Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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I; dieser Banken und Aktien-Gesellschaften. Es ist anerkanntermaßen nicht zum geringsten Theile sein Verdienst, daß diese Etablissements, von denen wir nur als die bedeutendsten die Braunschweig-Hannoversche Hypothekenbank, die Aktien-Gesellschaft Georg Egestorffs Salzwerk, die Jlseder Hütte, die Zuckerfabrik Neuwerk und die Lendener-Aktien- Brauerei nennen, auf der Höhe der Zeit stehen. Sein Ansehen in der Geschäftswelt stieg mit der Ausbreitung seines Bankgeschäftes, und das Vertrauen der Bürgerschaft übertrug ihm viele Ehrenämter, die er unermüdlich mit der größten Gewissenhaftigkeit versah, so gehörte er lange Jahre der Handelskammer an, und auch in den Reichsbankausschuß wurde er berufen. Als treuer Sohn seiner Vaterstadt lag ihm die Hebung derselben ganz besonders am Herzen, und jedes Unternehmen, das zum Nutzen und Segen des Landes gereichen konnte, fand seine volle eifrigste Unterstützung. Schon vor der Gründung des Kanalvereins für Niedersachsen hat der Verstorbene als Mitglied des Central-Ausschusses für Binnenschifffahrt die Idee des Mittellandkanals warm vertreten und in keiner Sitzung des hiesigen Kanalvereins gefehlt. Wo es Gemeinnütziges zu schaffen, Noth zu lindern galt, und wo die allgemeine Wohlthätigkeit angerufen wurde, war er stets einer der Ersten der Hilfsbereiten. Als den im Kriege von 1870 gefallenen Kriegern ein würdiges Denkmal in unserer Stadt errichtet werden sollte, stand der Name Louis E Meyer in erster Reihe, und als Schatzmeister des über die ganze Provinz verbreiteten Vereins hatte er an der glücklichen Ausführung des Planes einen sehr großen Antheil. Nicht minder eifrig wirkte er seit einigen Jahren als Schatzmeister des Vereins für Ferienkolonien, sowie des Patriotischen Krieger-Vereins von dessen Gründung an. — Die Königliche Regierung anerkannte seine Verdienste durch Verleihung des Titels Kommerzienrath, dem bald die Ernennung als Geheimer Kommerzienrath folgte Es soll dieses durchaus nicht eine erschöpfende Darstellung der Thätigkeit des Verstorbenen sein, aber das Angeführte dürfte genügen, um' ein ungefähr zutreffendes Bild seines Schaffens und Wirkens zu geben. Der schönste Ruhm, der dem Entschlafenen folgt, ist jedoch die Treue und Hingabe für seinen Glauben, die Begeisterung für das Judenthum, die bei allen Ehren und Auszeichnungen nicht erkaltete und die sich in seiner unermüdlichen segensreichen Wirksamkeit für die Gemeinde und alle ihre Institutionen kundgab. Wir dürfen, ohne der Uebertreibung geziehen zu werden, behaupten, daß Alles, was in den letzten fünfzig Jahren in unserer Gemeinde geschaffen ist, in einer oder der andern Weise seine Unterstützung und Mitwirkung fand. Als vor zweiundfünfzig Jahren Chorgesang in der Synagoge eingeführt werden sollte, war Louis E. Meyer einer der Erstender dafür eintrat, der in dem Chore selbst mitwirkte und mehrere Jahre bis zur Einrichtung eines besoldeten Chores bei uns gewissenhaft ausharrte. So stellte er zu jeder Zeit sein ganzes Leben hindurch seine Kräfte in den Dienst der Gemeinde, zu deren Vorstandsmitgliedern er Jahrzehnte gehörte. Was er für die hiesigen Wohlthätigkeits-Vereine, für die Seminaristen-Vereine, für Lehrer-, Wittwen- und Waisenkasse that, weisen die Jahresberichte auf. Es war das jedoch nur ein geringer Theil seines Wohlthuns, das sich regelmäßig auf alle Armen der Stadt, ohne Unterschied der Konfession, ausdehnte. Eine treue Gefährtin fand er hierin in seiner, ihm vor drei und ein halb Jahren vorangegangenen Gattin, mit der er in der glücklichsten Ehe lebte und deren Verlust er niemals verschmerzte. Bis zu seinem letzten Tage verfolgte er Alles, was zur Hebung des Judenthums und feiner Lehre beitragen konnte, mit regstem Interesse; wie freudig begrüßte er noch in jüngster Zeit die Gründung des „Vereins für Litteratur und Geschichte," dem er bei allen seinen Arbeiten und Aemtern noch als Vorstandsmitglied beitrat und der in ihm einen eifrigen Förderer und Freund verloren hat. — Die Bedeutung des Mannes trat bei seiner am Montag, den 5. Februar, Nachmittags 3 Uhr erfolgten Beerdigung ganz zu Tage. In der großen Trauer-Versammlung, die sich in und vor dem Trauerhause eingefunden hatte, bemerkte man den Stadtdirektor Tramm, den Polizeipräsidenten v. Brandt, den Schulrath Geheimrath Wendtland, den Schulinspektor Dr. Wehrhahn, Pastor Dr Mohr, die Mehrzahl der Senatoren und Bürgervorsteher und die Elite der Bürgerschaft. Die Trauerfeier im Hause wurde durch einen stimmungsvollen Gesang des Oberkantors Linhardt und des Synagogenchors eingeleitet, dem eine ergreifende Leichenrede des Seminardirektors Dr Kroner