Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus Amerika. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. ugenblicklich stehen hier zwei Ereignisse am Horizont des allgemeinen Interesses: ein Skandalprozeß und ein Antrag auf Abänderung der Konstitution. Der elftere betrifft den als politischer Redner gefeierten Kongreß-Deputirten Colonel Brekinridge und ist den kirchlichen Kreisen ebenso peinlich, als er den antikirchlichen, unitarischen und jüdischen Zeitungen willkommenen Stoff zu Kommentaren über das orthodox-christliche Sittlichkeits-Monopol giebt. Brekinridge hat als verheiratheter Mann ein unsittliches Verhältnis mit einem Schulmädchen angesangen und daffelbe durch neun Jahre fortgesetzt, es dann abgebrochen, als er durch den Tod seiner Frau freie Hand bekam und eine reiche Wittwe geheirathet. Die Verführte hat einen Prozeß wegen Bruches des Eheversprechens angestrengt und einen Schadenersatz von 15,000 Dollar zugesprochen erhalten. Der Bruch des Eheversprechens wird nach englisch-amerinischem Gesetze sehr strenge bestraft, wie die Leser dieses Blattes wohl aus Dickens' trefflicher Schilderung in den „Pickwickier" wissen, und unter den Juden der ärmeren Einwandererklasse kommen manche gerichtliche Erprefsungsversuche unter diesem Titel vor. Sehr bezeichnend travestirt ein Schriftsteller, der kürzlich mit meisterhaftem Geschicke die Leiden der „grünen" Einwanderer in einer Artikelserie, betitelt: „Briefe des Lithauers Jerocham, aus dein Jargon ins Hebräische übersetzt", im New-Aorker „Ha-ibri", dem einzigen hebräischen Blatte des Landes, schildert, das Gesetz (Baba Kamnia 87a) Hin fWPJfi ITiPKm ISin Mit einem Weibe zusammenzutreffen ist ein Unglück. Der angeführte Prozeß hatte dadurch eine besondere Bedeutung, daß Brekinridge ein Mitglied des orthodoxesten Kreises der orthodoxen Presbyterianerkirche war und öfter in kirchlichen Versammlungen. einmal auch in einem kirchlichen College, einem Damenpensionat, Vorträge gehalten hat und mit besonderem Nachdruck die Reinheit des Weibes predigte. Die öffentliche Meinung in Amerika ist in diesem Punkte ebenso mächtig als streng, und die Kirche mußte Brekinridge ausschließen. Begreiflicher Weise giebt es außerhalb derselben viele Stimmen, die rufen: Ich danke dir, daß ich nicht bin wie dieser. Allerdings wird man in allen Lagen die Heilslehre des 32. Psalms befolgen und die Sünden zudecken, so lange man kann, Ich könnte in dieser Richtung vielleicht Manches erzählen, aber in Rücksicht darauf, daß die „Allgemeine Zeitung des Judeiithrnns" hier zu Lande viel gelesen wird und die Veröffentlichung meiner Artikel daselbst immer ein regelrechtes Schnellfeuer der hiesigen Presse auf mich Hervorrust, will ich nach dem talmudischen Grundsätze NL' ‘■JfTlp’TUP (Jebamoth 65 a) handeln, zumal ein so unbestreitbar orthodoxer Vorgänger Rabbi Moses Sofer in einer kitzlichen politischen Frage dieses Verhalten empfiehlt. Umso mehr ist es meine Pflicht, um Mißdeutungen vorzubeugen, hier zu bemerken, daß unter den hiesigen Rabbinern, und ganz besonders unter der jüngeren Generation, jener strenge Sittlichkeitsmaßstab respektirt wird, welchen das amerikanische Volk an das Verhalten des Geistlichen anlegt und welcher hier der Kirche umso mehr zur Pflicht gemacht wird, als sie sich eines Privilegiums nicht erfreut. Das Thema von den gebrochenen Weiberherzen bringt mich auf eine Eigenart des amerikanischen Lebens zu sprechen, an welcher mehr als an allem Anderen sich die Thatsache beweisen läßt, daß die jüdischen Lebensanschauungen sich rasch der Umgebung assimiliren. Der „Schadchen, der in den feinsten Familien Zutritt hat", — wird hier weder gesucht, noch bietet er sich an. In den zahlreichen jüdischen Blättern des Landes, — es giebt deren etwa 