Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. Seite 304

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228067--50921-3273756
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

304 eingefügt werden sollen, durch Parenthese bezeichne: „Wir. das Äolk der Vereinigten Staaten, — indem wir die höchste Autorität und die gerechte Regierung des allniächtigen Gottes in allen Geschicken der Menschen und Nationen demüthig anerkennen, dankbar für unsere bürgerliche und religiöse Freiheit, ermuthigt durch die Versicherung Seines Wortes, seine Leitung anzurufen, als eine christliche Nation, in Uebereinstimniung mit dein von ihm vorgezeichneten Wege durch Jesus Christus — in der Absicht, eine vollkomniene Einheit zu bilden, Gerechtigkeit zu etabliren, inneren Frieden zu sichern, für die Vertheidigung des Vaterlandes Vorsorge zu treffen, die allgemeine Wohlfahrt zu fördern und sie uns und unseren Nachkommen zu sichern, verordnen und gründen diese Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika." Das Merkwürdigste an der Geschichte dieser Bewegung ist nach meiner Anschauung, daß die katholische Presse sich entschieden dagegen erklärt hat. Der „Catholic Telegraph" sagt ausdrücklich, es sei ungerecht gegen die Juden und andere loyale Bürger, welche eine solche Anschauung nicht theilen, das Volk der Vereinigten Staaten als christliche Nation zu bezeichnen, und fügt die wahren Worte hinzu, daß es bester sei, den Geist Gottes in dem öffentlichen Leben erscheinen zu lasten, als seinen Namen in die Konstitution zu setzen. Ueberhaupt sind die Katholiken hier sehr warme Verfechter der religiösen Freiheit, was sie mit großer Emphase betonen, da sie in dieser Beziehung immer verdächtigt werden. Die antikatholische Bewegung, genannt American Protective Association (Gesellschaft zum Schutze amerikanischer Einrichtungen), ist noch immer im Wachsthum begriffen. Ihr Hauptzweck ist es, die Wahl eines Katholiken zu öffentlichen Aemtern zu verhindern, und sie haben in dieser Richtung schon unzweifelhaft Erfolge aufzuweisen gehabt. Sie verschmähen es nicht, die schändlichsten Märchen über die Absichten der Katholiken zu verbreiten, worunter besonders das eine beliebt ist, daß hie katholischen Kirchen geheime Waffenarsenale seien, in welchen die Katholiken sich für eine neue Bartholomäus-Nacht vorbereiten. Auf ein solches thörichtes Gerücht hin ließ vor einiger Zeit der Major von Toledo, Ohio, die Miliz ausrücken. Das ist eine merkwürdige Retreation für die Blutbeschuldigungen von Tisza-Eszlar, Tanten, Kolin u. s. w. und für die Broschüren von Rohling. Der Antrag der Herren Morse und Frye ist todtgeboren, ein pretentiöses Feuerwerk, das bald ohnmächtig verpuffen wird, nur den Salpetergeruch zurücklassend, geradeso wie die Artikel, welche protestantische Geistliche über diesen Gegenstand veröffentlichen, von denen einer, Bischof Coleman, behauptet. Amerika sei eben deswegen eine christliche Nation, weil diese Thatsache nicht in der Verfassung ausgedrückt sei, ein anderer, Bischof Marren von Denver, behauptet, die gegenwärtige finanzielle Bedrängniß werde nicht früher weichen, bis der Glaube an Jesus Christus in die Konstitution ausgenommen worden sei. Ein weiterer Erfolg der Herren Frye und Morse ist. daß sie die jüdische Kanzel und Presse mit einem Stoffe versorgt haben, der jedenfalls wichtiger ist als die große Masse dessen, was sonst ihre Spalten füllt. ' Doch hier muß ich abbrecheii, denn mir geht es wie der räthselhaften Dame im hohen Liede: Die Söhne meiner Mutter nehmen Anstoß an mir und, wenn ich mehr sage, so werden, wie es schon hie und da geschehen ist, Thürold, Hugo Schenk und Francesconi als die reinen Unschuldsengel im Vergleiche zu mir geschildert werden. Ich will nur noch eine höchst bedeutsame Publikation erwähnen: die Sammlung der Vorträge, welche bei dem Kongreß der Weltreligionen und dem zur selben Zeit abgehaltenen jüdischen Kongreß vorgelesen wurden. Dieselben liegen in einem respektablen, schön ausgestatteten Bande von 418 Seiten vor. Der reiche Inhalt der Vorträge, welche Theologie, Geschichte, Ethik, Verhältniß des Judenthums zu Staat und Gesellschaft, innere Organisation und Allgemeines umfaffen, ist ein würdiges Denkmal jenes bedeutenden Ercigniffes. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist das Judenthum als gleichberechtigter Faktor neben den anderen Weltregionen ausgetreten, und wahrlich, es hat sich seiner Leistungen nicht zu schämen. Um so bedauerlicher ist es, daß die Ephraimiten jenseits des Ozeans uns arme Gileaditen allein gelaffen haben, wo es galt, das Judenthum vor der ganzen Welt zu repräsentiren. Der Union of American Hebrew Congregations gebührt der aufrichtigste Dank aller Bekenner des Judenthums für die Liberalität, mit der sie dieses Unternehmen gefördert hat. Meine persönliche Freude an dem Buche ist dadurch tief herabgestimmt, daß der Name Mendelssohn's in meinem Vortrage immer Mendelsohn gedruckt ist, was ich hier zu erwähnen müffen glaubte, um künftigen Rezensenten zuvor zu kommen. Als denkwürdig ist auch ein Vortrag eines Nichtjuden, Professor D. G. Lyon, über den Antheil der Juden an der Civilisation und die Ansprachen des Erzbischofs von Zante gegen die Blutbeschuldigung und die Begrüßung des jüdischen Frnuenkongreffes durch Erzbischof Jreland v. St. Paul beigegeben. Da die christliche Gelehrtenwelt mit Eifer nach Information über das Judenthum sucht, ist die Herausgabe dieses Werkes ein Kiddusch haschem im besten ^Sinne des Wortes. Ich habe übrigens noch einen ganzen Vorrath an Notizen gesammelt mit der Absicht, deutschen Lesern einen möglichst klaren Begriff vom amerikanischen Judenthum zu geben, zuerst von den tiefeinschneidenden Reformen, als dem Fortschritte des Sountagsgottesdienstes, dem Aufgeben der Thorarolle als eines „silbergeschmückten Fetisch" (!), dem Fortschritt im Antiritualismus, der so weit geht, daß ein Rabbiner am letzten Versöhnungstage ungefragt von der Kanzel herablerklärte, er halte sich verpflichtet, zu erklären, daß er nicht gefastet habe, weil ihm sonst das Predigen zu schwer geworden wäre! Derselbe Herr hat inzwischen seine Stelle verlassen und ist Prediger einer konservativen Gemeinde geworden. Die konservativen Gemeinden rücken immer mehr nach links, besonders wenn sie einen neuen Tempel bauen, was hier etwa alle 20 Jahre geschieht. Dann ist ein sehr kitzliches Verhältniß zwischen eingewanderten und eingeborenen, zwischen wissenschaftlich gebildeten Rabbinern und den Kraftgenies der Jeschibah zu melden. Die russisch-polnischen Gemeinden führen häufig Prozesse um die Mizrachsitze und ähnliche Ehren; ihr Versuch, ein orthodoxes Aichamt für Koscher-Fleisch, Wein u. s. w. zu bilden, ist erbärmlich gescheitert, und der sogenannte Raw hakolel in New-Hort wird in einem orthodoxen Organe ein — meine Feder sträubt sich, es »iederzuschreiben — Schmock genannt. Von jüdischen Konvertiten wimmelt es im protestantisch-orthodoxen Lager. Die meisten begnügen sich ,,in plain Mammeloschen“ ihren Glaubensgenossen die einzige Heilslehre zu verkünden, Andere ziehen es vor, so wie seiner Zeit Eldad ha-dani und David Reubeni, als Prinzen eines von den zehn Stämmen gebildeten hebräisch-christlichen Reiches aufzutreten, und auch diese „machen ein Leben". Zum versöhnenden Abschlüsse will ich noch eine kurze Anekdote erzählen, die mir mein Freund I. S. Moses in Chicago, der rührigste liturgische Schriftsteller des Landes, mittheilte. Vor den lokalen Rabbiner-Verband Chicago'» wurde kürzlich von einem Juden, der in Civilehe eine Christin geheirathet hatte, die Frage gebracht, ob er am Rüsttage des Peffachfestes das Chomez seiner Frau verkaufen dürfe. Die Antwort wollte mir Moses nicht verrathen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.