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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 f Berlin. 26. Juni. ie Angelegenheit der Gebrüder Bonn, von denen der eine von dem Landgericht zu Cleve zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden, rückt durch einen Aufsehen erregenden Artikel in Nr. 38 der „Nation" in eine wesentlich neue Beleuchtung. Da es uns leider an Raum fehlt, um den vortrefflichen Artikel ganz abdrucken zu können, verweisen wir unsere Leser auf diese Zeitschrift selbst, in der der unermüdliche litterarische Kämpfer gegen antisemitische Tendenzlügen, Dr. Paul Nathan, in einem Artikel: „Unschuldig verurtheilt?" diesen Prozeß, welcher am 10. Mai vor dem Landgericht Cleve, dem Schauplatze des Prozesses Buschhoff, sich abgespielt hatte, einer eingehenden und streng sachlichen Kritik unterzieht. Die Brüder Bonn, zwei jüdische Metzger, waren angeklagt, zum Verkaufe an Christen bestimmtes Fleisch in widerlicher Weise besudelt zu haben, der Eine wurde freigesprochen, der Andere zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt, und zwar auf die Aussagen zweier blutjunger Maurergesellen, welche die That von einem benachbarten Grundstücke gesehen haben wollten und angaben, die Beiden hätten dabei in fremder, unverständlicher Sprache gesprochen. Dr. Nathan weist auf Grund eines ausführlichen Materials darauf hin, daß die Angeklagten von allen Zeugen das beste Leumundszeugniß als reelle Geschäftsleute erhielten, zeigt aber auch, daß lange vor dem Prozeß am Nieder- Rhein durch die antisemitischen Agitatoren Dr. König, Danneil und Pfarrer Laakmann die nichtswürdige Behauptung verbreitet worden sei, der Talmud gebiete den Juden, über Sonnabend unverkauftes, für Christen bestimmtes Fleisch zu besudeln; schließlich wirft der Artikel die Frage auf, ob angesichts der künstlichen Verhetzung der Bevölkerung am Nieder-Rhein das Urtheil auf Grund jener Zeugenaussage berechtigt sei. Die Angelegenheit wird demnächst das Reichsgericht beschäftigen. * Die antisemitische Presse sieht eine ihrer Hauptaufgaben darin, jeden Fall, in dem sich ein Jude etwas Ungehöriges zu Schulden kommen läßt, gewaltig aufzubauschen und daraus allgemeine Schlußfolgerungen über die Verderblichkeit des Judenthums im Ganzen herzuleiten. Allein nicht immer finden sie genug lasterhafte Israeliten, um ihr Hetzbedürfniß befriedigen zu können. Da haben sie es beim in neuerer Zeit zum Prinzip erhoben, wenn irgend ein Christ eine schmähliche Handlung begeht, die sich nach den« Antisemitenkordex nur Juden zu Schulden kommen lassen, den Christen einfach zum Juden zu stempeln. So sind in den letzten Wochen verschiedene hauptstädtische antisemitische Zeitungen genöthigt gewesen, sich wiederholt selbst zu dementiren. Das sogenannte unparteiische Blatt für nationale Politik, die „Tägl. Rundschau", hat es für angemessen gehalten, die gekennzeichnete Art der Entchristlichung in den politischen Theil herüberzunehmen. Es forderte erst die Antisemiten in Pinneberg-Elmshorn nachdrücklich auf, in der Stichwahl für den nationalliberalen Kandidaten Mohr zu stimmen; dann entdeckte es plötzlich, daß dieser ein „jüdischer Herr" sei, und meinte, an dessen Wahl hätten wahre Patrioten auch einem Sozialdeniokraten gegenüber kein Interesse. Nun stellt sich aber heraus, daß der zuverlässige Berichterstatter des erwähnten Blattes nur „nach dem Augenschein" niemals an der jüdischen Abkunft des Herrn Mohr gczweifelt habe. Das Blatt meint aber selbst, der Augenschein könne mitunter täuschen. Das eben ist das Traurige an den antisemitischen Lügen, daß sie Unheil stiften, auch wenn sie nachher nothgedrungen widerrufen werden. Die Wiener Rettungsanstalt, ein humanitäres Institut, dessen Begründung wesentlich durch jüdische Beiträge ermöglicht wurde, war also in der That eine antisemitische Versuchsstation. Wir berichten an anderer Stelle (s. Korrespondenz Wien) über den Ausgang der Untersuchung. In einem glänzend geschriebenen Leitartikel sagt die „Neue Freie Presse" darüber: „Wir hörten bereits das Kichern der Antisemiten, die sich darüber freuten, wie die Juden, welche den Ausbau der Rettungsgesellschaft vielfach unterstützt haben, dafür Spott und Hohn eintauschen, wie sie hinausgedrängt und verstoßen werden. Der feine Spaß endete mit einem voll-' ständigen Wechsel in der Leitung des Institutes, mit einer Genugthuung für die Ankläger, mit einer sittlichen Reinigung des Hauses an der Aspernbrücke. Kann es denn anders sein? Eine antisemitische Rettungsgesellschaft — das ist so wahnwitzig, daß der Begriff kaum zu fassen wäre. Der Judenhaß könnte ja unmöglich auf das Amtsgebäude beschränkt bleiben, er müßte mit Nothwendigkeit auf die Straße getragen werden, und in der natürlichen Steigerung dieser jede Menschlichkeit erstickenden Leidenschaft würde es schließlich dahin gelangen, daß den armen Juden, denen ein Unfall auf der Straße zustößt, die Hilfe versagt bliebe, und daß Wien eine Rettungsgesellschast ausschließlich für christliche Knochenbrüche hätte. Die Untersuchung hat leider gezeigt, daß die fürchterliche Verwilderung selbst diesen abenteuerlichen Gedanken aufkeimen läßt. Graf Wilczek ist der Retter der Rettungsgesellschaft, die in dem Augenblicke auf die alten Sympathien des Publikums rechnen darf, wo die schädlichen Elemente entfernt werden." * Ungarn und Amerika sind und bleiben in Bezug auf die humane, vorurtheilsfreie Gesinnling die besten Länder. In Ungarn hat der Ministerpräsident Wekerlc sofort nach dem Sieg in der Civilehe-Angelegenheit den Gesetzentwurf über die Rezeption der Juden dem Abgeordnetenhause vorgelegt. In Amerika hat sich der berühmte Staatsmann Karl Schurz in einer Ansprache zu Ehren des verstorbenen Jeffe Seligman über den Antisemitismus folgendermaßen ausgesprochen: „Einige Herren, die eine allgemein geachtete Stellung * in der Gesellschaft einnehmen, haben in den veröffentlichten Nachrufen, welche sie den Manen des Verstorbenen widmeten, ihr Bedauern darüber ausgedrückt, daß er und die Seinigen ebenfalls von antisemitischer Feindseligkeit getroffen wurden — jenem engherzigen, verachtungsvollen Geiste, der die Borurtheile der finsteren Jahrhunderte wieder wachruft und in barbarischen Verfolgungen das Heilmittel sucht für alle Uebel, wofür die Unwissenheit der Massen, Faulheit und Leichtfinnigkeit zum größten Theil verantwortlich find — ein Geist, so durchaus der Gerechtigkeit und der Aufklärung widerstrebend, daß es schwer verständlich ist, wie ein Mensch, welcher Selbstachtung befitzt, sich damit befassen oder in Anderen es sehen kann, ohne vor Scham und Unwillen zu erglühen. Ich hörte die Aeußerung, daß ein Jude kein Patriot sein könne, weil er kein Vaterland habe. Diejenigen, welche dies sagen, wollen eben nicht, daß der Jude ein Vaterland habe, und hätten diese Leute ihren Willen, würden sie es ihm unmöglich machen, ein Patriot zu sein. Ein Land kann kaum erwarten, daß diejenigen seiner Bewohner, welche es als Fremde und Auswürflinge behandelt, Patrioten sein können. Im Berhältniß zu dem Vorwalten des antisemitischen Geistes ist es dem Juden schwer gemacht, Patriot zu sein. Wenn er trotzdem Patriot ist, so muß ihm dies als eine Tugend von besonderem Verdienst angerechnet werden Und diese Tugend besaß Jesse Seligman im höchsten Grade. Ich sah ihn und sprach mit ihm zur Zeit, als die Wunde noch frisch war Ich weiß, wie tief es ihn ergriff; ich weiß aber auch, daß, hätte das Vaterland, oder was seiner Anficht nach das öffentliche Wohl erheischte, irgend einen Dienst oder Opfer von ihm verlangt, er bereit war, mit der gleichen begeisterten Hingabe, von welcher er stets beseelt war, dieselbe zu bringen. Er wäre Patriot geblieben, trotz aller Hindernisse — ein leuchtendes Beispiel für seine Stammesgenossen und zur Schande Derer, die den Stamm verunglimpfen, in der That ein Beispiel, das einem jeden Bürger, welch' Glaubens oder Nationalität er sei, vorleuchten mag." Mülmm

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