folgte, der, selbst tief ergriffen über den Verlust des Freundes, die Tugenden des Heimgegangenen als Familienvater und als Vorgesetzter seiner Angestellten schilderte. Nach Abstngung des Psalm 91 wurde der einfache Sarg in den schwarz verhängten Wagen getragen. Ein imposantes Gefolge, wohl über 1500 Personen, darunter der Arbeiter-Verein und der Patriotische Krieger - Verein mit ihren Fahnen, begleitete den Leichenwagen durch die vom Publikum dicht besetzten Straßen, an der Synagoge vorbei, zum Friedhofe an der Strangriede. Hier angelangt, wurde der Sarg von den nächsten Verwandten des Hingeschiedenen in die Leichenhalle getragen und nach abermaligem Chorgesang ergriff Landrabbiner Dr. Gronemann das Wort. In zu Herzen gehenden Worten entrollte er ein Lebensbild des Verblichenen, schilderte dessen Verdienste um Gemeinde und die Provinz Hannover, seine Glaubenstreue und seine Hingebung in Erfüllung der Pflichten, die seine Aemter ihm auferlegten. Der Chor der „Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer" sang im Verein mit dem Oberkantor Psalm 16, während Mitglieder des Vorstandes und Repräsentanten den Sarg zur letzten Ruhestätte zur Seite seiner Gattin trugen. — Die hiesigen Tagesblätter beklagen den Tod des edlen, patriotischen Mannes als emen schweren Verlust für die Stadt und für die Gesammtheit; er war, um das zum Schluß nochmals hervorzuheben, ein so reiner, vorwurfsfreier Charakter, daß der Antisemitismus sich niemals, im Leben noch im Tode, an ihn heranwagte, und die antisemitische Presse, die nichts an ihm zu tadeln fand, sein Hinscheiden mit Stillschweigen überging; eine Anerkennung, die lauter spricht als viele Worte und Reden, ein abgerungenes Zugeständniß, daß „ein glaubenstreuer Jude, ein deutscher Mann, für alles Große und Schöne begeistert, ein unermüdlicher Wohlthäter der Armen" von uns geschieden ist. Gelterreich - Ungarn, 1. Wien, 10. Februar. In der großen Synagoge, 2. Bezirk, Tempelgasse, fand vorgestern Abend das vom Bethausvorstande veranstaltete Requiem für den verstorbenen Oberrabbiner Dr. Adolf Jellinek statt Das geräumige Gotteshaus, das diesem Anlässe entsprechend schwarz drapirt war, konnte kaum die Zahl der der Einladung Folge leistenden Andächtigen fassen, denn es kamen aus allen Bezirken Verehrer des Verblichenen, die aus wahrhafter Pietät diesem feierlichen Trauerakte beiwohnen wollten. Nachdem von Oberkantor Goldstein in Begleitung des verstärkten Chorpersonales der Psalm 49 gesungen worden war, hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann die Gedächtnißrede, in welcher der Freund des Verewigten auf die mehr als fünfzigjährige rastlose Thätigkeit Dr. Jellinek's verwies, deren, namentlich im Bethause, das er eingeweiht, gedacht werden solle. Der Redner ließ das wahrheitsgetreue Bild des Verblichenen erstehen, da Jellinek zu bedeutend war, als daß man ihn erst in der Todtenklage groß machen müßte. Er hob noch die geistige Frische, die Vielseitigkeit seiner Thätigkeit und die Gabe seiner Belehrung und Erbauung hervor und schloß mit den Worten; „daß es uns auch jederzeit gegönnt sein möge, des Friedens in Mitte der Gemeinde theilhaft zu sein, desjenigen^Friedens, den Jellinek als Grundlage zu beinahe sämmtlichen Reden der letzten Jahre genommen." Mit der Abstngung eines Psalmes wurde die Feier geschlossen, die aber nicht den besten Eindruck machte, da der gesangliche Theil sehr viel zu wünschen übrig ließ. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß Verehrer des Verstorbenen Medaillen haben anfertigen lassen, die überaus gelungen sind. Die Aversseite zeigt uns das wohlgetroffene Bildniß Jellinek's im Ornat, umrahmt vom Geburts- und Sterbetage und Ort, während die Reversseite in hebräischen Buchstaben die großen unvergänglichen Verdienste wiedergiebt. Der Preis der Medaille, die in keinem Hause fehlen sollte, ist in Bronze Mark 7 —, in Silber getrieben Mark 18.— □ Wien, 12. Februar. In dem jüngst dahingeschiedenen großen Gelehrten Professor Dr. Theodor Billroth verliert der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" eines seiner eifrigsten Mitglieder — und trotz dieser Thatsache wagt Dr. Lueger in der gestrigen Sitzung des Landtages zu behaupten, Billroth wäre Antisemit gewesen, aus dem Grunde, weil der große Gelehrte sich vor Jahren gegen den massenhaften Zuzug der galizischen und ungarischen Studenten ausgesprochen. Abgeordneter Noske widerlegt in scharfer Weise die Ausführungen Lueger's: „Nach dem Statut der Universität ist die Stätte der Wissenschaft Jedem freigegeben u. s. w." Dieser Abgeordnete richtete auch folgende Interpellation an den Statthalter: „Zu wiederholten Malerl ist es in Wien und auf dem flachen Lande in Niederösterreich, zuletzt in