Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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403 bewilligte Subvention und mit Rücksicht darauf, daß Leopold Zunz es gewesen, der zuerst auf diesen Midrasch hingewiesen, fühle ich den Drang in mir, des gefeierten Verstorbenen Namen als den eines „äeus äeäieatus" an die Spitze meiner Publikation zu setzen. Ich habe eben mit dem Drucke begonnen und gedenke den Midrasch im Selbstverläge in ca. 5 Lieferungen erscheinen zu lasten. Was für eine Bewandtuiß hat es nun mit dem Sifrä sutta? Vielleicht interessirt es manchen der geehrten Leser, etwas Näheres hierüber zu erfahren. Den gesetzlichen Lehrstoff, welcher zur Ergänzung der fünf Bücher Moschehs diente und in den jüdischen Lehrhäusern neben jenen einherging, nannte man die mündliche Lehre. Der Einheitlichkeit der Grundanschauungen derselben trat die Partcispaltung von Sadduzäern und Pharisäern wirkungsvoll gegenüber, und die Theilung der Lehrmeinungen erhielt durch die Koustituirung der Schulen Schammai's und Hillel's ihre offizielle Vertretung. In der ersten scheint das Gesetz einfach gelehrt worden zu sein, in der letzteren, welche die ältere war, ward es zum ersten Male systematisirt. Darum gilt auch Hillel als der Erste, »velcher ausdrücklich 6 resp. 7 Deutungsregeln aufstellte. In der Folgezeit stagnirt der halachische Kampf ein wenig. Zwar werden den einzelnen Ansichten der Gelehrten Gegenmeinungen gegenübergestellt, aber die neben einander wirkenden beiden jeweiligen Hauptgelehrten ordnen sich nach ihrem Amte unter und wirken friedlich neben einander. Bon einzelnen Auftritten abgesehen, geht die halachische Doctrin ruhig ihren Entwickelungsgang. Erst die Neugestaltung des politischen Lebens scheint auch eine neue Phase in der jüdisch-halachischen Welt herbeigeführt zu haben. Das ist die Zeit Rabbi Akiba's und Rabbi Jsmael's. Von dieser an fließen alich die im Talmud enthaltenen Berichte und Zeugniffe reichlicher. Akiba ist auch der Erste, von dem wir durch eine Mittheilung des um die Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts lebenden Rabbi Jochanan hören, daß er den gesetzlichen Theil des Pentateuch vollständig behandelt habe (Sanhedrin 86a). In seiner Schule wurde auch die Geschichte der Welt, der Hebräer bis zum Judenthum zur Zeit Christi behandelt, sowie das Gesetz kodifizirt und mit Additamentis versehen. Hatte man sich früher damit beschieden, die einzelnen gesetzlichen Bestimmungen durch Deutung aus dem Schriftworte zu lehren, so ging man jetzt daran, das Gesetz in seiner Totalität vom Texte loszulösen und ohne Deutungen zu sammeln. Das erste war der Midrasch, das letztere die Mischnah, kurzweg auch Halachah genannt. Das dritte Buch Moschehs, mit dem man in den Lehrhäusern den gesetzlichen Unterricht begann — der Uebersetzungsunterricht begann nicht, wie man allgemein nach einer Erklärung Raschi's annimmt, gleichfalls mit Leviticus, sondern mit Genesis 1—9,17, worauf Leviticus 1—12 folgte (Gittin 60a) — ward bei der Sammlung des halachischen Midrasch kurzweg „das Buch" (Sifrä) genannt, vielleicht darum, weil sein erster Sammler. Rabbi Jehudah ben Jlai, Akiba's Schüler, auch sonst das „Haupt der Redner (Vortragenden?)" genannt, nur dieses redigirte, sodaß Sifrä (K1SD) „ein Buch" bedeuten würde. Die übrigen Bücher des Pentateuch, deren Sammlung Rabbi Simon (ben Jochai) begann, hießen: „Die (übrigen) Bücher" (Sifrä: i“ffiD). An diesen Werken ist Rabbi Jsmael, ein späterer Zeitgenosse Rabbi Akiba's, nach Maimonides (anfänglich) besten Schüler, vollständig unbetheiligt. Aber er gründete später, als er die rabbinische Ordination erhalten hatte, eine eigene Schule, lehrte den Midrasch auf andere Weise als Akiba, indem er das Gesetz mit Hilfe der