20, die Jargonblätter 303 --- ungerechnet — die in Bezug auf Annoncen nicht allzu wählerisch sind, findet sich der „Onkel Jonas" nicht. Der jüdische junge Mann wirbt hier wie jeder Andere durch Besuche, auf Bällen, Ausflügen und mit allen den Waffen, welche Amors Rekruten zur Verfügung haben. Die ältere Tante oder jüngere Schwester der Angebeteten steht ihm dabei nicht im Wege. Er darf seine Sulamith allein ins Theater führen; er darf mit ihr eine Spazierfahrt im landesüblichen zweisitzigen Buggy machen, das jeder amerikanische junge Mann allein zu regieren weiß, wie er auch den Fischsport und das Tabakkauen verstehen muß. Alle diese Rechte hat der junge Manu, noch ehe er sich erklärt, und nur, wenn diese Erklärung zu lange auf sich warten läßt, wird ihm bedeutet, daß er seine Besuche einstellen inöge. Nach Mitgift wird nicht gefragt werden; wenn auch der Werber weiß, daß man ihm am Hochzeitstage einen Check einhändigen wird, so wäre doch eine vorherige Frage nach der Höhe dieser Summe eine solche flagrante Verletzung des Anstandes, wie wenn etwa bei uns an der Hochzeitstafel der Bräutigam nach der Höhe der Summe gefragt würde, welche ihm die Ruhe seines Herzens gekostet hat. Eine Ausnahme kommt nur unter den jüngsten russisch-polnischen Einwanderern vor, von denen mitunter Klagen des Schadchen um verweigerte» Liebeslohn vor die Gerichte kommen. Die im Lande herangewachsene Generation aber wird selbst in diesen Kreisen nur nach amerikanischer Methode gewonnen, und mit Schmerzen klagt mancher Vater über das Aussterben der guten alten Sitte, welche ihm das erste und letzte Wort zuerkennt. Trotzdem wäre es ein Jrrthum, wenn man glauben wollte, daß Töchter reicher Häuser keine besseren Chancen haben als die, welche die nöthige Vorsicht in der Wahl ihrer Eltern aus den Augen gelassen haben, oder daß hier nur Diejenigen als alte Jungfern ihr Dasein beschließen, welche selber nicht wollen. Außer dem „ehrenwerthen" — der Titel, welcher Beamten und Deputirten zusteht — Herrn Brekinridge waren zwei andere Kongreßmitglieder, die Herren Frye und Morse, die Zielscheibe heftigster Angriffe in den jüdischen Blättern. Die beiden Herren, von denen der Erstere dem Senat, der Letztere dem Hause der Repräsentanten angehört, haben in diesen Vertretungskörpern einen Antrag eingebracht, wonach der Glaube an Gott, an Jesus Christus und die Inspiration der Bibel in die Konstitution der „Vereinigten Staaten" aufgenommen werden soll. Das klingt ein wenig sonderbar in dem Lande, welches seit seiner Gründung sich einer völligen Religionsfreiheit erfreut und deffen Konstitution in dem ersten Artikel des Amendements die Bestimmung enthält, daß der Kongreß kein Gesetz erlassen darf in Bezug auf die Anerkennung einer Religion oder in Bezug auf das Verbot der freien Ausübung derselben. Es ist aber doch so. Der Grund dieser auffallenden Erscheinung ist die leider hier zu Lande herrschende Demagogie, die sich nicht nur in der Käuflichkeit der Aemter und der öffentlichen Vertrauensmänner der kommunalen, Staats- und Bundesverwaltung, sondern noch mehr in der Offenheit kundgiebt, mit welcher der Schacher in politischen Dingen getrieben wird. Die Kirche ist, obwohl jedes staatlichen Schutzes entbehrend, eine organisirte Macht, und es erscheint dem Politiker, der sich in der Macht erhalten will, rathsam, sich die Unterstützung der Kirche zu sichern, daher der Antrag, über deffen Aussichtslosigkeit die Antragsteller sich ebenso wenig einer Täuschung hingeben, als die ultramontanen Abgeordneten, welche in katholischen Staaten die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes verlangen. Ich setze den Antrag im Wortlaute hierher, wobei ich die Worte welche nach dem Wunsche der genannten Herren in die Konstitution