allen staatlichen und religiösen Angelegenheiten anstrebten, war er innig befreundet. Und als sich Roger Williams später im Jahre 1653 in England aufhielt, um die Anerkennung der von ihm gegründeten Kolonie zu erlangen, reichte er der Kommission, in der Cromwell den Vorsitz führte, im Verein mit mehreren Gesinnungsgenossen eine Petition ein, in welcher er völlige Toleranz forderte und in der es u. A. heißt: „ob es nicht die Pflicht der Obrigkeit wäre, den Juden zu gestatten, frei und friedlich unter uns zu leben". Zugleich erhob er für den Wiedereintritt der Juden in England seine Stimme. „Ich erachte es für Pflicht der Obrigkeit", heißt es in einem jener Petition beigelegten Memorial, „niederzureißen jene abergläubische und gewissensängstliche Scheidewand zwischen uns und den Juden und ihnen das freie und friedliche Wohnen unter uns zu gestatten. Wie andere Nationen hat besonders diese Nation sammt ihren Königen allen Grund zu fürchten, daß die unchristlichen Bedrückungen und Grausamkeiten, welche diese Nation gegen die Juden so lange geübt hat, gen Himinel schreien gegen diese Nation, ihre Könige und Regenten. Welch schreckliche Bedrückungen und schreckliches Blutvergießen haben die Juden von den Königen und Völkerschaften Englands erduldet unter den Regierungen Heinrichs II., Königs Johann, Richards I. und Eduards I.! Nicht allein wir, auch diese Juden haben die Grenelthaten in ihren Chroniken verzeichnet." Noch bevor Menasse ben Israel in London eintraf und die Judenfrage zur Verhandlung gelangte, trat Roger Williams, nachdem er die Anerkennung der von ihm gegründeten Kolonie erlangt hatte, die Rückreise nach Amerika an, Rhode-Jsland wurde die Zufluchtsstätte aller Verfolgten: ohne Unterschied des Glaubens und des Bekenntnisses konnte Jeder, welchem Lande und welcher Nation immer i) Roger Williams, the Pioneer of religious Liberty, by Oscar 8. Straus. New-York, The Century Co. 1894 (XIII, 257 S.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.