von ihm aufgestellten dreizehn Deutungsregeln ableitete. Sein ganzer Midrasch hieß darum Mechiltha (Krfr’att), eig. ein auf festen Regeln basirendes Werk, gnd erstreckte sich auf dieselben Theile des Pentateuch, wie der Midrasch Akiba's. Erst zur Zeit Rabbis, wo die schriftliche Kodisizirung der anerkannten Halachah in der Mischnah (rWfc) erfolgte, ging man auch daran, den Midrasch abzufaffen. Den Schluß dieser Redaktion bildet, wie ich in meiner genannten Arbeit weiter nachgewiesen habe, die Thätigkeit des oben erwähnten Rabbi Jochanan — sowohl für den Midrasch als auch für die Mischnah. Die uns bisher bekannt gewesenen halachischen Midraschim enthalten eine Mischung der Midraschim Akiba's und Jsmael's. Wie längst erwiesen, entstammt der Midrasch zu Exodus und Numeri der Schule des Letzteren, die zu den anderen Theilen des Pentateuch derjenigen Akiba's. (Weshalb nun unser gesetzlicher Midrasch zu Exodus Mechiltha heißt, habe ich nach dem Urtheile meines genannten Lehrers genügend erklärt.) Aber die Letzteren enthalten deutliche Spuren vom Eindringen der Midraschim Jsmae'ls, und es macht den Eindruck, daß im Lehrhaus (21 '2) vorwiegend Jsmael's Schüler herrschten und, während man in das Pensum auch zwei Wdraschtheile aus Akiba's Schule aufnahm, diese in ihren Lücken und sonst mit fremden Bestandtheilen durchsetzte. Der anfangs erwähnte Midrasch-ha-gadol hat in die Geschichte des halachischen Midrasch ein bedeutendes Licht geworfen. Mir war es vergönnt, zuerst darauf hinzuweisen, daß der Midrasch ha-gadol die bisher bekannten Midraschtheile zu Leviticus und Denteronomiilin wesentlich korrigirt und ergänzt, und ich war sogar in der Lage, einen Wink dafür festzustellen, wie man im letzteren die Arbeit Akiba's und Jsmael's unterscheiden könne. Noch weit intereffanter muß aber die Feststellung der Thatsache sein, daß im Midrasch ha-gadol zu Exodus und Numeri die entsprechenden bisher vermißten Werke aus Akiba's Schule enthalten sind, und meine gegenwärtige Aufgabe ist es, den letzteren, unter dem Namen „Sifrä sutta" bekannten Midrasch herauszugeben, durch anderweitig sich vorfindende Citate zu ergänzen und zu kommentiren. Nach Beendigung dieses gedenke ich auch eventuell die akibaschen Midrasch zu Exodus herauszugeben. — Ich bemerke noch, daß Sifrä sutta nicht, wie man annahm, kleiner Sifrä bedeutet, sondern „späterer Sifrä", eine Benennung, die wohl auf dem späteren Bekanntwerden desselben fußt und einen der bekanntesten Bibliographen, der von der Bedeutung unseres Sifrä sutta keine rechte Ahnung hatte, zu der Bemerkung veranlaßte, der Siffrä sutta sei nach seinem Beinamen xtfli* entschieden von untergeordneter Bedeutung. Noch ein Faktum will ich den geehrten Lesern erzählen. Mit Ausnahme des Sifrä (Thorat Kohanim) erstreckt sich kein Midraschtheil, soweit sie alle bisher bekannt waren, auf alle Perikopen des betreffenden Buches des Pentateuch. Auch zum Sifrä zu Numeri fehlte die Behandlung des ersten Wochenabschnittes. Mir ist es nun möglich gewesen, auch den Midrasch zu diesem im Midrasch ha-gadol Wiederzufinden, und wenn es auch eigentlich nur der Midrasch Akiba's ist, so ist es doch wohl von Belang, wenn ich schon heut mittheile, daß ich in der Lage, an einer Stelle dieser ersten Perikope deutlich eine Zusammenfügung des Midrasch Akiba's und desjenigen Rabbi Jsmael's zu konstatiren. Auch die übrigen Fünftheile des Midraschs ergänzt der Midrasch ha-gadol. Der Midrasch ha-gadol zu Numeri enthält aber den Sifrä sutta weder vollständig noch allein. Es ist daher die Aufgabe des Herausgebers, das Fehlende durch Kompilation anderswo angeführte Citate zu ergänzen, und den ajadischen und anderswo hingehörigen Beipack hoszulösen, auszuscheiden. Hoffentlich ist es mir im Ganzen und